Ralf und Michael Nagel waren vor 20 Jahren in Baden-Württemberg das erste gleichgeschlechtliche Paar, das seine Lebenspartnerschaft hat eintragen lassen. Dafür mussten die beiden, die damals in Leonberg wohnten, ganz unromantisch ins Böblinger Landratsamt. Zum Standesamt durften im Jahr 2001 nur heterosexuelle Paare.
Keine romantische Trauung, sondern nüchterner Verwaltungsakt
Dass sie die Ersten waren, wussten sie an jenem Mittwochmorgen des 1. August 2001 nicht. Erst später aus dem Radio erfuhren sie von der eigenen Bedeutung. „Für uns war klar, dass wir es machen wollen, sobald es möglich ist“, sagt Ralf Nagel. „Wir wollten uns absichern“, ergänzt Michael Nagel. Damals war eine Lebenspartnerschaft die einzige Möglichkeit, einer gleichgeschlechtlichen Beziehung einen rechtlichen Rahmen zu geben. Bis dahin hatten sie kein Recht, für den anderen zu sorgen, kein Recht, den Namen des anderen anzunehmen und mit den Privilegien von Verheirateten zu leben.
Mit einer romantischen Trauung hatte der Verwaltungsakt im Landratsamt jedoch wenig zu tun. „Die wollten das schnell und heimlich erledigen“, sagt Ralf Nagel. In einem kleinen Raum im vierten Stock zwischen zwei Bergen von Aktenordnern hätten sie ihre Unterschriften gesetzt. Zu ihnen hieß es, dass alle Sitzungssäle im Landratsamt renoviert würden und sie daher mit dem kleinen Zimmer vorliebnehmen müssten. „Unsere Freunde standen halb in der Tür und halb draußen.“
2001 fühlten sie sich wie Menschen zweiter Klasse
174,06 Mark kostete die Verpartnerung, die Quittung hat das Paar noch: Unter den Optionen Führerscheingebühr und Müllmarken wurde ein Kreuz bei „Sonstiges“ gesetzt. „Wir haben uns gefühlt wie Menschen zweiter Klasse“, sagt Michael Nagel. Der Kreisoberamtsrat Werner Häußler sagte damals: „Man soll es nicht mit einer Ehe auf dem Standesamt vergleichen.“
Eine große Party machte das Paar nach der Verpartnerung nicht. Nur essen gingen sie, mit dabei auch die damals 82-jährige Oma von Ralf Nagel. Danach platzierte das Paar eine Anzeige im Amtsblatt von Leonberg. „Den Leuten macht es ja nur Spaß, wenn sie hintenrum reden können“, sagt Michael Nagel. Deshalb gingen sie in die Offensive und verkündeten ihre Lebenspartnerschaft mit dem berühmten Zitat des Berliner Ex-Bürgermeisters, Klaus Wowereit: „. . . und das ist auch gut so!“
Anfangs wohnten sie in einem Ein-Zimmer-Apartment
Kennengelernt und ineinander verliebt haben sich die beiden schon vor mehr als 30 Jahren; bei einer Geburtstagsfeier im Juni 1989. „Danach haben wir uns immer freitags verabredet, waren Billard spielen oder im Kino“, erinnert sich Ralf Nagel.
Im November 1989 flog Michael, der damals noch den Nachnamen Grunau trug, nach Gran Canaria. Von dort schrieb er einen langen Brief an Ralf, gestand ihm, dass er sich in ihn verliebt hat. „Als er wiederkam, haben wir uns getroffen. Seitdem sind wir ein Paar“, sagt Ralf. Kurz darauf zogen sie in Filderstadt zusammen, in ein Ein-Zimmer-Apartment mit Kochnische und Bad. „Man konnte sich dort nicht aus dem Weg gehen. Aber das war auch nicht nötig.“
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Inzwischen sind die beiden „richtig“ verheiratet. Seit 2017 ist das für gleichgeschlechtliche Paare in Deutschland möglich. In Baden-Württemberg haben seitdem rund 7000 lesbische und schwule Paare geheiratet – übrigens weit mehr in Städten als in ländlichen Gegenden. So wurde 2019 in Mannheim jede zwölfte Ehe und in Stuttgart jede 19. Ehe von gleichgeschlechtlichen Paaren eingegangen; in den Kreisen Sigmaringen, Biberach oder Tuttlingen war es nicht einmal jede hundertste Ehe, die von Schwulen oder Lesben geschlossen wurde.
Weil es seit 2017 nicht mehr möglich ist, eine Lebenspartnerschaft zu begründen, zählt eine Verpartnerung rückwirkend wie eine Ehe. Ralf und Michael Nagel gelten daher seit 20 Jahren als verheiratet. „Die Trauung im Standesamt war würdiger und größer als damals im Landratsamt“, sagen sie. Doch auch danach gingen sie „nur“ essen.
Immer wieder diskriminiert gefühlt von Behörden
Im Vergleich zu anderen Paaren haben die beiden ihre Eheschließung wenig gefeiert. Das liegt auch daran, dass sie sich immer wieder von Behörden diskriminiert gefühlt haben. Dass sie über so viele Jahre hinweg ein Kreuzchen bei „verpartnert“ statt bei „verheiratet“ machen mussten, hat sie verstimmt. „Dadurch kriegt man schon einen Stempel aufgedrückt“, sagt Michael Nagel.
Zudem verstehen sie nicht, dass so vieles, was die Gleichberechtigung von homosexuellen Paaren betrifft, durch Gerichte habe erwirkt werden müssen. Und bis zuletzt hätten sie sich mit dem Finanzamt rumärgern müssen wegen der steuerlichen Gleichstellung, sagt Ralf Nagel. „Wir wollen keine Sonderbehandlung, sondern eine Gleichbehandlung.“
Bessere Erfahrungen haben sie im persönlichen Umfeld gemacht, obwohl sie sich nicht in einer „schwulen Subkultur“ bewegen, wie sie sagen. Weil sie nie Geschichten erfinden wollten, gingen sie bei der Arbeit offen mit dem Schwulsein um. Zur Verpartnerung vor 20 Jahren gab es Blumen und einen Tag Sonderurlaub – wie bei allen Betriebszugehörigen, die heiraten. Einmal hatten sie sogar einen Vorteil durch ihr Schwulsein: Dass sie trotz mehr als 20 Interessenten die Zusage für die Mietwohnung in Neuhausen erhielten, liegt auch daran, dass die Mitarbeiterin der Wohnungsbaugesellschaft das Paar im Fernsehen gesehen hatte.
Samstags mähen sie Rasen oder schneiden Hecke, sonntags wird gegrillt
Das dürfte auch daran liegen, dass die Nagels kein schrilles Leben führen. Ralf Nagel arbeitet seit 26 Jahren in der Logistik, Michael Nagel kommt aus der Altenpflege und ist im Vorruhestand. Die Wochenenden verbringen sie meist auf ihrer Streuobstwiese in Stuttgart-Uhlbach: Samstags wird der Rasen gemäht oder die Hecke geschnitten, sonntags gegrillt. Außerdem gehen sie gerne wandern, mit dem Hund raus und in die Berge. Ihre Urlaube verbringen sie am liebsten auf Korsika, die Tage vor ihrem 20. Hochzeitstag spannen sie in Tirol aus.
Längst engagieren sich die beiden aber auch politisch und gesellschaftlich. Jedes Jahr laufen sie beim Christopher Street Day in Stuttgart mit. Im Haus der Geschichte hängen zwei Fotos von ihnen, dabei geht es um den Wandel in Ehe und Familie. Außerdem sind sie Mitglieder bei den Stuttgarter Junxx, dem schwul-lesbischen Fanclub des VfB Stuttgart. Vonseiten der Fußballszene fehlen ihnen jedoch klare Bekenntnisse. „Es gehört mehr dazu, als einmal pro Saison die Eckfahnen in Regenbogenfarben aufzustellen“, sagt Ralf Nagel.
Zwei Fragen können die beiden nicht mehr hören
Dennoch sind sie froh, dass sie in Deutschland wohnen – und sich keine Alibifreundin zulegen müssen oder einen Escortservice buchen, damit ja niemand ahnt, dass sie homosexuell sind. „Es ist schwer vorstellbar, wie es Menschen in Ungarn geht, die sich ständig Geschichten ausdenken müssen.“
Und gibt es Dinge, die die beiden nicht mehr hören können? Den Begriff „Homo-Ehe“ bezeichnen sie als „bescheuert“. Es gebe ja auch keine Hetero-Ehe. Ebenso Fragen zur Rollenverteilung à la „Wer ist der Mann in eurer Beziehung und wer die Frau?“ finden sie „ärgerlich“, zumal auch in heterosexuellen Beziehungen Rollenbilder zunehmend aufgehoben würden. Auch die Frage „Wann hast du gemerkt, dass du schwul bist?“, könne man sich sparen, sagt Michael Nagel. „Man fragt doch auch niemanden, wann er oder sie gemerkt hat, dass man hetero ist.“
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