Erster Preacher Slam in Stuttgart Der Club der frommen Dichter

Von Martin Haar 

Til Bauer war dem Stuttgarter Kirchenvolk bisher als der Tango tanzende Til bekannt. Jetzt wagt er sich an einen Predigt-Wettkampf mit neun anderen Geistlichen.

Preacher Slam mit Pfarrer Til Bauer ist gewissermaßen Poetry Slam mit der Bibel in der Hand Foto: Bauer
Preacher Slam mit Pfarrer Til Bauer ist gewissermaßen Poetry Slam mit der Bibel in der Hand Foto: Bauer

Stuttgart - Wettkampf in der Kirche? Muss das sein? Sind das Konkurrenzdenken und die Ellbogenmentalität in der Gesellschaft nicht schon verbreitet genug? Müssen jetzt auch noch Prediger vor Publikum in einen Wettkampf treten?

Sie müssen nicht. Aber sie wollen. Beim ersten Stuttgarter Preacher-Slam treten zehn Prediger nach dem Vorbild des Poetry- Slams mit ihren Wortbeiträgen gegeneinander an und buhlen um die Gunst der Zuhörer. Je stärker der Beifall, desto ­besser kam die Predigt beim Publikum an.

Workshop in Magdeburg absolviert

Das Format ist nicht ganz neu in ­Deutschland.  Nur  in Stuttgart traute sich bis  jetzt noch keiner ran. 2010 fand der ­erste Preacher-Slam mit Theologie­studenten   an der Uni Marburg statt. ­Seither gibt es ihn auf dem Kirchentag. Til   Bauer, Pfarrer der Bad Cannstatter Steigkirche, traut   sich   am   10.  November,     19.30  Uhr, als Erster ran. „Ich begebe mich bewusst auf Neuland. Ich verlasse meine Komfortzone und stehe auf der Bühne des Poetry-Slams“, sagt er und ahnt: „Das ist nicht immer ­einfach und kann auch mal schmerzen.“ Nämlich dann, wenn beim christlichen Dichterwettstreit der fünfminütige Vortrag mit Pauken und Trompeten durchfällt.

Denn nicht jedem Pfarrer ist die Poesie in die Wiege gelegt. Doch Pfarrer Bauer ist präpariert. Er hat einen Workshop im Predigt-Slammen in Magdeburg absolviert. Seitdem sei er auch in seinen ­Predigten „freier und lockerer“ geworden. Letztlich habe es beim evangelischen ­Pfarrer auch zu einem „Persönlichkeitsschub“ geführt: „Ich bin reifer geworden.“

Das erste Ziel: ein vergnüglicher Abend

Denn die Sache ist für einen Pfarrer, der ­gewohnt ist, seinen Schäfchen in die ­Augen zu sehen, sehr ungewohnt: „Beim Slammen bin ich geblendet. Das Scheinwerferlicht leuchtet direkt in meine Augen. Das Publikum sehe ich nicht. Ich fühle mich allein.“ Und wehe, ein Gag oder eine Pointe sitzt nicht. Dann nagen Zweifel und Fragen an einem: „Das Publikum mag mich nicht, sagt dann der eine Til in mir. Stopp, hält der andere Til dagegen: Hier wirst nicht du, ­sondern dein Text bewertet.“

Gerade darin liegt für Pfarrer Til Bauer die große Herausforderung – ganz anders als sonst auf seiner Kanzel in der Steigkirche. „Wann bietet sich sonst die Chance, so eine Rückmeldung zu bekommen?“, fragt er und nimmt Bezug zu seinem Vorbild Abraham: „Er wird aus seiner gewohnten Umgebung, seiner Komfortzone herausgerufen. Geh aus deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Haus in ein Land, das ich dir zeigen will, heißt es in der Bibel. Abraham lässt sich auf diesen Neuanfang ein.“

So ein Neuanfang könne gleichzeitig ein großer Aufbruch sein. Für ihn, für die Kirche und schließlich für das Publikum: „Die Leute sollen in erster Linie einen vergnüg­lichen Abend genießen“, sagt Bauer, „und sie sollen erleben, dass Kirche auch Spaß machen kann.“

Wettbewerb
Die Teilnehmer des ersten Stuttgarter Preacher-Slams am Freitag, 10. November, in der Steigkirche Bad Cannstatt (Auf der Steig 21) sind Pfarrer Til Bauer (Stuttgart), Laienpredigerin Rosemarie Czekalla (Nidderau), Pfarrer Philipp Dietrich (Neuenstadt), Pfarrer Christian Leidig (Stuttgart), Pastoralreferentin ­Suse Mandl (Stuttgart), Pfarrer Christof Messerschmidt (Lorch), Pfarrer Stephan Mühlich (Stuttgart), Pfarrerin Teresa Nieser (Stuttgart), Pfarrerin Charlotte Sander (Stuttgart) und Laienprediger Manfred Stauß (Stuttgart).

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