Die PHW-Gruppe mit den Firmen Wiesenhof, Bruzzler oder Green Legend verkauft beides: Fleisch und vegane Produkte. Vor sieben Jahren kam die „Bruzzler Veggie“ in die Supermärkte. Und tatsächlich kostet die vegane Variante (200 Gramm, 2,99 Euro) mengenbereinigt rund 20 Prozent mehr als die mit Fleisch, etwa „Bruzzler Original“ oder „Bruzzler extra würzig“ (beides 400 Gramm zu je 4,99 Euro). Das ist erst einmal verwunderlich, schließlich fällt bei veganen Produkten ja ein entscheidender Schritt weg: Man verarbeitet direkt das Getreide, die Hülsenfrucht oder das Gemüse und verfüttert es nicht zunächst an ein Tier, das dann noch geschlachtet werden muss.
Die Zielgruppe sind Flexitarier, keine Veganer
„Im Allgemeinen ist die Preisparität zwischen fleischhaltigen und pflanzlichen Produkten noch nicht vorhanden“, sagt Ingo Stryck, der Marketingleiter bei der PHW-Gruppe. Zwar sei der Herstellungsprozess bei veganen Ersatzprodukten ähnlich, doch die Forschung und Entwicklung hätten höhere Kosten verursacht als die der Fleischprodukte – und würden dies weiterhin tun. Man habe lernen müssen, „wie pflanzliche Rohstoffe so verarbeitet werden können, dass sie den bestehenden fleischhaltigen Produkten hinsichtlich Geschmack, Textur, Farbe und weiteren Attributen ähneln“.
Dazu muss man wissen, dass die Hauptzielgruppe von Herstellern für Ersatzprodukte nicht Vegetarier und Veganer sind, sondern Flexitarier, also Menschen, die gelegentlich bewusst auf Fisch und Fleisch verzichten. Laut dem Ernährungsreport 2022 des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft ernähren sich 44 Prozent der Deutschen flexitarisch, sieben Prozent vegetarisch, nur ein Prozent vegan. „Es ergibt wirtschaftlich Sinn, auf die Zielgruppe der Flexitarier aufzuspringen“, sagt Dirk Liebenberg von der Organisation Pro Veg, die sich für eine tierfreie Ernährung einsetzt.
Vegane Kochcreme ist billiger als Sahne
Im vergangenen Herbst hatte Pro Veg in sechs Supermärkten die Preise von zwölf fleischhaltigen Produkten und deren pflanzlichen Alternativen verglichen – etwa Milch, Käse, Joghurt, Würstchen, aber auch Pizza, Fischstäbchen, Kochcreme oder Hack. Es wurde dabei immer das jeweils günstigste Produkt in den Warenkorb gelegt. In allen Supermärkten kostete der Warenkorb mit den pflanzlichen Alternativen mehr als der tierische Warenkorb – im Schnitt ein Plus von acht Euro. Den preiswertesten pflanzlichen Warenkorb bot Lidl mit 21,36 Euro. „Bei etablierten Fleischalternativen wie Schnitzel oder Burgerpatties sind die pflanzlichen Produkte hin und wieder günstiger, pflanzliche Kochcreme ist sogar fast immer billiger als Sahne“, sagt Liebenberg. Doch es gab auch Ausreißer in die andere Richtung, bei Joghurt oder Frischkäse war das günstigste pflanzliche Produkt immer noch teurer als das teuerste tierische Produkt.
Bei Fleisch und anderen tierischen Produkten habe man jahrzehntelang optimieren können, sagt Liebenberg. Dadurch habe man einen hohen Effizienzgrad und durch die enormen Absatzmengen auch größere Skaleneffekte, könne durch die Massenproduktion also die Stückkosten senken und so den Gewinn steigern. Die „neue Generation der pflanzlichen Alternativprodukte“ werde erst seit wenigen Jahren in der Form produziert, erläutert Liebenberg. Zudem werde bei den pflanzlichen Rohstoffen für diese Produkte „mehr auf regionalen Anbau und Bio-Qualität geachtet als beim Futtermittel für Tiere“.
Vegane Produkte sind bereits günstiger geworden
Mario Jekle leitet an der Universität Hohenheim das Fachgebiet pflanzliche Lebensmittel. Er beobachtet, dass einige Preise für Ersatzprodukte bereits deutlich gesunken sind – etwa jene von vegetarischer Schnittwurst. „Es gibt mittlerweile Produkte für 99 Cent oder 1,11 Euro im Preiseinstiegssegment“, sagt der Lebensmitteltechnologe. „Da hat sich wahnsinnig viel getan – bei der Qualität, aber auch beim Preis.“ Bei Haferdrink gebe es Produkte, die preiswerter als herkömmliche Milch seien, meist die Eigenmarken der Supermärkte.
Dass viele Ersatzprodukte immer noch teurer als die tierischen Äquivalente seien, liege auch daran, dass jede spezifische Zielgruppe zu Beginn eines Produktlaunches oder einer ganz neuen Produktkategorie immer etwas mehr bezahle als die Allgemeinheit, sagt Jekle: „Das ist auch im Autobereich so: Anfangs haben nur einige Enthusiasten ein Elektroauto wie einen Tesla gekauft, der Preis war damals nicht das Kaufargument.“ Sobald ein Produkt in der breiten Gesellschaft ankomme, sinke der Preis in der Regel. Auch vegane und vegetarische Ernährung sei heute nicht mehr so besonders wie früher, „Haferdrinks und Veggiewürstchen sind aus der Nische raus“. Bei veganem Käse entwickle sich der Markt unterdessen noch, daher seien diese Produkte meist noch teurer als echter Käse.
Landwirtschaft wird durch Subventionen geschützt
Antje Risius, die an der Pädagogischen Hochschule Schwäbisch Gmünd zu Ernährung, Nachhaltigkeit und Gesundheit forscht, betont jedoch, dass die Lebensmittelpreise in Deutschland verhältnismäßig günstig seien, „oft drücken die Preise den wahren Wert eines Produkts nicht richtig aus“, sagt sie. Zudem sei die Fokussierung auf tierische Produkte in der Vergangenheit stark durch gesellschaftliche und wirtschaftliche Interessen sowie deren Weiterentwicklungen geprägt gewesen. So hätten sich effiziente Strukturen aufbauen können, und beispielsweise Fleischprodukte könnten immer noch verhältnismäßig preisgünstig angeboten werden.
Mario Jekle von der Uni Hohenheim glaubt, dass der Marktanteil von vegetarischen und veganen Ersatzprodukten langfristig locker ein Drittel ausmache – und sich damit die Preise auch noch mehr an herkömmliche Würstchen, Milch und Käse annähern könnten. Damit rechnet man auch bei Pro Veg: „Aber dafür bräuchte es mehr Förderung für pflanzliche Lebensmittel“, sagt Dirk Lieberberg. Eine geringere Mehrwertsteuer für pflanzliche Produkte allein sei dafür nicht ausreichend, die tierische Landwirtschaft dürfe nicht mehr so stark subventioniert werden, fordert die Organisation.
Anteil pflanzlicher Alternativen am Fleischmarkt noch sehr gering
Gesamtmarkt
Der Anteil pflanzlicher Alternativen macht bislang erst ein Prozent am gesamten Fleischmarkt aus. Zugleich produzierten die Unternehmen in Deutschland im Jahr 2021 knapp 17 Prozent mehr Fleischersatzprodukte als noch 2020, im Vergleich zum Jahr 2019 erhöhte sich die Produktion sogar um gut 62 Prozent, heißt es vom Statistischen Bundesamt.
PHW-Gruppe
Bei der PHW-Gruppe entwickelt sich der Markt von Fleisch- und Fischersatzprodukten noch rasanter: Der Absatz von Marken wie Green Legend oder Bruzzler Veggie sei im vergangenen Jahr um 37,2 Prozent gestiegen, heißt es, insgesamt habe sich dieses Segment gegenüber 2021 verdoppelt. Dennoch macht Geflügelfleisch und -wurst nach wie vor den Großteil aus, der Umsatzanteil für vegane Ersatzprodukte liege bei unter zehn Prozent.