Erste Hilfe auf den Fildern Weil jeder wissen sollte, wie man richtig hilft

Von Corinna Pehar 

Der letzte Erste-Hilfe-Kurs ist meist schon lange her. Für Leute, die im Notfall nichts dem Zufall überlassen wollen, bietet das Deutsche Rote Kreuz Auffrischkurse an. Unsere Autorin Corinna Pehar hat einen Selbstversuch unternommen.

Atmet sie noch? Beim Erste-Hilfe-Kurs lernt man die wichtigsten Handgriffe für den Ernstfall. Und dieser kann jederzeit eintreten. Foto: Corinna Pehar
Atmet sie noch? Beim Erste-Hilfe-Kurs lernt man die wichtigsten Handgriffe für den Ernstfall. Und dieser kann jederzeit eintreten. Foto: Corinna Pehar

Filder - Das Ohr der labbrigen Maske will nicht recht auf den Kopf drauf. „Warte, ich helf dir“, sagt meine Gruppenpartnerin und zerrt das etwas gruselig aussehende Gummigesicht mit mir über den Kopf der Übungspuppe. Das Gesicht hat sogar Zähne, darunter verläuft die Luftröhre in Form einer Plastiktüte.

Willkommen beim Erste-Hilfe-Kurs des Deutschen Roten Kreuzes in Stetten. Von Wiederbelebung über Verbandanlegen bis Motorradhelm abnehmen, hier kann jeder seine Kenntnisse aus der Fahrschule aufrischen. Und weil das nicht schadet, bin ich selbst dabei.

Oje, wie ging das noch mal?

„Hallo, hallo, können Sie mich hören?“ Ich rüttle an den Schultern der Puppe. Sie antwortet nicht. Atmet sie? Ich halte mein Ohr an den Mund und blicke auf den Brustkorb. Zehn Sekunden lang soll ich das tun. Ich habe noch den Rat des ehrenamtlich tätigen Kursleiters Christian Schobert im Ohr, der uns zuvor im theoretischen Teil erklärt hat: „Wenn der Patient in dieser Zeit nicht drei bis vier regelmäßige Atemzüge macht, dann müsst ihr wiederbeleben.“

Oje, wie war das gleich? Mund zu Mund? Mund zu Nase? Wie oft und wo genau muss ich auf den Brustkorb drücken? Schnell merke ich, dass es einen Riesenunterschied macht, ob man nur der Theorie lauscht oder ob man selbst Hand anlegt. „Bevor ihr beginnt, müsst ihr immer die Mundraumkontrolle durchführen“, erinnert mich Christian, im Erste-Hilfe-Kurs duzen sich alle. Der Mund ist leer, doch mein Patient atmet nicht. Ich wappne mich und knie für die Herzdruckmassage breitbeinig nahe an der Puppe. Mein Schwerpunkt ist entscheidend, mehr Kraft habe ich, wenn ich von oben komme. Ich spreize die Finger und lege die Hände aufeinander in die Mitte des unteren Drittels des Brustbeins. „Wo genau das ist, darüber gibt es ja die wildesten Theorien“, weiß Christian. Sein Tipp: Bei Männern befindet sich die Stelle genau zwischen den Brustwarzen.

Meinen Fehler bemerke ich gleich

Dann fange ich an, mit den Handballen zu drücken. 30-mal, fünf Zentimeter tief und regelmäßig – am besten im Takt von „Ha, ha, ha, Stayin’ Alive“ der Bee Gees, rät Christian. Wichtig: Immer wieder entlasten, das Brustbein hebt sich, senkt sich und nimmt das Herz mit. Plötzlich knackt es. „Habe ich jetzt die Rippen gebrochen?“ Christian beruhigt mich: Meist springen nur die Knorpel raus. Viel wichtiger ist es, den Patienten wieder zum Atmen zu bringen. Nach 30 Stößen gehe ich an den Kopf und blase Luft in den Mund. Gleichzeitig halte ich der Puppe die Nase zu. Meinen Fehler bemerke ich gleich: Ich habe vergessen, den Kopf zu überstrecken. Endlich strömt die Luft in die Plastiktüte, und die Nadel am kleinen Monitor meines Patienten bewegt sich in den grünen Bereich.

Christian sagt: „Das habt ihr im Real-Life halt nicht, aber es gibt euch ein gutes Gespür für die Wiederbelebung.“ Wie lange dauert so eine Wiederbelebung? Kräftemäßig schaffe man gut zwei bis drei Minuten, es habe aber auch schon Fälle gegeben, in denen Patienten 30 bis 40 Minuten wiederbelebt wurden. Die Diskussion wird lebhaft, Fragen über Fragen. Eine lautet: „Wann weiß ich denn sicher, dass jemand tot ist?“ In jedem Fall muss man auf den – übrigens vor der Beatmung – gerufenen Rettungswagen warten. Christian stellt klar: „Ihr erklärt niemanden für tot, das macht der Notarzt.“

Auch für Christian ist das nur Theorie. Der 27-jährige Sanitätshelfer und Erste-Hilfe-Ausbilder musste während seiner 16-jährigen Mitgliedschaft beim DRK noch nie jemanden in echt wiederbeleben. Man gerate glücklicherweise nicht oft in eine solche Situation, doch wenn es dann passiere, sei es „superwichtig“, gewappnet zu sein, sagt er. Und das kann jeder Zeit passieren. Wer einen Erste-Hilfe-Kurs besucht hat, fühlt sich sicherer.

Die stabile Seitenlage ist das A und O

Zu so einem Kurs gehört natürlich auch die stabile Seitenlage. Sie ist immer dann wichtig, wenn der Liegende Erbrochenes im Mund hat. „Bloß nicht mit den Fingern im Mund rumstochern“, warnt Christian, zu unserer eigenen Sicherheit. Vielmehr diene die Seitenlage dazu, dass der Kopf am tiefsten Punkt liegt und das Erbrochene rausfließen kann. Wie viele andere Rettungsmaßnahmen in der Ersten Hilfe hat sich auch die Stellung der stabilen Seitenlage über die Jahre verändert. Eine der Teilnehmerinnen zeigt uns, wie sie es vor über 20 Jahren gelernt habe. „Vergesst das aber schnell wieder“, mahnt Christian und zeigt an mir, wie es richtig geht.

Ich liege auf dem Rücken. Er winkelt – von mir aus gesehen – meinen rechten Arm auf dem Boden zum sogenannten „Römergruß“, meinen linken Arm zieht er über meinen Körper ebenfalls auf die rechte Seite und platziert meinen Handrücken an meiner Wange. Dann winkelt er mein linkes Bein an und schiebt mich per Hebelwirkung langsam auf die rechte Seite. „Bitte nicht am Körper ziehen, der Hebel wirkt ganz alleine.“ Ist noch ein zweiter Helfer dabei, kann der die linke Hand unter den Kopf schieben. Dann muss nur noch der Nacken so nach hinten gestreckt werden, dass das Erbrochene rauslaufen kann. Keinesfalls darf Flüssigkeit in die Lunge geraten. „Die stabile Seitenlage ist das A und O.“