Ersatzgewebe züchten Klonpionier geht einen Schritt weiter

Robert Lanza ist Chefwissenschaftler der Biotech-Firma Advanced Cell Technology. Foto: privat
Robert Lanza ist Chefwissenschaftler der Biotech-Firma Advanced Cell Technology. Foto: privat

Robert Lanza und seinem Team ist es gelungen, die Hautzellen eines 75-Jährigen zu klonen und daraus einen genetisch identischen Embryo zu erzeugen. Ein wichtiger Schritt, da Krankheiten wie Parkinson vor allem bei älteren Menschen auftreten.

Wissenschaft: Tanja Volz (vz)
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Stuttgart - Um das Thema embryonale menschliche Stammzellen ist es ruhig geworden. Auch der in diesem Zusammenhang schnell postulierte geklonte Mensch und das Designerbaby scheinen in den Medien derzeit den Reiz verloren zu haben. Jedenfalls ist die jüngste Meldung zu diesem Thema kaum einem Medium eine Schlagzeile wert. In der Fachzeitschrift „Cell Stem Cell“ berichten südkoreanische Forscher zusammen mit dem umstrittenen Wissenschaftler Robert Lanza von einem weiteren Schritt in Richtung therapeutischem Klonen beim Menschen. Hinter diesem Begriff verbirgt sich der Wunsch, individuell von jedem Patienten Zellen züchten zu können, um damit diverse Erkrankungen zu heilen.

Das Forscherteam um Lanza hat im Prinzip ein Experiment aus dem vergangenen Jahr weitergeführt. Damals ist es US-amerikanischen Forschern gelungen, aus den Hautzellen eines Säuglings embryonale Stammzellen zu erzeugen. Lanza und seine Kollegen haben nun statt der jungen Zellen die Hautzellen eines 35- und eines 75-jährigen Mannes erfolgreich in die potenten Alleskönnerzellen verwandelt. Das ist ein Erfolg, denn Krankheiten, wie Parkinson, Alzheimer oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen treten vor allem bei älteren Menschen auf. Daher ist es sinnvoll, auch mit deren Zellen zu experimentieren. „Das zeigt, dass man auch ältere Zellen nehmen kann. Mit erwachsenen Zellen sind solche Versuche erheblich schwieriger“, sagt der Tübinger Stammzellforscher Konrad Kohler.

Das hat sich schon bei Dolly, dem Klonschaf, gezeigt. Denn das Verfahren, das die Forscher bei den jüngsten Experimenten verwendet haben, unterscheidet sich nicht von den Klonversuchen im Tierreich. Die Methode ist seit der Geburt von Dolly bekannt: Dem Patienten wird eine Zelle, beispielsweise aus der Haut, entnommen. Das Erbgut dieser Zelle wird in eine Eizelle übertragen, deren Kern zuvor entfernt wurde – und mit ihm die darin enthaltenen Gene. Die so zusammengesetzte Eizelle wird zur Teilung angeregt. Es bildet sich ein Embryo, der mit dem Patienten genetisch identisch ist. Daraus kann man Stammzellen entnehmen, um für diesen Patienten körpereigenes Gewebe zu züchten.

Auch das Erbgut altert

Allerdings hat sich im Tierversuch – beispielsweise bei Dolly – gezeigt, dass auch das Erbgut altert. Das macht sich dann beim Klon bemerkbar, der die gealterten Gene in sich trägt: Im Alter von fünf Jahren litt Dolly bereits an zahlreichen Krankheiten. Arthritis schwächte die Gelenke, die Atmung und Übergewicht machten ihr zu schaffen, das Herz-Kreislauf-System funktionierte nicht, und das Immunsystem war zu schwach. Auf den Menschen übertragen heißt das: möglicherweise sind die Zellen eines älteren Patienten gar nicht mehr so frisch, wie man sie sich nach der Verwandlung in den embryonalen Zustand wünscht.

Konrad Kohler, der an der Tübinger Uni das Zentrum für Regenerative Medizin leitet, sieht den Sinn derartiger Experimente nicht in der klinischen Erprobung, sondern in der Grundlagenforschung: „Wir brauchen die humanen Zelllinien als Standard, um zu sehen, was an Möglichkeiten in ihnen steckt.“ Damit könne man möglicherweise auch einmal klären, warum es viel schwieriger sei, menschliche Zellen zu vervielfältigen und zum Wachstum anzuregen, als das beim Klonen von Tieren der Fall sei.

Kohler selbst arbeitet nicht mit humanen embryonalen Linien. Derartige Versuche sind in Deutschland aus ethischen Gründen verboten, denn bei dieser sogenannten verbrauchenden Embryonenforschung werden die Zellen einem Embryo entnommen, der dabei stirbt. Zudem muss man die Eizellen von Frauen gewinnen, die dazu einen Hormoncocktail schlucken müssen. Auch dies ist hierzulande verboten. Hinzu kommt, dass diese Versuche nicht sehr effektiv sind. Man braucht viele Eizellen, um eine oder zwei Zelllinien zu erhalten. In der jüngsten Arbeit haben Lanza und seine Kollegen 39 Versuche gebraucht, um am Ende die beiden Zelllinien des 35- und 75-Jährigen zu bekommen.

Es gibt alternative Wege zu Stammzellen

Die Alternative zu der verbrauchenden Embryonenforschung ist die Umprogrammierung von Zellen. Dabei nimmt man beispielsweise eine erwachsene Hautzelle, behandelt sie mit diversen Chemikalien, schleust meist mit Hilfe von Viren bestimmte Steuerungsgene in das Erbgut und versetzt sie dadurch in den ursprünglichen Zustand einer Stammzelle zurück – ohne dass dazu ein Embryo geklont werden müsste. Ein ethisch unbedenkliches Verfahren. Aus derart maßgeschneiderten Stammzellen kann man wiederum verschiedene Körperzellen züchten.

Das klingt einfach, doch bis die ersten dieser sogenannten induzierten pluripotenten Stammzellen (iPS) im Labor gezüchtet werden konnten, war es ein langer Weg – und das perfekte Rezept ist noch nicht gefunden. Der Pionier dieser Forschungsrichtung, der Japaner Shinya Yamanaka, hat für die Entwicklung der induzierten pluripotenten Stammzellen vor zwei Jahren den Nobelpreis für Medizin erhalten. Dieses Verfahren sei sehr viel näher an der medizinischen Therapie als das therapeutische Klonen, sagt der Stammzellforscher Kohler: „Therapeutisch sehe ich die Zukunft bei induzierten pluripotenten Stammzellen und nicht bei den humanen embryonalen Stammzellen.“

Bis Patienten von diesen Zellen profitieren können, wird es noch dauern. Derzeit ist noch unklar, welche Schäden die Zellen bei der Umprogrammierung nehmen können. So könnten die Zellen bei der Übertragung auf einen Patienten zu Fehlfunktionen im entsprechenden Organ führen. Auch über die Gefahr von Tumoren wird immer wieder diskutiert.

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