Erster Stadtklimatologe Ein weltweit gefragter Stuttgarter

Das Klima ist sein Thema: Jürgen Baumüller mit einem Barografen, der den Luftdruck dokumentiert Foto: Lichtgut/Rettig

Jürgen Baumüller war 1971 zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Er begann einen damals bundesweit einzigartigen Job in Stuttgart, als der Klimawandel erstmals ins allgemeine Bewusstsein sickerte. Heute ist er 80 – und mit dem Thema noch nicht durch.

Klima & Nachhaltigkeit: Judith A. Sägesser (ana)

Jürgen Baumüller übernimmt gerne gleich die Regie. Das Gespräch über seinen einstmals einzigartigen Job in Stuttgart möchte der 80-Jährige mit zwei Geschichten illustrieren. Geschichten, die zeitlich zufällig zusammenfallen und die ihn in der Verknüpfung zu einem weltweit gefragten Mann gemacht haben.

 

Der Herr mit dem weißen Bart und den wachen Augen war Stuttgarts erster Stadtklimatologe. Während Baumüller in der Erzählung in die 1970er Jahre schweift, sitzt er in seinem Reihenhaus in Heumaden Über der Straße, einem Wohngebiet aus der Retorte. Er hat damals zwar auf der grünen Wiese gebaut. Das Konzept der Siedlung mit den großen Wohnblöcken überzeugt ihn trotzdem bis heute. Wenn bauen, dann so, findet er. „Aber der Mut zur Dichte fehlt.“

Besuch in Stuttgart änderte alles

Dass er sich mit Fragen rund um Bauen und Klima jahrzehntelang eingehend beschäftigen würde, war Jürgen Baumüller bis 1971 nicht klar. Er hatte Meteorologie in Hamburg studiert, war in den letzten Zügen des Diploms. Zur Wettervorhersage wollte er nicht. Er hatte sich schon darauf eingestellt, als Lehrer für Physik und Mathematik quereinzusteigen, als ein Besuch bei seiner Mutter in Stuttgart alles veränderte.

Bei seiner Mutter entdeckte Baumüller eine Stellenanzeige: Stuttgart suchte einen Stadtklimatologen. Er ist am nächsten Tag zum Vorstellungsgespräch gegangen – und wurde zum Pionier und Exoten. Für die meisten wäre dies vor allem der Sprung ins kalte Wasser. Für Baumüller war es die Chance, etwas Neues aufzubauen. Wobei er sich natürlich in all die Regelwerke der Bauplanung einarbeiten musste. Das war Neuland für den Meteorologen. 1973 wechselte er an die Uni Hohenheim und kehrte 1978 als Doktor und Stadtklimatologie-Direktor zurück.

Klimaanpassung durfte noch nicht benannt werden

Die zweite Geschichte, die er erzählen will, beginnt ebenfalls in den 70er Jahren. Damals sickert erstmals ins allgemeine Bewusstsein, dass die drastisch gestiegenen Emissionen den Klimawandel befeuern. Die Scheinwerfer richteten sich auf das Thema, in dem Baumüller gerade Fuß fasste. Sein Gebiet, die Klimaanpassung, habe man übrigens längere Zeit noch nicht offen benennen dürfen. Weil man dann in den Verdacht geraten sei, den Klimaschutz zu vernachlässigen.

Dabei braucht es beides: die Reduktion von klimaschädlichen Emissionen sowie den Schutz vor Hitze und Starkregen. Experten gehen davon aus: Selbst wenn die Welt irgendwann kein CO2 mehr ausstoßen sollte, werden die Folgen der Erderwärmung zunächst fortschreiten.

Auf seinem Esstisch hat er Kopien, Bücher und Aufsätze gestapelt. Er zieht beim Erzählen immer mal wieder etwas heraus oder klickt sich auf dem Laptop in Karten, auf denen man sich anschauen kann, von wo nach wo die Kaltluft in Stuttgart wabert.

Damals, als alles anfing, bekam er Einladungen und Besuche aus aller Welt. „Wir waren einfach bekannt“, sagt er. 1976, bei der UN-Habitat I für menschliche Siedlungen in Vancouver, sei ein 15-minütiger Film über das Stuttgarter Stadtklima gezeigt worden. Was in Stuttgart lief, wurde aber auch sonst in etliche Sprachen übersetzt.

Als er Anfang der 80er Jahre die Uni Stuttgart wissen ließ, dass ihm die Stadtklimatologie im Architekturstudium fehle, hatte er sich damit einen Lehrauftrag beschafft. Bis zum Jahr 2015 hielt er als Honorarprofessor Vorlesungen, auch noch als Pensionär. „Ich kann mich eigentlich gar nicht mehr sprechen hören“, sagt er augenzwinkernd. Eigentlich. Denn man trifft ihn nach wie vor bei Vorträgen. Er rede dann nie von Klimakrise oder Klimakatastrophe, sondern vom Klimawandel. Dem Klima sei es ja egal, ob es sich verändere. Der Mensch bekomme das Problem. „Das hat man damals alles schon gewusst“, sagt er und meint die 70er Jahre.

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