Ernst Jünger in Wilfingen Das Haus des einsamen Kriegers

Seit 1951 lebte die Familie Jünger in der Oberförsterei des Barons von Stauffenberg Foto: picture-alliance/dpa

Ein Besuch im Haus des Schriftstellers, Käfersammlers und Ordnungsmenschen Ernst Jünger in Wilfingen auf der Schwäbischen Alb.

Von den hygienischen Gewohnheiten prominenter Schriftsteller ist wenig bekannt. Niemand weiß, ob Thomas Mann Mundwasser benutzt hat. Wir wissen auch nicht, ob Ingeborg Bachmann ihre Zahnbürsten nach der Farbe oder den Borsten ausgesucht hat. Informationen dieser Art sind belanglos, sie tragen kaum zur Erhellung des Werkes bei. Man muss sich also nicht erst in den Waschräumen der schreibenden Menschen umsehen. Bei einem berühmten und berüchtigten Autor erhellt der Blick ins Badezimmer ein ganzes Leben: Es geht um Ernst Jünger (1895-1998), der so alt geworden ist, dass er fast das ganze wilde 20. Jahrhundert erlebt hat.

 

Jünger verbrachte fast fünf Jahrzehnte in Wilflingen, einem Dorf auf der südlichen Schwäbischen Alb. Einer seiner Verehrer und Unterstützer, der Baron von Stauffenberg, hatte ihm dort nach dem Zweiten Weltkrieg ein stattliches Gebäude angeboten. Die Oberförsterei, wie das alte Amtshaus bis heute heißt, stand damals leer. Jünger zog mit Frau und Sohn Alexander ein (der andere Sohn Ernst war gefallen) und etablierte sich schnell. Die patriarchale Aufteilung der Räume entsprach ganz seiner Art und den weit gespannten Forschungsgebieten, die er in dem spätbarocken Ambiente seiner Bel Etage entfalten konnte. Die Familie verzog sich derweil ins Dachgeschoss. Man kann sich kaum vorstellen, dass hier jemals die Schlagerparade aus dem Radio tönte.

Ernst Jünger an seinem Schreibtisch Foto: Imago

Das Badezimmer staffierte der Hausherr nach seinem Bedarf aus. In dem hohen Raum stößt der der Besucher auf ein zentrales Objekt – eine ausladende Badewanne mit geschwungenen Füßen. Darin nahm Jünger täglich nach dem Frühstück ein eiskaltes Bad. In seiner nüchternen, nahezu humorfreien Art erklärte er es so: Kaltes Wasser bewirkt entweder den Stillstand des Herzens – oder das Wasser erwärmt sich allmählich durch die Wärme des Körpers. Man müsse nur lange genug liegen bleiben, bis dieser Effekt eintrete. Jünger wurde 102 Jahre alt. Er brauchte niemals einen Gehstock, obwohl er im Laufe seines Lebens ein sattes Dutzend dieser Gehhilfen erworben hatte.

Wer die Räume der Oberförsterei durchschreitet, kommt aus dem Staunen nicht heraus. Jünger schrieb in der oberschwäbischen Einsamkeit nicht nur seine Essays oder Erzählungen mit Science-Fiction-Charakter. Er verwandte noch mehr Zeit auf eine Käfersammlung, die in Fachkreisen Berühmtheit erlangt hat. 40 000 der Tierchen fing er im Lauf der Jahrzehnte ein, legte sie unter das Mikroskop, bestimmte sie, durchstach sie mit einer Nadel. Derart aufgespießt wurden die Käfer in flachen Schubladen gelagert, angelegt nach einem strengen System. Auch die Käferkästen kann der Besucher betrachten und einzelne Laden aufziehen. Ein etwas unheimliches Hobby.

Werner Späth kennt diese leicht gruslig wirkende Welt gut. „Jünger war ein universaler Geist“, berichtet der Rentner und betont jede Silbe. Späth ist einer der Kuratoren, die das Publikum durch Jüngers fremde Welt führen. Mit trockenem Humor erklärt er, warum der Hausherr Sanduhren sammelte und gern getrocknete Schlangenhäute von seinen zahlreichen Reisen mitbrachte.

Die Aura des schreibenden Kriegers hat Jünger bis zuletzt begleitet. Seine Karriere begann mit einem schmalen Bändchen, in dem er seine Erlebnisse im Ersten Weltkrieg niederschrieb. „In Stahlgewittern“ machte den ehemaligen Frontsoldaten über Nacht zum viel gelesenen Autor.

Er berichtet darin authentisch und nüchtern über das Leben zwischen Schützengraben und Etappe. Anders als etwa Erich Maria Remarque, der den Krieg im Rückblick verdammt, gewinnt Jünger dem Soldatenleben viel Gutes ab. Er preist den Krieg als „inneres Erlebnis“. Für eine Generation von Heimkehrern waren Jüngers Zeilen wertvoll. Sie gaben vielen Männern das Gefühl, dass nicht alles umsonst gewesen sei.

Werner Späth führt durch das Dichterhaus Foto: Uli Fricker

Werner Späth zeigt auf eine Vitrine, in der die Orden aufbewahrt sind. Darunter blinkt auch der preußische Pour le Mérite mit Tatzenkreuz und blauem Email. Kein anderer junger Leutnant erhielt diese Auszeichnung. Ernst Jünger nutzte seine plötzliche Prominenz in den 1920er Jahren. Er schrieb heftig gegen die Weimarer Republik an. Er verachtete das Parlament und jene, die darin arbeiteten. Er war antiparlamentarisch und ein konservativer Nationalist. Die Nazis, die ihn später zu vereinnahmen suchten, verabscheute er. Zu vulgär, zu übel riechend, zu wenig französisch. Als ehemaliger Stoßtruppführer, der mit viel Glück das Gemetzel überlebt hatte, genoss er gewisse Freiheiten, obwohl sich nie vor den Karren der braunen Bewegung spannen ließ.

Nach Wilflingen wehte es die Familie Jünger 1951. Weitab von den Städten errichtete der Käfermann sein eigenes Lebensgerüst. Er sammelte, korrespondierte, botanisierte. Die Leute vom Dorf kannten ihn. Wilflingen zählt etwa 420 Einwohner, berichtet Späth, der aus dem Ort stammt. Er kann sich gut erinnern, wie Jünger damals lange Spaziergänge unternahm. Nein, angesprochen habe er ihn nie, das traute er sich nicht. Die Leute begegneten ihm ehrfürchtig. Bekannt war der drahtige Mann auch im nahen Gasthaus „Löwen“. Wenn es dort Schlachtplatte gab, konnte der Wirt mit dem rätselhaften Zeitgenossen rechnen. Er habe immer tüchtig reingehauen, heißt es.

Immer mehr Prominente kamen in den unscheinbaren Ort und machten ihm die Aufwartung. Helmut Kohl erschien mehrfach mit großer Entourage. Beim zweiten Besuch brachte der Bundeskanzler den französischen Präsidenten Francois Mitterrand mit, der sich als begeisterter Jünger-Kenner erwies. Erwin Teufel fuhr aus Stuttgart an. Großer Bahnhof in Wilflingen, was auch den Leseverweigerern im Dorf zeigte, dass ihr Mitbürger in der Oberförsterei irgendwie anders ist. Bemerkenswert: In der weitläufigen Wohnung stehen keine Bilder vom Promiauflauf in Wilflingen. Dafür in jedem Raum Büsten mit Jüngers markanten Kopf. An Selbstbewusstsein mangelte es ihm nicht.

Andere Dinge waren ihm offenbar wichtiger als der Aufmarsch seiner Verehrer: die Käfer, seine französische Bibliothek, die Tagebücher. An einer Stelle gibt er auch Selbstauskunft: Das Betrachten der Natur helfe ihm, die Ordnung zu erkennen. Das Bestimmen eines Käfers aus Sansibar und das Schreiben haben eines gemeinsam: Sie schaffen Ordnung in einer Welt, die eigentlich ungeordnet ist. Als Teilnehmer in beiden Weltkriegen hatte er das Chaos erlebt. In seinem privaten Refugium systematisierte und schubladisierte er die Welt um sich herum, um die Idee dahinter zu begreifen.

In einer Ecke steht ein Stahlhelm unter einem Glassturz. Der Helm ist auf Höhe der rechten Schläfe aufgerissen, eine Kugel drang damals ein. Jünger trug die Stahlhaube im Ersten Weltkrieg. Er überlebte den Schuss wider alle Wahrscheinlichkeit. Dass er später dennoch positiv über die Schlachten schreiben sollte, gehört zu den Mysterien dieses Jahrhundertlebens. Mehrfach hatte er unbegreifliches Glück. Er rettete andere, zog viele aus dem feindlichen Feuer.

Das Dichterhaus wird von einer Stiftung betreut. Die sparsamen Erklärungen wurden vom Deutschen Literaturarchiv in Marbach erstellt. Sie helfen beim Verstehen eines Lebenslaufs, der so einzigartig wie bizarr ist. Das Haus selbst ist dabei der größte Erzähler. Es wurde seit dem Tod des Autors 1998 kaum verändert. Lediglich einige tausend Bücher kamen nach Marbach, um Platz zu schaffen. Die erzählenden Stücke blieben: die Badewanne mit zweiflügligem Vorhang in Rosa. Die Registratur, in der 90 000 Briefe dokumentiert wurden. Das Arbeitszimmer mit dem zweigeteilten Arbeitstisch (an einer Hälfte schrieb er in große Hefte, an der anderen stehen Mikroskop und Nadeln für die Käfer). Der getrocknete Kugelfisch. Die alte AEG-Schreibmaschine, Modell „Olympia“. „Da hat er selbst drauf getippt“, berichtet Werner Späth, „wir haben es von draußen gehört, wenn wir am Haus vorbeigingen.“

Eiskalt in den Tag: Jüngers Badewanne Foto: Uli Fricker

Auf einem Tischchen: ein zierlicher Aschenbecher, daneben Streichhölzer und eine Schachtel Dunhill. Seit seinem 100. Geburtstag habe sich der alte Herr hier und da eine Zigarette gegönnt, berichtet Späth. Natürlich bleibt das Ensemble so stehen. Ebenso die Opiumpfeife, mit der Jünger verschiedenste Rauschgifte probierte. Auch das damals neue LSD testete er und beschrieb dessen Wirkung in sehr nüchternen Sätzen.

Späth lernte nach der Bundeswehr den Beruf des württembergischen Bezirksnotars, wie er sagt. Dann verwaltete er Häuser. Heute schließt er ein Haus auf und zu, das unter den Dichterresidenzen seinesgleichen sucht. Die Oberförsterei wirkt, als sei der Bewohner nur kurz außer Haus.

Späth gibt noch einen Tipp mit auf den Weg: „Schauen Sie beim Friedhof vorbei.“ Dort, am Dorfrand, liegen Ernst Jünger und weitere vier Mitglieder der Familie unter einfachen schrägen Pulten. Während die Steine der anderen Gräber aufrecht stehen und üppig dekoriert sind, verschwinden die weißen Tafeln fast unter dem Bodengrün.

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