Corona-Pandemie auf Mallorca Sorgen trotz der ersten Lockerungen

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Die Ferieninsel Mallorca ist derzeit leer wie selten. Das hat auch seine schönen Seiten. Aber hauptsächlich ist das ein Grund zur Sorge – ebenso wie das Anlaufen des Tourismus.

An Mallorcas Stränden herrscht eine ungewohnte Ruhe. Foto: dpa/Clara Margais
An Mallorcas Stränden herrscht eine ungewohnte Ruhe. Foto: dpa/Clara Margais

Palma - Ehe der gastronomische Ausnahmezustand geendet hat, musste kräftig geputzt werden. In der Nacht regnete es noch mal ordentlich in Palma. „Ich bin morgens um drei aufgewacht und hab gedacht: Jetzt wird wieder alles dreckig“, erzählt Marga Roca, die Chefkellnerin in der Cafeteria des Club Náutico im Hafen von Palma. Die Cafeteria hat gewöhnlich 365 Tage im Jahr geöffnet, nun war sie zum ersten Mal für zwei Monate geschlossen. „Wer hätte das gedacht. Unglaublich.“ Nun hat sie wieder auf, nach neun Wochen Zwangspause. Als Roca den Anruf bekam, dass es wieder Arbeit gebe, war sie froh, „ich hatte große Lust, ich bin nicht gerne so lange zu Hause, und natürlich wegen des Geldes.“

Die gewöhnlichsten Verrichtungen werden zum Ereignis

Nicht nur Marga Roca hat die Wiedereröffnung herbeigesehnt. Um zehn nach neun kamen die ersten Gäste, ein Ehepaar. „Ich war noch dabei, die Tische abzuwischen. Ich habe sie begrüßt: Herzlichen Glückwunsch, Sie sind die Ersten!“ Die Gäste hätten Fotos gemacht, ihre Getränke bestellt und den Blick aufs Meer genossen. Die gewöhnlichsten Verrichtungen werden in diesen Wochen zum Ereignis. Auf Mallorca vielleicht noch mehr als anderswo. Kaum ein anderes Land hat solch strenge Ausgangssperren hinter sich wie Spanien, während doch das entspannte Leben auf der Straße das Geschäftsmodell von Orten wie Palma ist.

„Es war sehr hart, wie überall“, sagt Francina Armengol, die Regionalpräsidentin der Balearen. „Du gingst durch die Straßen, und es war erschütternd, alles war geschlossen. Jetzt siehst du wieder ein klein wenig Leben, du siehst die Leute wieder lächeln.“ Mit Lust auf einen Neubeginn, Lust zu arbeiten. Und einer „gewissen Zügellosigkeit“, findet Armengol. „Wir kommen aus der absoluten Ausgangssperre, gehen auf die Straße und vergessen die Sicherheitsvorkehrungen.“

Unbekümmerter Umgang mit dem Virus

„Ich habe den Eindruck“, sagt Peter Berghoff, der an der Playa de Palma ein deutsches Ärztezentrum betreibt, „dass der Spanier, genau wie der Deutsche, überhaupt keine Angst hat, dass ihn das Virus ereilen könnte.“ Leute ohne Atemschutz, ohne Sicherheitsabstand, mit dem Bedürfnis, „alles anzutatschen“. Berghoffs Urteil fällt wenig gnädig aus. „Völlig unvernünftig!“ findet er einen Großteil seiner Mitmenschen.

Aber auch Berghoff, der seit knapp 20 Jahren auf Mallorca lebt, ist froh über die ersten Zeichen der Entspannung. Seit Montag vergangener Woche dürfen auf der Insel wieder kleine Geschäfte und Straßencafés – wenn auch nur mit der Hälfte der Tische – aufmachen. Bis dahin war es „gespenstisch“. Keine Flugzeuge am Himmel, keine Autos auf der Autobahn, keine Menschen am Strand. „Wenn Sie die Playa de Palma kennen, mit Leben erfüllt . . .“, sagt Berghoff über die lange Leere, „ich mein, auf der einen Seite ist das schön – aber es ist unheimlich.“

Künftig weniger Tourismus auf der Insel?

Auf Mallorca hört man sonst gern Klagen über die Touristenfluten. Marga Roca vom Club Náutico hat sie nie geteilt: „Wenn mir Palma im August zu voll ist, dann gehe ich eben im September in die Stadt“, sagt sie. Anderen geht die touristische Prägung Mallorcas schon seit Langem zu weit. Eine Initiative in Palma nennt sich „Die Stadt denen, die sie bewohnen!“. Manel Domènech gehört zu ihr. Hat die Corona-Pandemie seine Träume wahr gemacht? „Die Leute, die in der Stadt leben, bewohnen sie zurzeit ja nicht – sie bewohnen nur ihr eigenes Haus“, sagt Domènech. Ja doch, ihm gefällt es, dass sich die Natur erholt, dass Delfine in der Bucht von Palma schwimmen, dass Enten in die Stadt gekommen sind. „Mehr als Traurigkeit habe ich Ruhe und Frieden empfunden“, sagt er. Er hege keinen Hass auf Touristen, „überhaupt nicht“, aber jetzt sei der richtige Zeitpunkt, über die Zukunft der Insel nachzudenken, über den Abschied von der touristischen Monokultur, über Diversifikation. „Ich habe das Gefühl, dass nichts bleiben kann, wie es war – mehr als ein Gefühl ist es ein Wunsch.“

Auch wenn niemand in die Zukunft schauen kann, versuchen genau das gerade alle zu tun. „Ich glaube, dass man sich im Prinzip keine Sorgen machen muss“, sagt Eduardo Morillo, Rezeptionist in einem Hotel an der Playa de Palma. „Etwas Außergewöhnliches ist geschehen, und es wird wieder vorbeigehen, und dann kehren wir zur Normalität zurück. Mallorca ist ein Touristenort und wird es bleiben, ganz gleich, was gerade gesagt wird.“ Im Moment aber gehört die Playa de Palma Leuten wie ihm, denen, die dort wohnen und normalerweise arbeiten. Auf Morillos Balkon kommen jetzt so viele Vögel geflogen wie nie, und wenn er endlich wieder mit seiner Frau und seinem zwölfjährigen Sohn rausgeht, haben sie die Playa de Palma für sich. „Es ist alles leer, alles leer“, sagt er, „ich weiß nicht, ob ich dafür dankbar sein soll oder nicht.“ Die gemischten Gefühlen teilt er mit fast allen Mallorquinern. Es sei sein erster Urlaub seit vielen Jahren, sagt Morillo, zum Glück einer, der ihm mit Kurzarbeitergeld bezahlt wird, mindestens noch bis Ende Juni.

Und wann geht es wieder los mit dem Betrieb? Das weiß auch keiner. Reiseveranstalter drängeln und verhandeln mit der Regionalregierung über „sichere Reisekorridore“, von denen schwer zu sagen ist, wie sicher sie sein werden. Noch sind die Hotels geschlossen genauso wie der Bierkönig und der Megapark und der Ballermann. „Alles auf Stand-by“, sagt Morillo. „Vielleicht werden wir bis nächstes Jahr keine Arbeit haben, vielleicht geht alles in diesem Juli wieder los“, meint er. „Aber wenn ein Hotel im Juli wieder aufmacht, dann nur, weil Reservierungen eingegangen sind und man niemanden abweisen will, nicht weil es schon gute Geschäfte zu machen gäbe.“

Die Geschäfte laufen zaghaft an

Gute Geschäfte macht zurzeit noch niemand. Marga Roca zählte am Ende des ersten Tages in der Cafeteria des Club Náutico 60 Gäste, „eher weniger“. Den Umsatz schätzt sie auf 20 bis 25 Prozent eines Samstags aus der Zeit vor Corona. Ihre Chefin, Eugenia Cusí, kalkuliert mit ähnlichen Zahlen: „Der Handel auf Mallorca macht 75 Prozent seines Geschäfts mit Gästen und den Rest mit Einheimischen. In Gastronomiebetrieben dürfte es etwa dasselbe Verhältnis sein.“

Wäre also schön, wenn wieder Gäste kommen, und noch schöner, wenn man sich sicher sein könnte, dass sie nicht das Virus mitbringen. Die Balearen gehören innerhalb Spaniens zu den wenig betroffenen Regionen. „Wir sind ein sicheres Ziel“, sagt Cusí, „aber auch ein verletzliches.“ Dass die Lufthansa von 1. Juni an wieder täglich Dutzende Maschinen nach Mallorca schicken will, „ist die Hoffnung – und die Sorge vor dem, was sie uns bringen werden“. Cusí bekommt von den Regierenden, die sie im Falle der Balearen ganz gut kennt, den Eindruck, „dass wir uns nicht mit großem Verantwortungsbewusstsein auf das vorbereiten, was da auf uns zukommen mag“.

Peter Berghoff hält die Erwartung, dass nun bald der Massentourismus nach Mallorca zurückkehrt, für „völlig unrealistisch“. „Stellen Sie sich mal vor, einer hustet im Bierkönig . . .“, sagt er. Fast beiläufig erwähnt er, dass er sein Ärztezentrum an der Playa de Palma schließen wird. Er hat noch ein anderes Standbein, eine Hausverwaltung. Die läuft gut. Die Leute mit Ferienwohnung auf Mallorca brauchen jetzt jemanden, der sich um sie kümmert. Wer weiß, wann sie sich selbst wieder auf den Weg auf die Insel machen.




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