Vor einem Monat erst wurde ein tierischer Besucher in Esslingens Altstadtgassen gesichtet und jetzt auch in Nürtingen: In der vergangenen Woche ist ein Biber in den frühen Morgenstunden durch die Innenstadt gewatschelt – fernab seines natürlichen Lebensraums am Wasser. Weshalb ein aufmerksamer Nürtinger Bürger umgehend die Polizei informierte und dem Ausflug in die Zivilisation damit ein Ende setzte.
Mit vereinten Kräften von Passanten, Streifenbeamten und Mitarbeitern des städtischen Ordnungsamtes wurde der große Nager eingefangen und zunächst ins Polizeirevier gebracht. Dort holte der zwischenzeitlich verständigte Biberbeauftragte des Esslinger Landratsamtes das Tier ab, um es am Nürtinger Neckarufer wieder freizulassen. „Das ist sicher der bessere Ort für die Biberin, um ihren Nachwuchs aufzuziehen“, berichtet das Polizeipräsidium Reutlingen von diesem ungewöhnlichen Einsatz. „Sie ist nämlich trächtig.“
Es ist nicht ein und dasselbe Tier, sagen Experten
Dass es sich in beiden Fällen um ein und dasselbe Tier gehandelt hat, ist nach Einschätzung von Experten ausgeschlossen. „Zwischen Esslingen und Nürtingen gibt es mehrere Biberreviere entlang des Neckars, welche jeweils von einer territorialen Biberfamilie besetzt sind“, heißt es auf Nachfrage aus dem Esslinger Landratsamt. „Ein, wie im Falle des Tieres in Nürtingen, trächtiger weiblicher Biber würde nicht zwischen mehreren Biberrevieren wandern.“
Wie viele Biber es im Kreis Esslingen inzwischen gibt, kann das Landratsamt nicht sagen. „Ein Monitoring durch die untere Naturschutzbehörde findet aktuell nicht statt“, teilt die Behörde mit. Schätzungen gehen von 7000 Tieren in ganz Baden-Württemberg aus – eine erfreuliche Entwicklung, galt die Art doch noch vor wenigen Jahrzehnten als nahezu ausgerottet.
Biber sind auf Nahrungssuche oder auf Wanderung
Immer wieder werden sie auch in Städten gesichtet. Nicht, weil sie sich dorthin „verirren“, sondern aufgrund geänderter Umweltbedingungen. Niels Hahn, der Biberbeauftragte des Regierungspräsidiums Stuttgart, erklärt das so: „Da viele Gewässer durch Siedlungsräume verlaufen, verlassen Biber gelegentlich zur Nahrungssuche oder während der Wanderung von Jungtieren das Wasser. Dabei gelangen sie vereinzelt auch in gewässernahe Stadtbereiche. Solche Ereignisse lassen sich grundsätzlich nicht ausschließen und finden meist in den Dämmerungs- und Nachtstunden statt.“
Doch so ein Spaziergang auf ungewohntem Terrain ist nicht ungefährlich für die Wildtiere – Zäune und dichte Bebauung könnten die Biber an der Rückkehr ins Gewässer hindern, sagt Hahn. „Problematisch kann dies insbesondere werden, wenn Verkehrswege überquert werden müssen.“
Was tun, wenn man einen Biber in der Stadt sieht?
Wer einen Biber weitab von seinem natürlichen Lebensraum im Stadtgebiet entdeckt, sollte vor allem eines tun: Ruhe bewahren, lautet die Empfehlung des Landratsamtes. „Ein Abstand ist einzuhalten, um das Tier nicht unnötig in Stress zu versetzen.“ Und: „Es ist umgehend die untere Naturschutzbehörde oder die örtliche Polizei zu informieren.“ Der Biber gehöre zu den streng geschützten Arten in Deutschland. „Es ist verboten, sie zu fangen, sie zu verletzen oder zu töten.“