Ersatzhabitate in Stuttgart Kein Asyl für Mauereidechsen

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Der Bezirksbeirat Bad Cannstatt lehnt eine dringend benötigte Ausgleichsfläche für die geschützten Tiere auf einer Kleingartenanlage an der Löwentorstraße ab. Der Grund: Es müssten dort 74 Bäume gefällt werden. In Zuffenhausen findet sich hingegen eine knappe Mehrheit für ein Areal im Tapachtal.

Bad Cannstatt - In den vergangenen Jahren ist bundesweit der Artenschutz – sowohl für Tiere wie auch Pflanzen – bei Neubebauungen in den Vordergrund gerückt. Das gilt nicht nur für Großprojekte wie Stuttgart 21 oder die Aufsiedelung des 22 Hektar großen, ehemaligen Güterbahnhof-Areals. Auch der Neubau des Betriebshofs des Abfallwirtschaftsbetriebs (AWS) an der Burgholzstraße ist davon betroffen. Hier gibt es wegen der stadtbekannten Eidechsenvergrämung eine Bauverzögerung von gut einem Jahr. So lange dauert es nun einmal, bis die Stadt Ersatzhabitate gefunden und die Tiere umgesiedelt hat.

 

Zeitdruck wegen der IBA ’27

Die gleiche Prozedur steht nun auch für den ersten Baustein der städtebaulichen Entwicklung „Stuttgart Rosenstein“ – der „Maker City“ auf dem Areal C1 – auf der Agenda der Stadtverwaltung. Das Gelände liegt im Stuttgarter Norden zwischen den Wagenhallen, dem Pragfriedhof und den Gleisanlagen in Richtung Nordbahnhofstraße. Hier plant die Stadt ein „gemischt genutztes, experimentelles Stadtquartier“, in dessen Zentrum das Interimsquartier des Staatstheaters während der Opernsanierung liegt. Mit diesem für Stuttgart städtebaulich richtungsweisenden Bauvorhaben haben die Stadtplaner es sogar auf die Liste der IBA-Projekte geschafft.

Pachtverträge kündigen

Da die Internationale Bauausstellung 2027 eröffnet wird, stehen die Stadtplaner, aber auch das Gartenamt, die für die Ersatzflächen verantwortlich sind, unter Zeitdruck. „Das Baugelände in Stuttgart-Nord muss 2023 freigeräumt sein – sonst wird es nichts mit der IBA-Präsentation“, sagte Kilian Bezold im Bezirksbeirat Bad Cannstatt, als er Werbung für das geplante Ersatzhabitat machte. Dabei handelt es sich um zwei größere Grundstücke in Hanglage entlang der Löwentorstraße, die auf einer Gesamtfläche von 11 100 Quadratmetern heute überwiegend Kleingärten beheimaten. „Die befinden sich jedoch in einem sehr ungepflegten, teilweise maroden Zustand“, so Bezold. Auch ohne Bedarf für ein neues Habitat hätte hier eine Endpachtung stattgefunden. Bereits vier Verträge sind gekündigt worden, weitere sieben folgen 2022.

260 Grundstücke untersucht

Die Ersatzfläche ist aber alternativlos – obwohl das Gartenamt auf Stuttgarter Markung 260 Flurgrundstücke untersucht hatte. Gerade einmal zwei für Mauereidechsen geeignete blieben übrig: die Flächen an der Löwentorstraße und eine an der „Drei-Stadtbezirke-Ecke“ (Münster, Mühlhausen, Zuffenhausen) im Tapachtal, Eulenbühl und Oberen Freienstein. Dafür hatte der Bezirksbeirat Münster bereits seinen Segen gegeben.

Doch im Gegensatz zum Nachbarbezirk ist das Cannstatter Bürgergremium mit dem städtischen Vorschlag auf Cannstatter Markung nicht einverstanden. Zumal die Stadt dort 74 Bäume ohne Ersatzpflanzungen fällen will. „Zudem handelt es sich um klimawirksame Flächen“, so Peter Mielert (Grüne). Nach Abwägen aller Argumente könne seine Fraktion „den Mauereidechsen kein Asyl in Bad Cannstatt gewähren“.

74 Bäume werden gefällt

Auch für CDU-Fraktionssprecher Roland Schmid ist der Kahlschlag der 74 Bäume ein viel zu hoher Preis. Dass für die Eidechsenvergrämung 2,6 Millionen Euro in die Hand genommen werden muss, wollte er nicht erneut kommentieren. Allerdings verwies Schmid angesichts dieser hohen Summe auf das Thema Stadt am Fluss. Hierbei sei in Bad Cannstatt bisher nicht viel realisiert worden. „Uns wäre es lieber, sie würden 2,6 Millionen Euro am Neckarufer investieren“, so Schmid. Jörn Kramer-Matthiß (SPD), Gerhard Veyhl (Freie Wähler) und Timur Lutfullin (FDP) lehnten den Vorschlag ebenfalls ab.

In diesem Zusammenhang verwies Helga Seyschab (Die Linke) auf ein großes Problem: „Nach wie vor befinden sich zu wenig Flächen in Stuttgart im städtischen Besitz. Somit wird die Suche nach Ausgleichsflächen immer schwierig.“

Kritik an der geplanten Eidechsen-Umsiedlung gab es auch im Bezirksbeirat Zuffenhausen. Im unteren Tapachtal sollen in einem ersten Bauabschnitt 7100 Quadratmeter für die Reptilien zur Verfügung gestellt werden. Dafür müssten 113 Bäume gefällt und 85 große Sträucher gerodet werden – und im zweiten Bauabschnitt sogar noch weitere. „Das ist mit dem Klimaschutz nicht vereinbar“, sagte Susanne Bödecker („Die Fraktion“) und erntete einiges Kopfnicken am Ratstisch. CDU-Vertreter Wolfgang Machauer fragte, ob die Eidechsen überhaupt auf dem für sie vorgesehenen Areal bleiben werden. Kilian Bezold entgegnete, dass es nicht nur um die Reptilien selbst, sondern auch um einen angemessenen Lebensraum mit den dazugehörigen Insekten und Pflanzen gehe. Für die sei die Verschattung durch Bäume nicht gut. Am Ende stimmten die Räte der Vorlage mit knapper Mehrheit (8 Ja, 5 nein, 5 Enthaltungen) zu.

Das letzte Wort hat nun der Ausschuss für Stadtentwicklung und Technik. Er tagt am 14. Dezember.

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