Beim ersten Inklusionsgipfel im Rems-Murr-Kreis diskutierten Teilnehmer am Dienstag im Bürgerhaus Kernen über Barrierefreiheit und vernetzten sich für neue Projekte. Betroffene äußerten konkrete Wünsche.
Mit der im Jahr 2020 beschlossenen Inklusionsstrategie hat der Rems-Murr-Kreis den Grundstein für eine inklusivere Gesellschaft gelegt. Ziel ist es, ein Umdenken zu fördern und dauerhafte Strukturen zu schaffen, die es allen Menschen ermöglichen, am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben. Seitdem seien zahlreiche Projekte initiiert worden, sagte Landrat Richard Sigel in seiner Begrüßung beim ersten Inklusionsgipfel am Dienstag im Bürgerhaus Kernen. Rund hundert Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Gesellschaft und Ehrenamt sowie Menschen mit Behinderung und Angehörige nahmen teil.
„Heute wollen wir gemeinsam etwas bewegen, Einblicke in Projekte erhalten und wertvolle Kontakte knüpfen“, sagte Julia Müller, Beauftragte für Inklusionsprojekte beim Landratsamt. Gelungene Projekte gebe es im Rems-Murr-Kreis einige: Bereits vier Mal getagt habe der Teilhabebeirat, sagte Sebastian Eltschkner, Kommunaler Beauftragter für Menschen mit Behinderung. Außerdem gebe es das Projekt „Live“, bei dem inklusive (Sport-)Strukturen auf- und ausgebaut werden sollen. Menschen mit geistiger Behinderung würden aktiv in die Projektarbeit mit einbezogen.
Projekte, die die Inklusion voranbringen
Ein besonders schönes Event sei auch der inklusive Musikwettbewerb gewesen, an dem sich 2023 rund 40 Gruppen aus dem Bundesgebiet beteiligt hatten. Und seit vielen Jahren erfolgreich laufe auch das Projekt „Ebnisee für alle“, bei dem spielerisch das Miteinander gefördert wird. Gemeinsam mit Backnang, Waiblingen und Winnenden habe der Landkreis zudem im Rahmen der „Special Olympics World Games“ als Gastgeber fungiert und dabei die Mannschaft der Bermuda-Inseln empfangen.
Inklusion auf kommunaler Ebene
Abgesehen von diesen Projekten laufe die Umsetzung der Inklusionsstrategie im Kreis und in den Kommunen weiter. Im Herbst beim Jugendforum soll das Thema Teilhabe eine Rolle spielen, und derzeit gebe es in Waiblingen ein Inklusionsforum, sagte Sigel: „Was in den Kommunen läuft, ergänzt sich und soll ineinander fließen. Es sollen Netzwerke und Kontakte entstehen, sodass wir alle an einem Strang ziehen.“
Auch Simone Fischer, Landesbeauftragte für Menschen mit Behinderung, unterstrich in ihrem digital verbreiteten Grußwort, wie bedeutend die Zusammenarbeit der Kommunen bei der Inklusion sei. Sie nannte konkrete Beispiele, wie eine Kommune Inklusion vorantreiben kann: Barrierefreiheit im öffentlichen Raum und im Wohnungsbau seien essenziell: „Jede rollstuhlgerechte Wohnung, jede Rampe und jede abgesenkte Bordsteinkante ist ein Schritt in Richtung Gemeinde, die für alle ist.“ Besonders wichtig sei auch das gemeinsame Aufwachsen in Kita und Schule. „Es ist nicht nur ein Recht, die Kita oder Schule vor Ort zu besuchen. Es trägt auch zur sozialen Bildung aller bei, zu einer offenen und toleranten Gesellschaft“, sagte sie. „Inklusion ist kein Gnadenakt, der großzügig gewährt oder rechtens verweigert werden könnte. Sie ist eine humane und demokratische Verpflichtung, die alle angeht“, sagte Fischer. „Inklusion macht unsere Gesellschaft stärker und gerechter.“
Arbeitsgruppen und Netzwerke für die Zukunft
Dass noch viel zu tun bleibt, zeigte sich im Anschluss in einer Gesprächsrunde, in der Menschen mit Behinderung und Angehörige von ihren Erfahrungen berichteten und Verbesserungswünsche äußerten. „Der Rems-Murr-Kreis ist auf einem guten Weg“, sagte der blinde Gerd Widmann. Große Probleme gebe es aber beim Thema „Digitale Verwaltung“: Die Terminvereinbarung Online und digitale Formulare seien nicht barrierefrei, klagte er. Und dass jede Kommune eigene Programme verwende, mache die Sache nicht einfacher. „Sehbehinderte und Blinde brauchen eine Hilfsperson, um ein Formular auszufüllen oder müssen Termine per Telefon vereinbaren“, sagte Widmann.
Sabine Venrath, Mutter eines geistig behinderten Sohnes, wünscht sich ein anderes Bewusstsein in der Bevölkerung. „Menschen mit schwerer geistiger Behinderung bleiben oft unsichtbar. Ich würde mir wünschen, dass die Bevölkerung sensibler ist für die Bedürfnisse der Behinderten, um sie zu unterstützen.“ Außerdem wünsche sie sich für Eltern von behinderten Kindern ein niederschwelliges Infoportal. „Für viele Eltern ist es zu schwierig, Förderanträge zu stellen und an Hilfen zu gelangen.“
Begegnungen schaffen
Auch der schwerhörige Martin Metz äußerte sich und wünschte, mehr Begegnung mit Kindern und Jugendlichen zu schaffen. Positive Erfahrungen habe er beim Besuch einer Grundschulklasse gemacht. „Die Kinder sind neugierig, haben Fragen gestellt und viel über meine Behinderung erfahren.“ Die Kinder lernten etwas über die Vielfältigkeit der Menschen und profitierten von derartigen Begegnungen bis ins Erwachsenenalter.
Im Anschluss nutzten die Teilnehmenden die Gelegenheit, sich beim Buffet auszutauschen und Netzwerke zu knüpfen.
Was nach dem Inklusionsgipfel angestrebt wird
Strategie
Wie geht es weiter? Gemeinsam mit den Kreiskommunen und wichtigen Akteuren, welche die Inklusion im öffentlichen Raum gestalten und beeinflussen können, sollen Inklusionsprojekte initiiert werden. Dazu soll ein Netzwerk gebildet werden, das Handlungsmöglichkeiten erarbeitet, um das inklusive Zusammenleben im Landkreis zu gestalten und zu fördern.
Gruppen
Im Rahmen des ersten Inklusionsgipfels hat man sich darauf verständigt, besonders die Handlungsfelder „Barrierefreiheit“ und „Arbeiten“ in den Fokus zu nehmen. Hierfür sind zwei Arbeitsgruppen gebildet worden, die sich im Laufe des Jahres treffen und bis Herbst 2025 konkrete Vorschläge beisteuern sollen.
Ansprechpartner
Sebastian Eltschkner ist Kommunaler Beauftragter für Menschen mit Behinderung, Telefon 071 51/501-18 29. Julia Müller ist Beauftragte für Inklusionsprojekte, Telefon 071 51/501-21 65.