Auf dieser Fläche am Ende der Hackstraße wird die Flüchtlingsunterkunft entstehen. Foto: Werner Kuhnle
Der Landkreis braucht neue Plätze für die vorläufige Unterbringung, um teure Hotels leeren zu können. Der Plan einer neuen Unterkunft sorgt in Hoheneck aber für Aufregung, vor allem die Kommunikation der Behörden steht in der Kritik.
„Da ist gehörig etwas schief gelaufen“, sagt Hubertus von Stackelberg, SPD-Stadtrat aus Hoheneck. Das werde er nach seinem Urlaub der Stadtverwaltung auch noch mal so widerspiegeln. „Ich finde es enttäuschend, wie die Bürger informiert wurden“, sagt auch Michael Roock, er sitzt für die CDU im Stadtteilausschuss Hoheneck. Während der Sommerferien die Nachricht einer neuen Flüchtlingsunterkunft per Post zu verschicken und auf eine Informationsveranstaltung in eineinhalb Monaten zu verweisen, sei nicht der richtige Weg, kritisieren die beiden Lokalpolitiker.
Hintergrund des Ärgers ist der Plan des Landkreises, mit Unterstützung der Stadtverwaltung Ludwigsburg, ab 2025 eine neue Flüchtlingsunterkunft für 114 Menschen in der Hackstraße in Ludwigsburg-Hoheneck zu bauen. Anfang September sollen die Anwohner auf einer Veranstaltung über das Bauprojekt und das Sicherheitskonzept informiert werden. Kritik kommt schon im Voraus, und nicht nur von Lokalpolitikern.
Die Ausgangslage: Im Jahr 2022 kamen fast 10 700 Geflüchtete in den Landkreis Ludwigsburg, viele davon aus der Ukraine. Im Jahr darauf waren es nur noch 4152 Zuzüge, im bisherigen Jahr sind es 1135 – die Lage in der Region beruhigt sich also. Die Schutzsuchenden verteilen sich auf die sogenannten vorläufigen Unterkünfte in Verantwortung des Kreises und auf die Anschlussunterkünfte der Städte.
In der Stadt Ludwigsburg gibt es aktuell 2248 Plätze in Anschlussunterkünften und nur 358 Plätze in vorläufigen Unterkünften. Weitere vorläufige Plätze werden zudem bald wegbrechen, beispielsweise rund 100 im ehemaligen Hotel Krauthof in Hoheneck. Der Bedarf an Unterkunftsplätzen steige aktuell aber nicht, informiert das Landratsamt. Die neu geplante Unterkunft sei eine vorbeugende Maßnahme, zudem federe die neue Unterkunft den Abbau teurer Fluchtplätze in Hotels ab.
Die Unterkunft: Das Landratsamt mietet das Gelände von der Stadt und verzichtet dafür auf die geplanten Containerunterkünfte am Sportpark Kugelberg. Noch ist wenig über die Art der Unterkunft bekannt, ein Containerdorf wird es nicht. Ein Holzbau sei ebenso denkbar wie ein Massivbau, so Landratsamtssprecher Andreas Fritz. Baubeginn ist voraussichtlich im Frühjahr 2025, die Unterkunft soll 2026 bezogen werden. Wer einzieht, ist noch nicht bekannt.
Womöglich auch unter dem Eindruck des Anschlags von Solingen weist das Landratsamt schon jetzt auf das Sicherheitskonzept der Unterkunft hin. Ein Sozialarbeiter wird sich eng mit den Bewohnern befassen, zudem würden Beschwerden von Anwohnern umgehend vom Landratsamt geprüft – ein Waffenverbot gebe es natürlich auch.
Container wie hier in der Ludwigsburger Schliefenstraße werde nicht aufgestellt. Foto: Simon Granville
Die Kritik: Michael Roock und Hubertus von Stackelberg verärgert vor allem der Zeitpunkt der Bekanntmachung. Die Bürger seien aus allen Wolken gefallen, sagt von Stackelberg. Aus seiner Sicht hätten Kreis und Stadt unbedingt mit einer Informationsveranstaltung in die Planung starten sollen und nicht mit einer Bekanntmachung per Post. „Das wurde ziemlich versemmelt.“
Doch auch die Unterkunft an sich wird kritisch beäugt: „Wir sind nicht zufrieden, das ist eine sehr große Unterkunft für diesen Standort. Viele Fragen sind offen“, sagt Hubertus von Stackelberg und Michael Roock ergänzt: „Wir müssen gucken, wie viel man den Bürgern zumutet.“
Neben den Lokalpolitikern meldete sich in dieser Woche zudem das Bau-Planungsbüro M+P aus Ludwigsburg zu Wort. Das Büro ist Projektpartner der Regio Bau-Herrmann, die in nächster Nachbarschaft das durch die neue Unterkunft frei werdende ehemalige Hotel Krauthof in ein Wohnquartier verwandeln will. Das Planungsbüro bestätigt die Kritik gegenüber unserer Zeitung: Der Bauantrag des Landratsamtes beinhalte eklatante Mängel, die Bürgerbeteiligung sei nur ein Feigenblatt.
Es gibt aber auch andere Stimmen: Markus Fetzer ist Wirt der Krone Alt-Hoheneck und für den Ortsverband der Grünen aktiv. Ihn habe die Neuigkeit ebenfalls überrascht und er hofft auf ein transparentes Vorgehen des Landratsamtes und der Stadt. Er warnt aber auch davor, Geflüchtete in der aktuell aufgeheizten Debatte kollektiv abzustrafen. Man sollte als Stadtgesellschaft nicht dem Drang nachgeben, der Migration einen Generalriegel vorzuschieben.
Die Antwort: Die Stadt habe das übliche Beteiligungsverfahren eingeleitet, die Kritik an der Kommunikation könne man nicht nachvollziehen, kontert die Stadtverwaltung. Die Anwohner hätten Einwendungen einbringen dürfen, die bereits an den Bauherrn weitergeleitet wurden, sagt Stadtsprecherin Karin Brühl. „In den nächsten Tagen werden wir in der Nachbarschaft zur geplanten Unterkunft entsprechende Flyer verteilen lassen, um auf den gemeinsamen Infostand von Stadt und Landkreis am 10. September hinzuweisen.“
Daten zu Unterkünften der Stadt und des Kreises
Vorläufige Unterbringung Das Landratsamt stellt im Kreis Ludwigsburg an 35 verschiedenen Standorten 2686 Plätze für Geflüchtete bereit. Anfang 2022, vor dem Angriffskriegs Russlands, waren es noch 25 Unterkünfte mit insgesamt 1466 Plätzen.
Anschlussunterbringung Die Stadt Ludwigsburg bringt Geflüchtete derweil an rund 180 verschiedenen Standorten unter. Die Zahl der Unterkünfte in Verantwortung der Stadt ist deutlich höher, da die Anschlussunterbringung kleinteiliger ist als die vorläufige Unterbringung – beispielsweise werden einzelne Zimmer und Wohnungen angemietet