Eröffnung der Vesperkirche 2018 Jeder gibt, soviel er kann

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Bis zum 3. März gibt es in der Leonhardskirche wieder täglich warme Mahlzeiten und Kultur. Erstmals dürfen die Besucher der Vesperkirche selbst entscheiden, wieviel sie bezahlen können.

Mit Gottesdienst und Mittagessen ist die Vesperkirche eröffnet worden. Foto: Lichtgut
Mit Gottesdienst und Mittagessen ist die Vesperkirche eröffnet worden. Foto: Lichtgut

Stuttgart - Nach dem Eröffnungsgottesdienst der Vesperkirche geht Dekan Klaus Käpplinger vom evangelischen Kirchenkreis mit einer Gruppe Ehrenamtlicher durch die vollen Reihen der Leonhardskirche. Sie verteilen Brot an den Tischen. Jeder darf sich von den Laiben ein Stück abbrechen. Die Sitznachbarinnen, die die Berichterstatterin zuvor mangels Textkenntnis beim Singen mit mild-kritischen Blicken beäugt und unauffällig das Liedblatt rübergeschoben haben, nicken ermutigend. „Nehmen Sie sich auch ein Stück Brot. Auch wenn Sie die Christen nicht verstehen, dürfen Sie mit Ihnen essen“, sagt eine der beiden Damen. Sie meint das spaßig. Damit hat sie aber auch zusammengefasst, was die Vesperkirche ausmacht: Jeder ist willkommen – egal, welchen Glauben oder welche Nationalität er hat, ob er arm oder reich ist.

Jeder darf in der Vesperkirche sein – egal, ob er arm oder reich ist

Einen ähnlichen Satz aus dem Matthäus-Evangelium betonte auch Oberkirchenrat Stefan Kaufmann mehrmals während seiner Predigt: „Es ist nicht nötig, dass sie fortgehen, gebt ihnen zu essen.“ Niemand müsse draußen bleiben, sagte Kaufmann. Dieser Satz aus der Bibel gelte nicht nur für die Vesperkirche, sondern für unsere ganze Gesellschaft: „Deshalb sind wir ein Sozialstaat; wir übernehmen Verantwortung und schicken die anderen nicht weg.“

Für sieben Wochen, bis zum 3. März, ist die Leonhardskirche in der Stuttgarter Innenstadt wieder Vesperkirche. An sieben Tagen die Woche versorgen ein hauptamtliches Team um Diakoniepfarrerin Gabriele Ehrmann zusammen mit rund 800 ehrenamtlichen Helfern Obdachlose und Bedürftige. Sie bekommen ein Mittagessen, einen Vesperbeutel und Getränke. Aber eben nicht nur: Die Besucher der Vesperkirche erhalten auch Beratungen von Ärzten und einer Psychologin, Friseure kommen und schneiden kostenlos Haare. Es gibt Gesellschaft, Gottesdienste und Gespräche – die Vesperkirche ist ein Zuhause auf Zeit. „Jeder soll am Ende gesättigt gehen, an Leib und Seele“, betont Ehrmann, die zum ersten Mal die Leitung inne hat.

Jeder entscheidet selbst: Wieviel kann ich bezahlen?

Mit ihrem Einstand verbindet sich eine Neuerung: Der symbolische Betrag von 1,20 Euro für das Mittagessen wurde abgeschafft. Jeder bezahlt nun soviel, wie er kann. „Ein schönes Signal“ sei das, eine Art „Aufbrauch“, findet Veronika Kienzle (Grüne), Bezirksvorsteherin in Stuttgart-Mitte. „So kann jeder selbst hinterfragen, wie viel er beitragen kann.“ Das passe gut zu der selbstbewussten und aktiven Stadtgesellschaft, die sich in den letzten Jahren in Stuttgart entwickelt habe.

Für Ehrmann wiederum ist das „satt werden“ nur ein Teil Vesperkirche , die alljährlich in rund 30 Gemeinden in Baden-Württemberg stattfindet. Wer arm ist, hat oft keine Möglichkeit, teilzuhaben. Ein Höhepunkt der Vesperkirche ist deshalb das hochkarätige Kulturprogramm, welches immer sonntags um 16 Uhr stattfindet.

Neues Format: Politiker hören den Gästen zu

Kritisiert wird an der sozialen Aktion der Evangelischen Landeskirche oft, dass sie den Besuchern nur temporär hilft. Ehrmann und Käpplinger betonen daher den politischen Aspekt. Käpplinger bezeichnet die Vesperkirche als „Stachel im Fleisch unserer Stadtgesellschaft“. „Wir machen Armut zum Thema“, ergänzt Ehrmann.

Tatsächlich helfen jedes Jahr viele Stuttgarter Politiker in der Vesperkirche mit. Dabei soll es aber nicht bleiben. Deshalb gibt es erstmals am Rosenmontag abends ein politisches Format, zu dem Vertreter aller im Parlament vertretenen Parteien eingeladen sind, wie Dekan Käpplinger betont. Die Gäste der Vesperkirche dürfen an dem Abend ihre Sorgen und Nöten schildern – die Politiker hören ausnahmsweise einfach nur zu.

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