Ernte-Bendl im Kreis Böblingen Äpfel, die jeder pflücken darf
Rotgelbe Bändchen an Obstbäumen im Kreis Böblingen bedeuten: Hier darf gepflückt werden. Von einer pragmatischen Idee und ihren Hürden.
Rotgelbe Bändchen an Obstbäumen im Kreis Böblingen bedeuten: Hier darf gepflückt werden. Von einer pragmatischen Idee und ihren Hürden.
Verwunschen liegt die Streuobstwiese von Katja Schorm im diesigen Mittagslicht eines Herbsttags. Die Äste biegen sich unter der Last der Früchte. Rotgolden leuchten die Äpfel zwischen den Zweigen. Rotgolden leuchten auch die Bänder, die Schorm an allen Obstbäumen auf ihrer Wiese angebracht hat. Sie signalisieren: Jeder darf hier ernten.
Es handelt sich um „Ernte-Bendl“. Dahinter steht eine Aktion der Fachstelle für Obst- und Gartenbau im Kreis Böblingen, die verhindern will, dass Obst ungenutzt an den Ästen verdorrt oder auf dem Boden verfault. Sie soll Streuobstwiesenbesitzer, die nicht selbst pflücken können, mit Menschen zusammenbringen, die gerne ernten würden, aber keine eigene Wiese haben.
Schorm zeigt sich davon begeistert. „Das Bendl ist eine gute Möglichkeit, darauf aufmerksam zu machen, dass die Bäume abgeerntet werden dürfen.“ Denn eigentlich gilt: Selbst wenn die Bäume mit überreifem Obst vollhängen und offensichtlich ist, dass niemand sich darum kümmert, darf man die Früchte nicht mitnehmen, auch nicht in kleinen Mengen. „Egal wie lange die Äpfel auf dem Boden liegen und egal wie spät es im Jahr ist“, betont Manfred Nuber von der Fachstelle für Obst- und Gartenbau.
Was aber tun, wenn die Eigentümer keine Zeit und Kapazitäten haben, selbst zu ernten? Wer sich die Wiese von Schorm in Weil im Schönbuch anschaut, bekommt eine leise Idee davon, wie viele Kilogramm Früchte da zusammenkommen. Mirabellen, Äpfel und Birnen, die alle gepflückt, abtransportiert und verarbeitet werden müssen.
Katja Schorm ist berufstätig, da bleibt wenig Zeit, sich um so ein großes Stückle zu kümmern. Trotzdem hängt sie daran. Die Wiese gehöre der Familie seit mehreren Jahrzehnten. „Mein Vater war Hobbylandwirt“, erzählt sie. „Er hat gerne geerntet, gemostet und auch mal Schnaps gemacht.“ Sogar Ponys hätten früher auf der Wiese gegrast, und ihre eigenen Kinder seien darauf herumgetobt. Sie selbst interessiere sich weniger für die Bäume, betont aber: Brauche sie Äpfel, dann hole sie die Früchte von ihrer Wiese, nicht aus dem Supermarkt.
So wie Schorm geht es vermutlich einigen Streuobstwiesenbesitzern. Die Ernte-Bendl, die es auf den Rathäusern im Kreis gibt, setzen an dieser Stelle an. Allerdings scheint ihr Erfolg verhalten. „Das Potenzial wäre groß, aber die Leute bekommen davon gar nichts mit“, sagt Nuber bedauernd. Ihn ärgert, dass es – im Gegensatz zu Schorm – Grundstückseigentümer gebe, die sich nicht um ihre Streuobstwiese kümmern würden. Sie lebten oft gar nicht mehr im Kreis Böblingen, wollten aber auch nicht verkaufen, für den Fall, dass sie die Wiesen noch gebrauchen könnten oder sie irgendwann in wertvolles Bauland umgewandelt werden sollten. In der Zwischenzeit verwahrlose die Wiese.
Den Obstbauexperten stört das umso mehr, weil er von viele Menschen im Kreis wisse, die gerne eine Streuobstwiese bewirtschaften würden – obwohl es ein „Draufzahlgeschäft“ ist, wie Nuber sagt. „Aber es gibt viele, denen es Spaß macht, sich um die Bäume zu kümmern, eigene Äpfel zu ernten und ihre Wissen an die Kinder weiterzugeben“, weiß er.
Tatsächlich sind beispielsweise auf der Homepage „Streuobstwiesenbörse“ im Kreis Böblingen mehr Gesuche als Angebote veröffentlicht. Eine Anzeige unterstreicht Nubers Einschätzung: „Junge Familie, die in Gärtringen sesshaft geworden ist, sucht eine Streuobstwiese zur Bewirtschaftung, um Naturnähe zu leben“, steht dort etwa. Überhaupt nehmen die Streuobstwiesen im Kreis Böblingen einen hohen Stellenwert ein, gelten als wichtige Kulturlandschaft und als ein Charakteristikum des Landkreises.
Doch nicht nur das Nicht-Wissen über die Bendl-Aktion bei Grundstückseigentümern dürfte ein Problem sein, sondern auch die Schwierigkeit für Ernteinteressierte herauszufinden, wo sie konkret pflücken dürfen. Eine Karte, auf der alle Streuobstwiesen mit Ernte-Bendl im Kreis Böblingen verzeichnet wären, gibt es nicht. So bleibt es bei zufälligen Entdeckungen und Mund-zu-Mund-Propaganda.
Hinzu kommt, dass nicht alle Kommunen im Kreis die Bendl verteilen. So hat sich Herrenberg beispielsweise dagegen entschieden. Man habe rechtliche Bedenken, auf den eigenen Wiesen die Bändchen anzubringen, weil man dann sicherstellen müsste, dass niemandem ein Ast auf den Kopf fällt, erklärt Sprecherin Tilla Steinbach. Und da die Stadt nicht mit gutem Beispiel vorangehe, verteile man das Bendl gar nicht.
„Wir hatten anfangs die rechtlichen Aspekte abgeklärt und das Bendl als unbedenklich empfunden“, sagt hingegen Nuber. Man beauftrage ja niemanden, das Obst zu ernten, gehe also keine Geschäftsbeziehung ein. Er steht hinter der Aktion, die für ihn vor allem eine Art „Zwischenlösung“ darstellt. „Noch besser wäre es, wenn die Wiesen langfristig verpachtet oder verkauft würden“, sagt er. Vielleicht könnten über die Bendl-Aktion entsprechende Kontakte entstehen.
Katja Schorm hat mit den Bändchen bislang gute Erfahrungen gemacht. Zwar seien zum Saisonende nie alle Früchte weg gewesen, aber das Ernteangebot sei genutzt worden „Jemand der wusste, dass die Wiese uns gehört, hat uns als Dankeschön sogar mal zwei Kisten Apfelsaft vorbeigebracht.“
Ernte-Bendl
können auf den Rathäusern abgeholt werden. Die Bänder aus reißfestem Papier verrotten von selbst. Noch bis etwa 25. Oktober läuft die Erntesaison für Äpfel.
Streuobstwiesen
bieten laut BUND mehr als 5000 Tier- und Pflanzenarten einen Lebensraum und gelten als wertvolle Kulturlandschaft.
Streuobst-Pädagogik
Anfang des Jahres wurde im Kreis Böblingen eine Internationale Streuobst-Pädagogik-Akademie gegründet – maßgeblich auf Initiative von Beate Holderied aus Weil im Schönbuch. Sie engagiert sich seit vielen Jahren für die Wissensvermittlung rund um Streuobstwiesen