Erster Weltkrieg Der Traum des Sultans

500 Stelen, 580 00 Namen: der „Ring der Erinnerung“ am Rande des Soldatenfriedhofs Notre-Dame-de-Lorette in Ablain-Saint Foto: Mauritius

Das Wunder an der Marne, der Schlamm von Flandern und die Hölle von Verdun: Vor 100 Jahren endet der Erste Weltkrieg. Was uns das heute noch angeht? Leider eine ganze Menge.

Paris/Ankara - Anton Bömmler, John Henry Bolwell, Pierre Louis Bompol, Bombahadur Gharti. Fast 580 000 Namen gefallener Soldaten sind auf dem Ring der Erinnerung in Ablain-Saint-Nazaire eingraviert. Ohne Angabe der Nationalität. 580 000 Schicksale – Lebensläufe, die von einer Granate, einer Gewehrkugel oder einem Klappspaten beendet wurden. „Notre-Dame-de-Lorette“ ist nur einer von vielen Soldatenfriedhöfen im Norden Frankreichs, der an die Opfer des Ersten Weltkriegs erinnert. Ein Konflikt, dessen Folgen uns bis heute beschäftigen.

 

Es sei eine bittere Ironie der Geschichte, urteilt der Historiker Robert Gerwarth in seinem Buch „Die Besiegten“, dass die Jahrestage des Ersten Weltkriegs „von Bürgerkriegen in Syrien und im Irak, der Kernforderung des Islamischen Staates, das Sykes-Picot-Abkommen von 1916 zu revidieren, einer Revolution in Ägypten sowie gewaltsamen Zusammenstößen zwischen Juden und Arabern wegen der Palästinafrage begleitet wurden“. Das wirke, „als gelte es zu beweisen, dass einige der im ‚Großen Krieg‘ und in den nachfolgenden Jahren aufgeworfenen, aber nie gelösten Streitpunkte ihre brennende Aktualität noch immer nicht verloren haben.“

Achtzig Staatsoberhäupter werden an diesem Wochenende nach Paris reisen, um an den Gedenkfeiern zum Ende des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren teilzunehmen – darunter auch Donald Trump, Wladimir Putin, Angela Merkel und Recep Tayyip Erdogan. Der Auftritt des türkischen Präsidenten dürfte nicht konfliktfrei verlaufen, allerdings nicht allein wegen des bis heute von türkischer Seite bestrittenen Völkermords an den Armeniern, der immer wieder zur Verstimmung zwischen der EU und Ankara beiträgt. Denn die Träume am Bosporus sind groß.

Bis heute hadert Erdogan mit den 1923 festgelegten Grenzen der Türkei

„Wir werden nicht Gefangene auf 780 000 Quadratkilometern sein“, verkündete Erdogan vor zwei Jahren mit Blick auf die Gebietsverluste des Osmanischen Reiches nach der Niederlage der Mittelmächte.„Unsere Brüder auf der Krim, im Kaukasus, in Aleppo und Mossul mögen jenseits der physischen Grenzen sein, aber sie sind innerhalb der Grenzen unserer Herzen“, betonte der türkische Präsident. Denn der als „Diktatfrieden“ gebrandmarkte Versailler Vertrag schwächte das Deutsche Reich zwar erheblich, der 1920 dem Osmanischen Reich diktierte Friedensvertrag von Sèvres stellte dagegen die Existenz der Türkei infrage: Ursprünglich war nur ein Rumpfstaat vorgesehen, selbst den Kurden hatten die Sieger einen eigenen Staat versprochen. Auch 1923 nach dem Sieg der Türken über Griechenland konnten in Lausanne nur Teile des Vertrags revidiert werden.

Das reicht Erdogan nicht. „In Lausanne haben wir Inseln weggegeben, so nah, dass eure Stimmen dort gehört werden können, wenn ihr hinüberschreit. Ist das ein Sieg?“, erklärte er. 2017 forderte Erdogan zum Missvergnügen seines griechischen Amtskollegen Prokopis Pavlopoulos eine Modernisierung des Vertrags. Es war der erste Besuch eines türkischen Präsidenten in Griechenland seit 65 Jahren.

Erdogans wenig subtile Anspielungen wurden auch im türkischen Fernsehen verstanden. Immer wieder werden seitdem in Nachrichtensendungen Landkarten eingeblendet, auf denen die Türkei deutlich größer ist als in Lausanne festgelegt und unter anderem die kleinasiatischen Inseln Griechenlands umfasst. Die türkische Armee steht ohnehin seit Anfang der 90er Jahre in den Kurdengebieten des Iraks, um die PKK zu bekämpfen. Inzwischen reicht der lange Arm des Sultans auch weit in den Norden Syriens – offiziell im „Kampf gegen den Terror“, was bei Erdogan gleichbedeutend mit Kampf gegen die Kurden ist. Seine Truppen richten sich auch dort häuslich ein – ein rascher Abzug ist nicht geplant.

Großbritannien und Frankreich teilen den Nahen Osten unter sich auf

Die Sehnsucht Erdogans nach der goldenen Zeit des Osmanischen Reiches ist nur ein Beispiel, wie sehr die „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ auch im 21. Jahrhundert noch das Denken und Handeln mancher Politiker bestimmt. Denn bei all den Diskussionen über Kriegsschuldfrage, Dolchstoßlüge und Diktatfrieden wurde im Westen lange übersehen, dass mit dem 11. November 1918 zwar der Erste Weltkrieg endete, das Sterben in Russland, Osteuropa und dem Mittleren Osten aber noch Jahre weiterging. „Die nicht enden wollenden Kämpfe der Zwischenkriegszeit kosteten nicht nur Millionen Menschenleben, sie hinterließen auch unter den Überlebenden ein explosives Erbe: schwache Staaten, traumatisierte und hasserfüllte Bevölkerungsgruppen sowie Politiker und Militärs, die nur auf die nächste Gelegenheit warteten, um Rache zu üben“, schreibt der Historiker Robert Gerwarth. Nicht nur in Mitteleuropa, wo der Hass und die Verbitterung schließlich in den Zweiten Weltkrieg führten. Dabei hatte die von der britischen Regierung eingesetzte Kommission noch für den Erhalt des Osmanischen Reiches plädiert. „Weil alles andere verheerende Folgen haben und ernste Probleme im Nahen Osten auslösen würde.“

Stattdessen teilten Briten und Franzosen, wie 1916 im Sykes-Picot-Abkommen abgestimmt, den Nahen Osten unter sich auf. Grenzen von Staaten wie Syrien, dem Irak oder Jordanien wurden mehr oder weniger mit dem Lineal gezogen, ohne Rücksicht auf Ethnien und Stämme. Die Forderung des IS, jene „Linien im Sand“ verschwinden zu lassen, dürfte auch bei säkularen Arabern Zustimmung gefunden haben. Dabei hatten die Briten dem Scherifen von Mekka ein Großarabien versprochen. Die Balfour-Deklaration, in der den Juden 1917 eine „nationale Heimstätte“ in Palästina zugesichert wurde, löste zusätzlich Empörung unter den Arabern aus. Denn auch der Palästina-Konflikt gehört zum blutigen Erbe der Jahre 1914 bis 1918.

„Wer an Europa zweifelt, wer an Europa verzweifelt, der soll Soldatenfriedhöfe besuchen, dann zweifelt er nicht mehr“, betont EU-Chef Jean-Claude Juncker an solchen Tagen gerne. Denn an keinem anderen Ort zeigt sich deutlicher, wie wichtig das Miteinander ist, hatten Jahrzehnte des Gegeneinanders den Kontinent doch zweimal in Schutt und Asche gelegt und 80 Millionen Menschenleben gekostet. Junckers Ratschlag scheint bitter nötig in Zeiten, in denen in Europa die Fliehkräfte des Nationalismus wieder zu wirken beginnen und Populisten zwischen London, Warschau und Athen Wahlerfolge feiern, die sie der Unzufriedenheit vieler Bürger mit der EU verdanken.

Der Eichentisch von Lausanne als Mitbringsel

Der Eichentisch, auf dem der Vertrag von Lausanne unterzeichnet wurde, befindet sich übrigens im Besitz der türkischen Regierung. Der damalige Schweizer Bundespräsident Pascal Couchepin brachte ihn am 11. November 2008 dem türkischen Präsidenten Abdullah Gül als Präsent mit. Das Geschenk habe einen hohen „moralischen und emotionalen Gehalt“ für sein Land, erklärte Gül gerührt. Der heutige Präsident dürfte das wohl anders sehen. Denn Erdogan träumt von Mossul, Kirkuk, von Samos, Rhodos und Kos.

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