Eröffnung Cannstatter Wasen Schuster macht sein letztes Fass auf

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Hoch die Krüge: Oberbürgermeister Wolfgang Schuster eröffnete am Freitagabend mit dem traditionellen Fassanstich das 167. Cannstatter Volksfest – das letzte Mal in seiner Amtszeit.

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Stuttgart - Die Krüge hoch: Auf der Eröffnungsfeier des 167. Cannstatter Volksfestes am Freitagabend benötigte Oberbürgermeister Wolfgang Schuster beim traditionellen Fassanstich drei Schläge. Im Publikum nahmen die OB-Kandidaten Fritz Kuhn, Sebastian Turner und Bettina Wilhelm Anschauungsunterricht im Hammerschwingen. Gemeinsam mit Ministerpräsident Winfried Kretschmann prostete OB Schuster den Gästen in Michael Wilhelmers Schwabenwelt zu.

Wolfgang Schuster eröffnete den Wasen zum letzten Mal in seiner Amtszeit. In einer launigen Eröffnungsrede attestierte er den Schwaben, nicht nur Weltmeister im Sparen, sondern auch im Feiern zu sein. Einen Seitenhieb gegen seine potenziellen Nachfolger konnte er sich dabei nicht verkneifen: „Der Beautywettbewerb der vielen Köpfe am Straßenrand zeigt wieder mal eines: Wer die Wahl hat, hat die Qual!“ Auch die Landesregierung bekam ihr Fett weg: „Die Minister konnten nicht kommen. Die müssen lautlos all die Wahlversprechen einsammeln, während wir hier feiern.“ Umrahmt wurden Schusters Kalauer von erbarmungslosem Kirmestechno, vorgetragen von den Trenkwaldern, Antonia und anderen. Der SWR übertrug die Feier.

Die Veranstalter rechnen mit 3,5 Millionen Besucher

Neben den Festzeltwirten, die sich seit Jahren über einen steigenden Zuspruch freuen, blicken auch die Schausteller der Neuauflage des Volksfestes gespannt entgegen. Marcus Christen von der Veranstaltungsgesellschaft In Stuttgart hatte die 300 Beschicker in den Tagen vor Beginn zu einer Vollversammlung im Cannstatter Hochamt geladen, in der die Schausteller über Neuerungen aufgeklärt wurden.

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Der Kontrast zwischen der grellen Eröffnung des Wasens und der eher ruhigen Vorabbesprechung der Beschicker hätte kaum größer sein können. Bevor die Massen das Areal bevölkern – die Veranstalter rechnen mit rund 3,5 Millionen Besuchern – herrscht gespannte Betriebsamkeit auf dem Areal. Die XXL-Schaukel schwingt bedrohlich gen Himmel, ganz ohne Insassen, als würde das Fahrgeschäft vorab schon mal die mechanischen Muskeln spielen lassen, während hinter dem Riesenrad ein Gewitter aufzieht.

Hinter den Volksfest-Kulissen hatten Beobachter in den vergangenen Jahren auch das ein oder andere Gewitter ausgemacht. Grund: Während die Wirte der Festzelte jede Menge Umsatz machen, beklagte sich manch Schausteller über einen ungünstigen Stellplatz im Schatten der Bierausgabestellen. „Natürlich haben die Zelte mittlerweile die Macht“, sagt Joachim Hohl, Vorsitzender des Schaustellerverbandes Südwest Stuttgart. „Das ist aber ein Geben und ein Nehmen zwischen den Wirten und uns, wie in einer Partnerschaft“, erklärt Hohl. Schade sei höchstens, „dass sieben Wirte mehr bewirken als 300 Schausteller. Die ziehen eben an einem Strang.“

Gröhlende Besucher gehören dazu

Hohl spricht seit mehr als 20 Jahren für die Beschicker auf dem Wasen. Der 57-Jährige hat die Belange seines Verbandes schon vertreten, als die städtische Veranstaltungsgesellschaft noch nicht das Sagen auf dem Wasen hatte. „Seitdem hat sich die Veranstaltung deutlich professionalisiert“, sagt er. Ein Problem kriege man aber nicht in den Griff: den Einfall grölender Besucher, die nur auf Druckbetankung aus seien. „Das ist aber kein Stuttgarter Phänomen, das ist auf der Wiesn schlimmer.“

Der Trend zum kollektiven Alkoholkonsum sei seit zehn Jahren zu beobachten – nicht nur in Deutschland. So habe Hohl im Urlaub in den USA miterlebt, wie amerikanische Studenten während ihrer Frühlingsferien Abstand vom Studienalltag gewinnen. „Da wird gesoffen, was der Riemen zieht.“ Beim Après-Ski sei es auch nicht anders. „Und selbst auf dem Weihnachtsmarkt müssen wir so langsam gucken, dass es nicht kippt.“

Joachim Hohl ist so etwas wie das Herz des Wasens. Zwischen all den dynamischen Veranstaltertypen fällt er auf. Seine Schaustellerkollegen bescheinigen ihm einen bundesweit guten Ruf. Hohl sei ein „Mann der offenen Worte“. Der Schaustellervertreter befindet: „Dafür, dass der Wandel so übermächtig ist, kommen wir noch ganz gut weg. Ich bin froh, dass die Leute uns noch live erleben wollen und nicht nur in diesem Youtube.“ Die Rahmenbedingungen für Schausteller hätten sich in vielen Bereichen gewandelt, sagt Hohl. „Die Zeiten ändern sich. Schauen Sie nur auf das Markenrecht. Früher hat man 10 000 Schlümpfe produziert. Die sahen zwar nicht aus wie Schlümpfe, haben sich aber verkauft. Heute sind die Lizenzgebühren so hoch, dass sich das gar nicht mehr lohnt.“

Der Beschickerabend im Cannstatter Hochamt, in dem die Zeit vor 20 Jahren stehen geblieben scheint, neigt sich dem Ende zu. Wenige später fällt am Freitag der Startschuss zum Wasen. Das Volksfest lebt auch vom Kontrast zwischen Festzelt- und Schaustellerwelt. Hier die Vertreter eines Berufsstandes, der kein Wochenende kennt und rastlos von Festplatz zu Festplatz zieht. Dort die kollektive Bierseligkeit.