Erste Bohnet-Retrospektive Böblinger Galerie würdigt den Meister der Klarheit

Galerieleiterin Corinna Steimel erklärt, welche Spuren Hans Dieter Bohnet mit seiner Kunst in und um Böblingen hinterlassen hat. Foto: Eibner-Pressefoto/Max Vogel

Der Stuttgarter Bildhauer Hans Dieter Bohnet hat unverwechselbare Kunst geschaffen. Die Städtische Galerie Böblingen widmet ihm jetzt eine erste umfassende Ausstellung.

Geometrische Figuren, amorphe Gebilde, monumentale Großplastiken – Hans Dieter Bohnet hat im öffentlichen Raum markante Spuren hinterlassen. In Stuttgart stehen die meisten Skulpturen des Künstlers, doch gleich dahinter folgt Böblingen, und so ist es nur folgerichtig, dass dort auch die erste umfassende Ausstellung zu seinem Schaffen zu sehen ist.

 

Die Transportarbeiter hatten für die Schau „In der Klarheit liegt die Kraft“ schwer zu schleppen: Bronzen, Aluminium-, Stahl- und Holzskulpturen finden sich unter den rund 100 Werken, dazu Modelle, Module und Formstudien sowie Skulpturen vom Bohnet-Lehrer Otto Baum und auch einige Werke von der Tochter Nicole Bohnet.

Der Baumboom verhilft Hans Dieter Bohnet zu öffentlichen Aufträgen

Manche frühen Arbeiten sowie kleinere Skulpturen lassen neue Seiten des Künstlers aufscheinen: Bohnet beginnt nach einem Bildhauerei-Studium in den 40er und 50er Jahren von Otto Baum beeinflusst figürlich: etwa mit einer weiblichen Holzplastik und Katze, Hund, Pferden und Elefanten – auf wesentliche Charakteristika reduziert. Hans Arp und Constantin Brâncusi stehen Pate. Der Bauboom, unter anderem bei Kirchen, verhilft Bohnet zu öffentlichen Aufträgen, beispielsweise an der heute abgerissenen Melanchthonkirche in Fellbach.

Galerieleiterin Corinna Steimel zeigt in der Ausstellung Bohnets unterschiedliche Schaffensphasen. Foto: Eibner-Pressefoto/Max Vogel

Der Stuttgarter Bildhauer abstrahiert in den 60ern zunehmend und schafft durchbrochene Oberflächen und offene Strukturen, die an das Informel erinnern, ähnlich wie Emil Cimiotti. Bohnets Lieblingsformen sind Kugel, Kubus und Oktaeder, die er raffiniert auffächert. Eine einmal gefundene Form variiert er systematisch, so etwa die „Römische Göttin“ von 1962/63 von seinem Aufenthalt in der Villa Massimo. Das Werk verhilft ihm zum Durchbruch. Auch Schachfiguren aus Polyurethan im Stile des Bildhauers Oskar Schlemmer gestaltet er in verschiedenen Variationen.

In den 70ern entwickeln sich Bohnets Arbeiten zum Konkret-Konstruktiven. Beispiele sind der „Kubus“ im Universitätspark Stuttgart oder die Kugelplastik „Integration 76“, die für das Bundeskanzleramt Bonn gedacht war, heute aber am Rheinufer steht. Im öffentlichen Raum gestaltet Bildhauerei nun verstärkt in Dialog mit Architektur, Städtebau und Landschaftsplanung den Raum. Bekannte Zeitgenossen von Bohnet sind Otto Herbert Hajek und Erich Hauser, die sich vom Figürlichen zur Konkreten Kunst hin entwickelten, sowie Georg Karl Pfahler mit seinen Farbräumen.

Die Schau zeigt den verstorbenen Bildhauer als einen Künstler der Klarheit

Die Schau zeigt den 2006 verstorbenen Bildhauer als einen Künstler der Klarheit in der Konzentration der Form sowie der Konsequenz in seiner Arbeitsweise und der Platzierung der Skulpturen im Raum. Bohnets Kunst im Raum Böblingen und Stuttgart beleuchtet dabei ein eigener Ausstellungsteil. Eine Karte, welche die ehemaligen und aktuellen Standorte der Skulpturen nachvollzieht, ist in Arbeit, ebenso ein Werkverzeichnis.

Corinna Steimel, die Leiterin der Städtischen Galerie Böblingen in der Zehntscheuer, hofft dabei auf Hinweise von Bürgern, denn manches ist verschollen und versetzt. Auch in Böblingen musste die Skulptur „Kraft und Bewegung“ (1984/85) auf dem List-Platz einer Tiefgarage weichen. Sie landete nach einem kuriosen Hin und Her schließlich auf dem Sculptoura-Radweg zwischen Aidlingen und Dätzingen.

Landesgartenschauen trieben die Stadt- und Freiraumerneuerung voran

Wie Landesgartenschauen in den 90ern die Stadt- und Freiraum-Erneuerung vorantrieben, zeigt ein weiterer Ausstellungsteil über das von Bohnet eindrucksvoll gestaltete Gelände bei der IGA 93 Stuttgart. In dem Kontext ist auch die Stadtgartengestaltung der Landesgartenschau Böblingen von 1996 zu sehen. Eine Gemälde-Auswahl von Bildern der Bohnet-Tochter Nicole und ein neu gedrehter Film von Lilian Hess schließen die aufschlussreiche Schau ab. Dieser gibt Einblick in die Beziehungen des Künstlers und zur Politik.

Info: Die Ausstellung ist noch bis zum 22. November in der Städtischen Galerie Böblingen in der Pfarrgasse 2 zu sehen. Öffnungszeiten: Mittwoch bis Freitag von 15 bis 18 Uhr, Samstag von 13 bis 18 Uhr, Sonn- und Feiertage von 11 bis 17 Uhr.

Umfangreiches Ausstellungsprogramm

Vita
Hans Dieter Bohnet wurde 1926 in Trossingen geboren. Nach Kriegsdienst, Kriegsgefangenschaft und einem Studium der Architektur von 1945 bis 46 an der Technischen Hochschule Stuttgart studierte er von 1946 bis 50 an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart bei Otto Baum. 1962/63 war er Stipendiat in der Villa Massimo in Rom und 1979/80 Stipendiat an der Cité Internationale des Arts, Paris. 2006 starb er in Stuttgart.

Begleitprogramm
Ein umfangreiches Begleitprogramm ergänzt die Ausstellung. Am 12. Mai von 10 und 15 Uhr gibt es einen kindgerechten Einblick mit Basteln in die Schau (Anmeldung: steimel@boeblingen.de). Am 11. Juni kann man Hintergründe zur Diskussion von Bohnets Wettbewerbs-Entwurf „Kraft und Bewegung“ bei einem Gespräch um 19 Uhr mit Ursula Kupke, vormals Sparkassenmitarbeiterin, erfahren. Bei der Midissage am 12. Juli um 15 Uhr wird erstmals der Katalog präsentiert. Kunst-am-Bau-Projekte von Bohnet in Böblingen kann man am 13. September, dem Tag des Offenen Denkmals, bei einer Führung von 11 bis 13 Uhr kennenlernen. Am 22. November ist von 11 bis 17 Uhr Finissage. Außerdem gibt es kostenlose Führungen am 25. April um 11 und am 5. Oktober um 15 Uhr. Um Kunst im öffentlichen Raum in Böblingen beziehungsweise um Kunst-am-Bau-Wettbewerbe drehen sich zwei Vorträge mit dem Kunsthistoriker Markus Baumgart respektive dem Bildhauer Martin Bruno Schmid am 26. Februar und 21. Mai um 19 Uhr. Ein Gespräch und ein Spaziergang erwarten das Publikum zum 30-Jahr-Jubiläum der Landesgartenschau Böblingen am 26. Juli von 15 bis 17 Uhr.

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Böblingen Kunst Ausstellung Galerie