Seit zwei Stunden zupfen die Freundinnen an diesem Maimorgen bereits Erdbeeren. Für 9,35 Euro die Stunde füllen sie Schale um Schale mit den süßen Früchten – Mindestlohn. Die 20-jährige Maria überbrückt die Zeit bis zum Beginn ihrer Ausbildung als Schreinerin. Alina, 21, hatte ihre Stelle in einer Zahnarztpraxis gekündigt, um auf Reisen zu gehen. Die Corona-Krise vereitelte den geplanten Trip in die USA. „Erdbeeren zu ernten ist besser, als daheim rumzusitzen.“
Die jungen Frauen haben gelernt, nur die leuchtend roten Früchte zu pflücken. Behutsam, damit keine hässlichen Druckstellen entstehen. Sie haben außerdem gelernt, wie anstrengend es sein kann, Stroh auf dem Feld zu verteilen und sich stundenlang mit krummem Rücken über Erdbeerpflanzen zu beugen. „Aber es ist schön, draußen zu arbeiten“, sagt Maria. „Und irgendwie unterstützen wir damit ja auch das Land.“
„Saisonarbeiter dürfen nicht mehr einreisen“ – „Ernte in Gefahr“ – „Erntehelfer müssen draußen bleiben“. Mit diesen Schlagzeilen begannen für die Brodbecks Ende März die Probleme. Auf sechs Hektar baut die Familie Erdbeeren an. Ihr gehört auch das Feld, auf dem Maria und Alina arbeiten. Normalerweise zupfen 15 Helfer aus Rumänien und Polen für sie. Plötzlich sah es danach aus, als müsste die Ernte ausfallen. Dann sprangen deutsche Helfer ein. Kann das gut gehen?
Die Rumänen durften nicht über die Grenze
Fast die ganze Familie Brodbeck hat sich an diesem Morgen am Feldrand versammelt: Margit Brodbeck, auf die der Betrieb seit dem Tod ihres Mannes läuft. Sohn Matthias, der vor zehn Jahren einstieg. Seine Frau Bettina und ihre drei kleinen Kinder.
Die Brodbecks verdienen ihren Lebensunterhalt seit Generationen mit der Landwirtschaft. Ein Schaf im Familienwappen erinnert daran, dass ihr Urahn einst als Schäfer begann. Später standen Milchkühe im Stall, und auf den Feldern spross Kohl, bis sich beides nicht mehr rentierte. 1985 stellte die Familie dann auf Sonderkulturen um, vor allem Erdbeeren. Neun verschiedene Sorten reifen auf den Feldern, von der frühen Flair bis zur späten Malwina.
Die polnischen Erntehelfer fürchteten sich vor Corona und sagten ab. Die Rumänen wollten gerne kommen, durften aber nicht über die Grenze. Wenn die Erdbeeren nicht auf den Feldern verfaulen sollten, musste schnell eine Lösung her. „Wir haben bei ‚Das Land hilft‘ eine Anzeige aufgegeben“, sagt Bettina Brodbeck. Die Internetplattform bringt Landwirte und Menschen, die bei der Ernte helfen wollen, zusammen. Was dann passierte, überraschte alle.
Bettina Brodbecks Telefon stand nicht mehr still. Bewerbungsbogen um Bewerbungsbogen schickte sie raus – 250 bekam sie ausgefüllt zurück. Einige bewarben sich mit Fotos, einer schickte die Kopie seines Ausweises mit. Rentner und Studenten boten sich als Erntehelfer an, aber auch Fotografen ohne Aufträge, Gastronomen ohne Gäste und Friseure, die keine Haare mehr schneiden durften. Alle wollten auf den Feldern ackern, als hätten die Brodbecks Urlaub auf dem Bauernhof ausgeschrieben.
30 deutsche Helfer
Deutsche, die bei der Ernte helfen? Margit Brodbeck war skeptisch. Die 60-Jährige erinnert sich noch gut an deren letzten Einsatz vor etwa 15 Jahren. Angesichts der hohen Arbeitslosenzahlen schrieb die damalige Regierung den Landwirten vor, einen Teil der ausländischen Erntehelfer durch deutsche zu ersetzen. Doch erst fand das Arbeitsamt niemanden, dann schließlich sollten zwei Helfer kommen. Einer tauchte überhaupt nicht auf, der andere warf schon nach wenigen Tagen wieder das Handtuch. „Die Verständigung war zwar einfacher, aber die Motivation fehlte“, sagt der 32-jährige Sohn Matthias.
Doch nun blieb den Brodbecks nichts anderes übrig, als es zu versuchen. „Mein Vater hat immer gesagt: ‚Ma ka nedd emmer davoolaufa“, sagt Matthias Brodbeck. Soll heißen: Die Dinge liegen nun mal, wie sie liegen. Machen wir also das Beste daraus.
Alina und Maria standen eines Tages einfach auf dem Hof und drückten Bettina Brodbeck ihre Kontaktdaten in die Hand. Das imponierte ihr: „Wer sich so viel Mühe gibt, soll auch einen Platz bekommen.“ Die Familie entschied sich für 30 deutsche Helfer – also doppelt so viele, wie sie ausländische Saisonarbeitskräfte eingestellt hätte. Vor allem Frauen erhielten eine Zusage: „Die sind erfahrungsgemäß flinker beim Pflücken.“
Für die Zeit der Corona-Krise dürfen Arbeiter in der Landwirtschaft bis zu zwölf Stunden am Tag eingesetzt werden. Den deutschen Helfern muten die Brodbecks aber nur kurze Schichten zwischen vier und fünf Stunden zu. „Die sind diese Art körperliche Arbeit nicht gewöhnt“, sagt Bettina Brodbeck. Auch was die Erntemenge angeht, werden sie es kaum mit einer rumänischen Arbeitskraft aufnehmen können. „Da steckt einfach eine andere Motivation dahinter, wenn ich in der Heimat eine mehrköpfige Familie vom Erntegeld satt bekommen muss.“
Die größte Aufregung: ein Feldhase
Um halb zehn brennt die Sonne schon gewaltig auf die Kappen der Erntehelfer. Maria und Alina huschen zu dem am Feldrand geparkten Van, um sich kurze Hosen anzuziehen. Nicht die beste Idee, wie sie schnell merken: „Oh Alina, jetzt können wir uns gar nicht mehr hinsetzen.“ Das Stroh pikst auf den nackten Beinen. Gebückt im Stehen machen sich die Frauen an die Arbeit. Die größte Aufregung an diesem Vormittag: ein Feldhase.
An einer anderen Stelle im Feld knien Nils und Marilen, beide um die 20. Marilen Wieland ist Studentin. Nils Storz hat sein Abitur in der Tasche und stößt im September zum Gebirgsjägerbataillon in Mittenwald. Den Namen Brodbeck kannte er schon von ihren Verkaufsständen. „Die Erdbeeren sind super.“ Nun lernt er, wie viel Arbeit damit verbunden ist.
Etwa eine Stunde brauchen die Helfer, um eine Holzkiste mit zehn Schälchen zu füllen. Fünf Kilo Beeren kommen dabei zusammen. Erwischen sie einen guten Strauch, sind auch mal zwei Kisten drin. Um auf dem Feld leichter mit den Kisten zu hantieren, stehen sie auf einer Pflückhilfe, einem Metallgestell mit vier Füßen. An den gebogenen Griff hat Nils eine Lautsprecherbox gehängt. „Gerade läuft eine 90er Playlist, das wollten die Mädels da vorne“, sagt er und nickt Richtung Maria und Alina. „Wir hören hier aber gar nichts“, schallt es aus Richtung der Frauen. Die Stimmung an diesem Morgen ist ausgelassen wie in einem Feriencamp. Freie Zeit durch Corona, viel frische Luft und das Gefühl, einen sinnvollen Beitrag zu leisten, haben die vier jungen Helfer mindestens ebenso aufs Feld gelockt wie die Aussicht auf etwas Geld.
Erste Pflückerfahrung in Neuseeland
Maria, die angehende Schreinerin, hat schon in Neuseeland und Tasmanien auf Feldern gearbeitet. Nach ihrem Fachabitur wollte sie was von der Welt sehen. „Irgendwann geht das Geld aus, dann muss man eben Blaubeeren pflücken.“ Allerdings zahlten die Farmer dort nach Kilo – „das dauerte ewig, bis man eine Menge zusammenhatte, und schlecht bezahlt war es auch“. Demgegenüber wirkt ein fester Stundenlohn – unabhängig davon, wie fix man ist – luxuriös.
Über die deutschen Helfer findet Hofbesitzerin Margit Brodbeck bislang nur lobende Worte. Zuverlässig seien sie und mit Spaß bei der Arbeit. Trotzdem ist die Familie erleichtert, dass nun doch einige ihrer bewährten Helfer aus dem Ausland dazugestoßen sind. László, ein Rumäne, der schon vor der Grenzschließung in Deutschland war, genießt es offenbar ein bisschen, der Profi unter lauter Amateuren zu sein. Etwa wenn er Alina ermahnt: „Keine Antenne!“ Die Bezeichnung hat er geprägt, weil er das Wort für Stiel nicht wusste, erzählt Bettina Brodbeck später.
„Wir wussten ja nicht, ob es mit den deutschen Helfern klappt“, sagt die 31-Jährige. „Ob sie tatsächlich kommen und wie sie arbeiten.“ Deshalb bemühte sie sich parallel weiter um ausländische Kräfte. Drei Rumänen ließen die Brodbecks im Mai einfliegen. Ein Nervenkrieg. Der erste Flug wurde erst verschoben, später annulliert. Schließlich bekamen sie ihre Helfer in eine Maschine, die am 17. Mai in Deutschland landete. Rund 270 Euro zahlten sie pro Person inklusive Gesundheitscheck. „Ich nenne mich inzwischen Corona-Beauftragte“, sagt Bettina Brodbeck.
Strikte Abgrenzung der Neuen
Söhnchen Moritz war gerade erst geboren, da las sich seine Mutter schon durch seitenweise Hinweise zum Gesundheitsschutz. Die Neuanreisenden müssen sie auf dem eigenen Hof unterbringen, die Zimmer maximal zur Hälfte belegen, ausreichend Desinfektionsmittel zur Verfügung stellen. Arbeiten dürfen die Neuen die ersten zwei Wochen nur strikt getrennt von allen anderen.
Wie viele Erdbeeren die Felder von Brodbecks am Ende abwerfen, schwankt von Jahr zu Jahr enorm. Ein Hof, wie sie ihn bewirtschaften, erntet im Schnitt pro Saison zwischen 10 und 14 Tonnen je Hektar. Vor zwei Jahren nahm Matthias eine 70-Prozent-Stelle als Versuchstechniker an der Universität Hohenheim an. Ein zweites Standbein. „Ich bin froh, wenn wir diese Saison halbwegs gut rumbekommen“, sagt er.