Erste repräsentative Coronastudie in Baden-Württemberg Vier Mal mehr Infizierte als bekannt

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Die Dunkelziffer bei der Coronapandemie ist hoch. Das zeigt die erste repräsentativen Studie für Baden-Württemberg am Beispiel von Kupferzell in Hohenlohe, einem Coronahotspot im Südwesten.

Das beschauliche Kupferzell war von Corona anteilmäßig stärker betroffen als jeder andere Ort in Baden-Württemberg. Foto: dpa/Marijan Murat
Das beschauliche Kupferzell war von Corona anteilmäßig stärker betroffen als jeder andere Ort in Baden-Württemberg. Foto: dpa/Marijan Murat

Kupferzell - In Kupferzell im Hohenlohekreis hat die Dunkelziffer nicht bekannter Infektionen mit SARS-CoV-2 bei exakt 3,9 gelegen – sprich, statt der bekannten 117 infizierten Personen hat es in der Gemeinde mit rund 6100 Einwohnern etwa 450 Menschen gegeben, die sich im Frühjahr und Frühsommer mit dem Coronavirus angesteckt hatten. Das ist eines der wichtigsten Ergebnisse einer Studie des Robert-Koch-Institutes (RKI), die am Freitag in Kupferzell vorgestellt worden ist. Es handelt sich für Baden-Württemberg um die erste Corona-Analyse, die als repräsentativ gelten darf.

Spitzenreiter in Baden-Württemberg

Kupferzell war als eine von vier Kommunen in Deutschland ausgewählt worden, weil nirgendwo in Baden-Württemberg mehr Infektionen pro 100 000 Einwohnern festgestellt worden waren. Nach einem Kirchenkonzert in einem Teilort von Kupferzell am 1. März hatten sich dort zunächst 111 Menschen angesteckt, drei von ihnen starben. Bis heute kamen aber nur noch fünf Infektionen hinzu. Insgesamt wurden nun von Ende Mai bis Mitte Juni 2203 Einwohner nach einer repräsentativen Zufallsstichprobe befragt und untersucht. Bei ihnen wurde ein Rachenabstrich gemacht und eine Blutprobe entnommen.

Jetzt ist klar: Bei 7,7 Prozent aller Kupferzellerinnen und Kupferzeller konnten Antikörper nachgewiesen waren; sie waren also mit dem Coronavirus infiziert. In der Realität waren aber es sogar noch etwas mehr. Denn umgekehrt konnten bei 28,2 Prozent der Personen, die nachweislich infiziert waren, keine Antikörper entdeckt werden. Dieses Phänomen ist bereits aus anderen Studien bekannt; ob diese Menschen trotzdem vorerst immun gegen das Virus sind, ist noch nicht abschließend geklärt.

Eine weitere interessante Zahl: 16,8 Prozent der Menschen in Kupferzell mit Antikörpern – Seropositive im Fachjargon – hatten keine Symptome entwickelt und erfuhren erst durch die Studie von ihrer Infektion. Auch diese Größe ist wichtig, um einzuschätzen zu können, wie stark das Infektionsgeschehen tatsächlich in einer Bevölkerung ist.

RKI lobt Maßnahmen der Behörden

Lars Schaade, der Vizepräsident des Robert-Koch-Instituts, zieht aus den Ergebnissen vor allem einen Schluss: „Die bisherigen Maßnahmen der Behörden waren geeignet, um den größten Teil der Bevölkerung zu schützen.“ Denn selbst in einem Hotspot wie Kupferzell sei es auf diese Weise gelungen, die Verbreitung des Virus fast komplett zu unterbinden. Auch Matthias Neth, der Landrat des Hohenlohekreises, hob dieses Fazit hervor: „Wir wissen nun, dass wir keine weiteren unbekannten Infektionsketten in Kupferzell hatten.“

Die Ergebnisse könnten allerdings nicht auf andere Kommunen oder gar auf das ganze Land übertragen werden, betonte Claudia Santos-Hövener, die die Studie leitete. Dennoch ähneln sich manche, wenn auch nicht alle Zahlen. Bisher liegen Ergebnisse von zwei weiteren repräsentativen Studien vor. In Gangelt im Landkreis Heinsberg in Nordrhein-Westfalen waren nach einer starken Verbreitung des Virus beim Karneval 15 Prozent der getesteten Personen positiv; das waren fünf Mal mehr als bekannt. In Neustadt am Rennsteig hatten acht Prozent der Teilnehmer an einer Studie Antikörper im Blut. Bei einer nicht repräsentativen Studie in Tübingen lag der Anteil der positiv Getesteten bei 8,8 Prozent. Man vermutet aber, dass sich dort vor allem Menschen hatten testen lassen, die unsicher waren, ob sie sich infiziert hatten und Gewissheit haben wollten – der Wert sei deshalb eher zu hoch.

Immunitätsrate reicht nicht gegen zweite Welle

Darauf deuten auch die Kupferzeller Ergebnisse hin. Wenn die Zahl der Menschen mit Antikörpern im einstigen Hotspot Kupferzell bei 7,7 Prozent liege, so dürfte er landesweit eher darunter liegen, betonte RKI-Vizepräsident Schaade. Allerdings habe diese Erkenntnis eine negative Konsequenz: „Diese Immunitätsrate reicht jedenfalls nicht aus, um eine zweite Welle zu verhindern“, sagte er und nutzte die Gelegenheit für eine allgemeine Warnung. Insgesamt seien die Infektionszahlen der letzten Tage in Deutschland sehr besorgniserregend: „Wir dürfen die Entwicklung so nicht weiterlaufen lassen. Denn wir drohen sonst, die Kontrolle zu verlieren.“ Er mahnte deshalb, die Abstands- und Hygieneregeln einzuhalten, auf größere Feiern zu verzichten und auch keine Reisen zu unternehmen, die nicht dringend notwendig seien.

Kupferzell ist Vorreiter

Kupferzell ist die erste von vier Kommunen, in denen das Robert-Koch-Institut im Rahmen der Studie „Corona Monitoring lokal“ aktiv war. In Bad Feilnbach im Landkreis Rosenheim ist die Untersuchung bereits abgeschlossen, aber die Ergebnisse liegen noch nicht vor. Von Anfang September an wird dann der dritte Studienort in Straubing in Niederbayern eingerichtet. Die vierte Stadt steht noch nicht fest.

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