Erste Bilanz der neuen VVS-Chefin „Bei der S-Bahn muss ich den Optimismus dehnen“

Cornelia Christian sieht sich beim Thema Nahverkehr als Optimistin. Foto: Lg/Kovalenko

Unpünktliche S-Bahnen, Fahrermangel – und freundliche Schwaben. Die neue VVS-Geschäftsführerin Cornelia Christian erzählt, wie sie die Region und die Krise des Nahverkehrs sieht.

Seit rund 100 Tagen steht mit Cornelia Christian erstmals eine Frau an der Spitze des Verkehrsverbunds Stuttgart (VVS). Nach Stationen in Berlin, Frankfurt und Bielefeld bringt sie Perspektive von außen in die Region mit. Von der unklaren Finanzierung des Deutschlandtickets bis zur den S-Bahn-Baustellen sagt sie im Interview einige schwierige Baustellen voraus.

 

Frau Christian, der jüngste Bund-Länder-Gipfel brachte beim Deutschlandticket, das für Millionen von Reisenden nun zum Alltag gehört, ein dürftiges Ergebnis. Was halten sie von den Beschlüssen zu dessen Finanzierung?

Erst einmal sind wir froh, dass es das Deutschlandticket gibt. Wir konnten dadurch viele Kundinnen und Kunden in den öffentlichen Nahverkehr bringen. Die Politik befindet sich in einem Findungsprozess, um es positiv auszudrücken. Und in der Politik und der Verwaltung nähert man sich seinem Ziel in kleinen Schritten.

Bund und Länder müssen viele Grundsatzfragen klären. Die Verbünde brauchen Klarheit bis Februar. Klappt das?

Wenn man will und Druck hat, geht das. Wichtig ist, dass in dem Gesamtprozess nicht nur die Finanzierung des Deutschlandtickets, sondern auch die des öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV) als Ganzem geklärt wird. Wir alle wollen für die Verkehrswende kräftig investieren. Da reicht ein Blick in die Nahverkehrspläne der Landeshauptstadt und der Region Stuttgart.

Es gibt drei Möglichkeiten, ohne höhere Subventionen an mehr Geld zu kommen: mehr Nachfrage, ein erhöhter Preis oder, so sieht es der Bundesverkehrsminister Volker Wissing, mehr Effizienz bei den Verbünden.

Mehr Menschen in den ÖPNV zu bekommen, ist verkehrspolitisches Ziel. Wir im VVS haben mittlerweile ein Allzeithoch bei den Abos mit mehr als 500 000 Abonnenten. Durch das Deutschlandticket haben wir ein absolut attraktives Angebot mit einem politischen Preis. Nach jetzigem Stand scheint es nicht mehr Geld aus den Haushalten zu geben. Also werden wir wohl um eine Preisanpassung nicht herumkommen. Sonst würde am Ende die Finanzierung bei den Kommunen landen.

Und die von Wissing angemahnte Effizienzsteigerung der Verbünde?

Eine zentrale Struktur über ganz Deutschland, die die Aufgaben der Verbünde übernimmt, kann ich mir nicht vorstellen. Nahverkehr muss, soweit es geht, regional organisiert werden. Kundinnen und Kunden sowie die Politik brauchen Ansprechpartner vor Ort. Man kann darüber diskutieren, wie groß die einzelnen Einheiten sein müssen. Synergien können sich im Bereich der Digitalisierung ergeben, die verschiedene kleinere Verbünde nicht leisten können. Aber die Geschäftsführung des VVS ist nicht auf einer Akquisetour.

Mit dem Deutschlandticket ging auch die Hoffnung einher, dass sich der Wildwuchs an Tarifen eindämmen lässt. Wann wird beim VVS ausgemistet?

Beim VVS wurde ja schon in der Vergangenheit die Zahl der Zonen stark reduziert. Jetzt zeigen uns die Kundinnen und Kunden, welche Tickets sie noch brauchen und welche eben nicht. Den formalen Schritt zur Aufgabe verschiedener Angebote können nur die Gesellschafter vorgeben – und das kann erst geschehen, wenn die Finanzierung des Deutschlandtickets nachhaltig gesichert ist. Die jetzige Angebotsvielfalt geht auch auf politische Forderungen zurück.

Wo gehen nach der Einführung des Deutschlandtickets, das viele Menschen ins Abo geführt hat, die Trends beim Fahrkartenkauf hin?

Zwischen April und Juli gab es Rückgänge im Kurzstreckenbereich von 23 Prozent. Spannend ist, dass wir einen Unterschied bei den Vertriebswegen online und konventionell haben. Beim konventionellen Ticketverkauf lag der Rückgang bei 17 Prozent, aber 37 Prozent im digitalen. Das deckt sich mit unserer Erfahrung, dass sich Entwicklungen im digitalen Bereich schneller zeigen. Bei den Monatstickets für jedermann lag der Rückgang bei 87 Prozent. Wir beobachten aber auch unökonomisches Verhalten, bei dem die Leute bei ihrem gewohnten Ticket bleiben, obwohl es mit dem Deutschlandticket ein günstigeres, neues Angebot gibt.

Dass es bei der Zuverlässigkeit im Nahverkehr knirscht, merkt man auch in Stuttgart. Muss man nicht ehrlicherweise sagen, dass das Angebot vielleicht nicht immer gehalten werden kann?

Als Lobbyistin für den öffentlichen Nahverkehr, aber auch für Klimaschutz und Nachhaltigkeit frage ich erst einmal: Was sind die Prioritäten bei den Investitionsentscheidungen der Politik? Da rede ich nicht von Kindergärten, aber mir fiele da schon das eine oder andere ein, etwa im Bereich der Industriepolitik, wo man konsolidieren könnte. Wir haben in Stuttgart und in der Region ein sehr attraktives ÖPNV-Netz, weil Stadt, Kreise und Region sehr gut zusammenarbeiten. Das kenne ich so aus anderen Ballungsräumen nicht, wo es an der Stadtgrenze gerne mal stark nachlässt. Das ist durch das hohe Engagement der Landkreise hier anders. Man sieht eben klar die Probleme, für deren Lösung es den Nahverkehr braucht: Luftreinhaltung, Klimaschutz, auch die Gesundheit der Menschen. In der wirtschaftlich stärksten Region Deutschlands kann auch die Wirtschaft mit uns zusammen ein Zeichen bei diesem Thema setzen. Wir laden dazu ein.

Aber merken Sie nicht, dass die Region wirtschaftlich stark am Auto hängt?

Nein, das ist hier nicht ein besonders dickes Brett im Vergleich zu anderen Regionen in Deutschland. Auch die Automobilindustrie hat die Aufgabe, Nachhaltigkeitsberichte abzugeben. Die Autoindustrie wird sich zur Mobilitätsindustrie entwickeln müssen.

Noch einmal zum Thema Angebot: Macht uns nicht irgendwann der Mangel an Fahrpersonal einen Strich durch die Rechnung?

Ich bin ein optimistischer Mensch. Den Mangel an Fahrerinnen und Fahrern haben die Unternehmen im Blick, das ist ein Topthema. Es gibt in der Region viele Beispiele, die zeigen, wie man das lösen kann, weil man eine gute Kultur im Unternehmen hat. Das ist in kleinen Firmen oft einfacher als in großen. Beim Bus muss man an Kosten und Aufwand für den Führerschein heran. Daneben gibt es auch noch das Thema Teilzeitbeschäftigung.

Was hat Sie in 100 Tagen VVS positiv überrascht?

Also ich nehme bei den Schwaben eine große Freundlichkeit war. Ich bin viel mit unseren Verkehrsmitteln unterwegs. Für mich ist das wie ein Theaterstück, bei dem ich herausfinde, wie man hier tickt. Ich finde, dass die Menschen hier sehr gut miteinander umgehen. Die Leute helfen sich gegenseitig. In Berlin, Frankfurt und Ostwestfalen, meinen bisherigen Stationen, war das nicht ganz so.

Gab es auch etwas Negatives?

Das Thema S-Bahn hat mich bereits vor meiner Ankunft als Topthema erreicht. Aber wenn ich selber jetzt die Rückmeldungen von den Kundinnen und Kunden bekomme, dann sehe ich, wie sehr deren Probleme die Menschen zurecht umtreiben.

Was macht das mit Ihrem Optimismus?

Man muss diesen Optimismus halt ein bisschen dehnen. Was die S-Bahn an Baustellen zu verkraften hat – Stichwort digitaler Knoten – ist schon einiges. Das sind allerdings Baumaßnahmen, die einfach notwendig sind. Da muss diese Region einen langen Atem haben. Dann kommt noch hinzu, dass die Hersteller keine funktionierenden Züge geliefert haben, was dann bei den Bahnunternehmen und den Kunden abgeladen wird. Am Ende wird der digitale Knoten sicher ein Vorzeigeprojekt werden. Auch wenn ich nicht erwarte, dass der Start ganz reibungslos wird. Das alles wird nicht komplett im Dezember 2025 zum neuen Winterfahrplan fertig sein.

Wo sehen Sie das größte Defizit?

Wir brauchen eine ehrliche Kommunikation. Das war bisher nicht genügend der Fall. Das ist keine Kritik an der S-Bahn. Sie versucht es. Das geht alle Beteiligten an. Wenn wir alle ehrlich sind, haben wir eine Chance, bei den Menschen wieder Vertrauen zu gewinnen. Auch bei Baustellen würden wir uns eine frühere Kommunikation wünschen, vielleicht erst einmal in einem kleinen Kreis, so dass man gegebenenfalls Ersatzpläne machen kann. Da sind wir auch als VVS zu spät informiert worden. Bei der kurzfristigen Sperrung Bad Cannstatt-Waiblingen haben sich aber die Beteiligten dann ganz gut zusammengerauft – auch das will ich einmal hervorheben.

Zur Person

Nachfolge
Die 54-jährige Diplomökonomin Cornelia Christian folgt auf Horst Stammler, der im August dieses Jahres nach 14 Jahren in der VVS-Geschäftsführung in den Ruhestand gegangen ist. Sie führt den VVS zurzeit gemeinsam mit Thomas Hachenberger.

Erfahrungen
Seit 2017 war Christian verantwortlich für das Geschäftsfeld Mobilität der Stadtwerke Bielefeld und bei deren Bus und Stadtbahn-Tochtergesellschaft MoBiel verantwortlich fürs Kundenmanagement und die Verkehrsplanung. Sie war hier für 120 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen sowie die Dienst- und Fahrtenplanung für 500 Busse zuständig.

Werdegang
Geboren in Marburg, hatte Cornelia Christian ihre erste berufliche Station beim Rhein-Main-Verkehrsverbund, dann wechselte sie in Führungspositionen beim Verkehrsverbund Berlin Brandenburg und ging dann nach Nordrhein-Westfalen als Geschäftsführerin der OWL Verkehr GmbH sowie der Westfalen Tarif GmbH. Sie hat dabei insbesondere Erfahrungen beim Aufbau von Verkehrsverbünden gesammelt.

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