Auf das Herz-Kreislaufsystem sollte man gut achten – Checks werden bei Beschwerdefreiheit ab 40 Jahren empfohlen. Foto: KI/Midjourney/Montage: Ruckaberle
Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind die häufigste Todesursache. Wann junge, gesunde Menschen ihr Herzen checken sollten, sagt Raffi Bekeredjian, Chefarzt des Robert Bosch Krankenhauses.
Erkrankungen des Herz-Kreislaufsystems sind in Deutschland die häufigste ausschlaggebende Todesursache. 348 300 beziehungsweise 33,9 Prozent der Verstorbenen litten laut Statistischem Bundesamt 2023 an sogenannten kardiovaskulären Erkrankungen. Dabei trifft es längst nicht nur jene Menschen, die einen ungesunden Lebensstil pflegen.
Bei manchen Menschen ist das Risiko genetisch bedingt. Ab welchem Alter man beginnen sollte, sich um sein Herz zu kümmern, welche Hilfe es für Menschen mit einem hohen erblich bedingten Risiko gibt und wie man erfährt, ob man betroffen ist, darüber spricht Raffi Bekeredjian, der Chefarzt der Kardiologie und Angiologie am Robert-Bosch-Klinikum.
Herr Bekeredjian, es gibt viele Menschen, die aus ihrer Familie oder der nahen Verwandtschaft Erkrankungen des Herz-Kreislaufsystems kennen, aber daraus nicht unbedingt Rückschlüsse für ihr eigenes Vorsorgeverhalten ziehen. Wie bedeutsam ist denn die familiäre Prädisposition, wenn es um kardiovaskuläre Erkrankungen geht?
Das ist ein sehr wichtiges Thema. Die genetische Komponente ist bei Krankheiten des Herz-Kreislaufsystems sehr stark. Wir erleben es in unserem medizinischen Alltag häufig, dass Menschen, die einen sehr gesunden Lebensstil pflegen, plötzlich mit einer kardiovaskulären Erkrankung konfrontiert sind. Wer früh weiß, dass er aus familiären Gründen vorbelastet ist, kann das Auftreten der ersten Symptome durch gute Prävention abmildern oder nach hinten verschieben. Statt mit 55 passiert der Herzinfarkt dann erst mit 75 Jahren.
Wer gilt denn als familiär vorbelastet?
Das sind Menschen, deren Eltern, Großeltern oder Geschwister schon früh beispielsweise einen Herzinfarkt erleiden. Ein Herzinfarkt gilt ab einem Alter von unter 55 Jahren bei Männern und unter 65 Jahren bei Frauen in der Regel als „früh“ oder „vorzeitig“.
Raffi Bekeredjian gilt als einer der renommierstesten Kardiologen Deutschlands Foto: Robert Bosch Krankenhaus
In welchem Alter sollte man beginnen, sich mit seinem persönlichen Herzinfarktrisiko auseinanderzusetzen?
Wenn man keine Beschwerden hat, sollte man etwa mit 40 Jahren zum ersten Mal einen kardiologischen Check machen. In dem Alter fängt beispielsweise eine Verkalkung der Arterien an, sich zu entwickeln. In der Fachsprache bezeichnen wir es als Arteriosklerose, wenn sich die Arterien chronisch verkalken oder verhärten. Dabei lagern sich Fette, Cholesterin, Bindegewebe und Kalk in der inneren Gefäßwand ab – diese Ablagerungen nennt man Plaques. Wenn eine Plaque aufreißt, kann sich ein Blutgerinnsel bilden, das das Gefäß komplett verschließt – das kann etwa zu einem Herzinfarkt oder Schlaganfall führen.
Was passiert bei einem kardiologischen Check-up?
Bei solch einer Untersuchung sollten in erster Linie die Blutfette kontrolliert werden. Also das Low-Density-Lipoprotein (LDL), das im Volksmund als das schlechte Cholesterin bezeichnet wird sowie das High-Densitiy-Lipoprotein (HDL), das gemeinhin gutes Cholesterin genannt wird. Entscheidend für uns ist das LDL. Die Vorstellung, dass ein hoher HDL-Wert einen hohen LDL-Wert relativieren kann, gilt inzwischen als überholt. Je nachdem wie hoch das Risiko eines Patienten nach dem Check-up eingeschätzt wird, kann der Kardiologe entscheiden, ob weitere Untersuchungen nötig sind. Beispielsweise ein Ultraschall der Halsgefäße, bei dem Plaques auffallen würden oder ein Coronar CT, bei dem man sich auf nicht-invasive Weise die Herzkranzgefäße anschauen kann.
In diesem Zusammenhang fällt häufig das Stichwort Lipoprotein a. Was sagt dieser Blutwert aus, der in der Fachsprache als Lp(a) bezeichnet wird?
Das Lipoprotein a ist eine genetisch bestimmte Fett-Eiweiß-Verbindung im Blut, die dem Low-Density-Lipoprotein (LDL) ähnelt. Der Wert ist erst in den vergangenen Jahren in den Fokus der Forschung geraten und stellt gewissermaßen ein Lebensrisiko dar: je höher der Wert ist, desto größer ist das Risiko einer Herz-Kreislauferkrankung.
Wie niedrig sollte der Wert sein und ab welcher Lp(a)-Konzentration wird es gefährlich?
Das können wir noch nicht mit Sicherheit sagen. Wir wissen, dass ein Großteil der Menschen eine Lp(a)-Konzentration von unter 30 mg/dL aufweist. Werte, die darüber liegen, gelten als erhöht. Jedoch wissen wir noch zu wenig über das Lp(a), um seriös sagen zu können, ab welcher Konzentration eine Gefahr besteht. Wir nehmen diesen Wert aber durchaus ernst.
Ist es richtig, dass der Wert das ganze Leben über stabil bleibt?
Davon ging man bislang aus. Es gibt jedoch erste Erkenntnisse, die darauf hindeuten, dass der Wert insbesondere bei Frauen nach der Menopause noch weiter ansteigen kann.
Was können Menschen tun, deren Lp(a)-Konzentration erhöht ist?
Es gibt im Moment keine medikamentöse Therapie, um die Lp(a)-Konzentration zu senken. Es sollen jedoch bis spätestens Anfang nächsten Jahres die ersten Medikamente zugelassen werden.
Im Moment ist die Bestimmung des Lp(a)-Werts in der Regel keine Kassenleistung. Patientinnen und Patienten müssen die Untersuchung häufig aktiv einfordern und privat bezahlen. Sollte dieser Wert standardmäßig ein Mal im Leben angeschaut werden?
Aus medizinischer Sicht würde ich das begrüßen, denn je mehr wir über diesen Wert erfahren, desto besser. Spätestens wenn Medikamente zugelassen sind, um den Wert zu senken, kann man es niemandem mehr verwehren, die Lp(a)-Konzentration im Blut messen zu lassen. Dann müssen wir erproben, welche Patienten von diesen Medikamenten profitieren können. Bis wir dies mit Sicherheit sagen können, gilt für vorbelastete Patientinnen und Patienten, dass sie alle anderen Risiken möglichst runterfahren sollten.
Was ist darunter zu verstehen?
Je mehr Risikofaktoren ein Patient hat, die er nicht beeinflussen kann, desto geringer sollten jene Risikofaktoren sein, die er beeinflussen kann. Dazu gehört beispielsweise das Gewicht. Übergewicht oder gar Diabetes stellen einen erheblichen Risikofaktor dar. Wer Erkrankungen des Herzkreislaufsystems vorbeugen will, sollte sich nach der sogenannten mediterranen Diät ernähren. Also eher Fisch als Fleisch, wertvolle Fette Raps-, Lein- und Olivenöl, viel Gemüse und Vollkornprodukte. Rauchen sollte man sich dringend abgewöhnen.
Ab wann gilt man denn als übergewichtig?
Dabei richten wir uns in der Regel nach dem Body Mass Index BMI. Wir halten einen BMI zwischen 18 und 25 für erstrebenswert. Auch Bewegungsmangel ist ein Risikofaktor, der sich beeinflussen lässt. Idealerweise sollten wir uns zwei bis drei Mal in der Woche sportlich betätigen.
Welcher Sport ist ideal für die Herzgesundheit?
Grundsätzlich gilt: jede Art von Bewegung ist gut. Selbst wenn jemand nur am Wochenende dazu kommt, sich sportlich zu betätigen ist das immer noch besser als keine Bewegung. Auch wenn ein Patient nur Kraftsport mag und ungern Ausdauertraining macht, ist das besser als Bewegungsmangel. Ideal wäre eine Mischung aus Kraft- und Cardiotraining zwei bis drei Mal in der Woche.
Darf das Training richtig anstrengend sein oder überstrapaziert man damit das Herz?
Hier empfehle ich den Patienten, nach ihrem eigenen Gefühl zu gehen. Wer mit Pulsuhr trainiert und beispielsweise darauf achtet, dass der Puls nicht über die 150er-Marke steigt, neigt dazu, sich zu unterfordern. Nach jedem Training sollte man durchaus das Gefühl haben, sich richtig angestrengt zu haben.
Reicht es bei vorbelasteten Patienten aus, wenn sie Nichtraucher sind, sich sportlich betätigen und ein normales Gewicht haben oder müssen noch Medikamente in Betracht gezogen werden?
Das hängt ganz von dem individuellen Risikoprofil des Patienten ab. Je höher dieses Risikoprofil ist, desto aggressiver gehen wir beispielsweise bei der Senkung des Cholesterinwerts vor.
Wie niedrig sollte dieser Wert sein?
Bei Menschen mit einem sehr hohen Risiko sollte der Wert unter 55 liegen.
Wie stark lässt sich der Cholesterinwert durch die Ernährung beeinflussen?
Leider nicht so stark wie wir gemeinhin annehmen. In der Regel kann man den LDL-Wert durch die mediterrane Diät um 10 bis 15 Prozent senken. Das hängt aber auch davon ab, wie man sich bislang ernährt hat. Ein Patient, der sich bislang vegan ernährt hat, wird nicht die gleichen Effekte erzielen, wie eine Person, die bislang jeden Tag eine Schweinshaxe gegessen hat. Wer also beispielsweise einen LDL-Wert von 200 hat, aber aufgrund seines Risikoprofils bei 55 liegen sollte, wird um eine medikamentöse Absenkung des Cholesterinspiegels nicht herumkommen.
Es gibt eine florierende Industrie mit Nahrungsergänzungsmitteln, die der Herzgesundheit helfen sollen. Was empfehlen Sie Patientinnen und Patienten?
Es gibt kein einziges Nahrungsergänzungsmittel, bei dem in ausreichend großen Studien ein Nutzen erwiesen wäre. Darum rate ich nicht aktiv zum Kauf von Nahrungsergänzungsmitteln. Bei den medikamentösen Cholesterinsenkern hingegen haben wir eine Studienlage, die so gut ist wie bei kaum einer anderen Medikamentenklasse.
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