Erste Weinlese-Analysen Der Trollinger muss etwas leiden

Horst Klingler analysiert i seinem Neustädter Weinlabor den Most aus den meisten Weingütern der Region.Auch wenn mancherorts die Menge  fehlt – im Keller der Fellbacher Weingärtner herrscht Freude über  die Qualität. Foto: /Gottfried Stoppel
Horst Klingler analysiert i seinem Neustädter Weinlabor den Most aus den meisten Weingütern der Region.Auch wenn mancherorts die Menge fehlt – im Keller der Fellbacher Weingärtner herrscht Freude über die Qualität. Foto: /Gottfried Stoppel

ls Folge des Klimawandels ändert sich die Reifezeit der Trauben – von 90 auf künftig 80 bis 85 Tage, sagt Horst Klingler vom Neustädter Weinlabor. Für diesen Jahrgang konstatiert der Genossenschaftsverband derweil die kleinste Ausbeute seit 30 Jahren.

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Wein - Seit 28 Jahren sei er nun mit dabei, sagt Horst Klingler, Betreiber des gleichnamigen Weinlabors in Waiblingen-Neustadt, „aber so etwas habe ich noch nicht erlebt“. Gemeint ist der Verlauf des Weinjahrs 2020 und die bereits in den erste Oktobertagen zu Ende gegangene Weinlese in diesem Jahr – quasi mit einem kurzen Paukenschlag als Abschluss. Dem Trollinger, der trotz aller Sonnentage kaum reif geworden sei, weil ihm in den entscheidenden Phasen das Wasser gefehlt hat. Und der, bei allen, die noch über die späten Regentage zum vergangenen Wochenende hinaus zugewartet haben, eher noch zusätzliche Probleme bekommen hat: Mit der Beerenstabilität und teils auch merklich mit dem Befall durch die Kirschessigfliege. Klingler: „Der Trollinger hat gelitten, der braucht für die Reife mehr Wasser als andere Rebsorten.“

Die Trauben werden schneller reif

Eine der Lehren, die der Waiblinger Önologe aus dem Jahr mit früher, schneller und mengenmäßig nicht arg befriedigender Lese 2020 zieht ist diejenige, dass man sich nicht nur bei den Temperaturen, sondern beim gesamten Reifeprozess auf deutliche Veränderungen einstellen müsse: Es werde infolge des Klimawandels künftig von der Blüte bis zur physiologischen Reife nicht mehr – wie bisher – rund 90 Tage dauern, sondern wohl nur noch 80 bis 85 Tage. Die frühe Lese werde normal, samt der dringenden Notwendigkeit, im Sinne frischer Aromen und zumutbarer Alkoholwerte Überreife bei den Beeren zu vermeiden. Die Zeiten der Jagd nach möglichst hohen Mostgewichten sei – auch wenn manche Genossenschaft noch nach Oechslegraden auszahle – endgültig vorbei.

Zusätzlich trete mit dem aktuellen Jahrgang ein weiteres Problem klar zutage, sagt Klingler: „Wir kommen nicht mehr ohne Säuerung aus.“ Das gelte inzwischen für Rot und Weiß und über alle Weinsorte hinweg und sei inzwischen schlicht eine Frage der biologischen Stabilität der resultierenden Weine. Allerdings müsse natürlich nicht das erlaubte Maximum von 1,5 Gramm im Most und weiteren 2,5 Gramm pro Liter nach Gärbeginn ausgenutzt werden.

Insgesamt weise der 2020er nach den bisherigen Erkenntnissen höhere Qualitäten auf als die beiden Jahrgänge zuvor. Die Menge sei aber ziemlich über alle Sorten hinweg recht bescheiden.

Genossenschaften: Geringste Menge seit 30 Jahren

Genau deshalb schauen auch die genossenschaftlichen Weingärtner im Lande laut der ersten Lesebilanz ihres Verbandes „mit einem lachenden und einem weinenden Auge auf das Jahr 2020“: Für zufriedene Gesichter sorge in den Mitgliederreihen dabei „die hervorragende Qualität der Trauben mit sehr guten Oechsle-Werten“. Weinliebhaber könnten sich auf den Jahrgang freuen“, sagte Roman Glaser, der Präsident des Baden-Württembergischen Genossenschaftsverbands (BWGV). Dem gegenüber stehe jedoch die kleinste Erntemenge der vergangenen 30 Jahre. Die genossenschaftliche Lesemenge liege etwa 25 Prozent unter dem Durchschnitt der vergangenen zehn Jahre und 15 Prozent unter dem bereits nicht sehr berauschenden Vorjahresniveau.

Ursache hierfür seien Frostschäden, niedrige Temperaturen während der Blüte und Trockenheit im Sommer. Dazu kamen die außergewöhnlich hohen Temperaturen und warmen Winde kurz vor und während der extrem frühen Lese. Die Erntemenge der 36 Weingärtnergenossenschaften in Württemberg liegt dieses Jahr wohl unter 50 Millionen Litern. Im Vorjahr hatten sie noch 63,5 Millionen Liter in die Keller gebracht.

Die Ertragssituation sei indes regional sehr unterschiedlich. Vor allem im Zabergäu, am Stromberg, in Hohenlohe und im Taubertal seien große Ertragseinbußen zu verzeichnen. Insbesondere die Burgundersorten blieben dort deutlich hinter den Schätzungen vor dem Herbst zurück. Der Ertrag 2020 liegt bei rund 65 Hektoliter je Hektar Rebfläche (2019: 85,8). Die durchschnittlichen Mostgewichte bei den Hauptsorten: Riesling 85 Grad Oechsle, Schwarzriesling 98 Grad, Spätburgunder 98 Grad, Trollinger 76 Grad und Lemberger 86 Grad.




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