Erörterung: S21-Grundwassermanagement Besorgte Bürger werfen Bahn Verharmlosung vor

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Wie sicher stehen die Häuser, wenn für Stuttgart 21 Wasser abgepumpt und Tunnel gebohrt werden – diese Frage stand im Mittelpunkt am dritten Tag der Erörterung zum Grundwassermanagement. Möglicherweise wird die Anhörung am Freitag fortgesetzt.

Bei der Erörterung zum Grundwassermanagement bei Stuttgart 21 wird der Ton im Streit der Experten von Bahn und BUND schärfer. Foto: dpa
Bei der Erörterung zum Grundwassermanagement bei Stuttgart 21 wird der Ton im Streit der Experten von Bahn und BUND schärfer. Foto: dpa

Stuttgart - Wie sicher stehen die Häuser, wenn für das Projekt Stuttgart 21 Wasser abgepumpt und Tunnel gebohrt werden – diese Frage stand am dritten Tag der Erörterung zum Grundwassermanagement im Kongresszentrum der Landesmesse im Mittelpunkt. Die Verhandlung zog sich bis in den späten Abend hin. Die Sitzungsleitung deutete an, dass die Anhörung auch am Freitag fortgesetzt werden könnte.

Am Tag drei der Veranstaltung wurde der sich bereits am Dienstag über das Grundwassermodell abzeichnende Expertenstreit zwischen den Vertretern der Bahn und dem vom BUND beauftragten Gutachter Josef Lueger zusehends schärfer. Der Rechtsanwalt der Bahn, Josef-Walter Kirchberg, drohte der Sitzungsleitung den Auszug an. „So können wir das nicht machen“, rief er am frühen Abend aus, „sonst gehen wir wirklich.“

Den Tag über wurden die Experten der Bahn nicht nur mit kritischen Fragen von besorgten Bürgern aus dem Kernerviertel, vom Killesberg und aus Untertürkheim konfrontiert. Auch Lueger bemängelte die Plangrundlagen, die zahlreiche Gefährdungen nicht ausreichend berücksichtigten. Unter dem Beifall der rund 300 Zuhörer forderte er, dass „Fachleute mit kritischer Distanz bei der Tunnelbauplanung beteiligt werden“, die sich als Vertreter der Anwohner einbringen. Der BUND verlangte, alle geotechnischen Stellungnahmen der Bahn durch eine unabhängige, sachverständige Stelle überprüfen zu lassen. Die Vertreter der Bahn wiesen diese Vorwürfe zurück und erklärten aus ihrer Sicht, dass die notwendigen Vorkehrungen getroffen seien und dass es so gut wie keine negativen Auswirkungen geben werde. Die in der Erörterung vertretenen Anwohner sahen dadurch ihre Bedenken aber nicht beseitigt. „Sie versuchen das als harmlos darzustellen“, warf Frank Schweizer vom Netzwerk Kernerviertel den Experten schon am Vormittag vor, „das gilt vielleicht für den Verursacher, die Bahn, aber nicht für die Betroffenen.“

Experten der Bahn: Gegenmaßnahmen nur in Einzelfällen

Die Bahn versuche nicht nur mögliche Schäden geringzurechnen, sondern weigere sich auch noch, die Haftung zu übernehmen, und wolle sie den Eigentümern der Gebäude unterjubeln. Die Experten verteidigten sich. „Wir arbeiten mit größter Sorgfalt“, so der beratende Ingenieur Walter Wittke. „Wir gehen vom ungünstigsten Fall aus, um das Restrisiko zu minimieren“, erklärte sein Kollege Wolfgang Krajewski, Professor für Geotechnik an der Hochschule Darmstadt. Beide von der Bahn bestellten Experten sagten, dass die Tunnelbohrungen und Grundwasserentnahmen die Standfestigkeit von Gebäuden nicht beeinträchtigten. Nur in Einzelfällen müssten Gegenmaßnahmen ergriffen werden.

Dazu gehören Hebungsinjektionen, die verhindern sollen, dass Gebäude absacken. Während die Bahn-Experten diese Methode mit Verweis auf einen Fall beim Bau des U-15-Tunnels in Zuffenhausen als Erfolg versprechend einstufen, urteilte Professor Ralf Watzel vom Landesamt für Geologie vorsichtiger. Es sei zwar ein „etabliertes Verfahren“, aber unter den Bedingungen, die etwa im Untergrund des Kernerviertels angetroffen würden, noch nicht durchgeführt worden. „Der Standort muss präzise erkundet werden und die Maßnahmen darauf ausgerichtet werden“, sagte Watzel auf Nachfragen des Versammlungsleiters Michael Trippen vom Regierungspräsidium. Trippen sprach von einer „hochwichtigen Sache“, schließlich gebe es „hochkomplexe und sehr kleinräumige Untergrundverhältnisse und ein rudimentäres Wissen darüber, ob man auch auf die Schichten trifft, die man anzutreffen beabsichtigt“.Lueger sagte, dass mehrere Maßnahmen – von Erschütterungen durch Baumaschinen bis zu den Einspeisungsbrunnen – neue Hangbewegungen auslösen und bestehende verstärken könnten. „Ich prognostiziere das nicht, es könnte aber eintreten“, so der Sachverständige für Geologie, „deshalb muss das untersucht werden.“ Er wies auf die Gefahr des quellenden Anhydrits hin und bemängelte, dass diese Vorkommen wie auch Dolinen detaillierter erkundet werden müssten. Die Vertreter der Bahn erklärten, die meisten Forderungen Luegers – etwa nach nichttoxischen Baustoffen im Grundwasser – seien erfüllt. Anderes sei schlichtweg falsch, meinten einige ob Luegers Aussagen genervte Experten des Bauherrn. Als Lueger am späten Nachmittag erneut das Wort bekam, machte der offenbar über die moderate Sitzungsleitung unzufriedene Kirchberg seinem Unmut Luft.