Nein. Wir waren schon immer ein Kulturbotschafter von Stadt und Land, das gehört mit zu unserem Markenkern, und so sind wir in Nicht-Corona-Zeiten zwei- bis dreimal im Jahr interkontinental unterwegs. Wir versuchen, so viele Emissionen wie möglich zu vermeiden – und das, was unabdingbar ist, zu reduzieren und zu kompensieren. Das sehen wir auch als Chance: So wie wir in der ganzen Welt Kultur- und Musikbotschafter sind, wollen wir jetzt auch Klimabotschafter werden. Das passt gut zusammen.
Wie müssen wir uns den Weg hin zu einem klimaneutralen Orchester vorstellen?
Seit November haben wir zusammen mit einer spezialisierten Unternehmensberatung alles sehr gründlich auf links gedreht, woran wir denken konnten. Zum Beispiel bei der Mitarbeiter-Mobilität: Einige Musikerinnen und Musiker kommen bereits mit dem Fahrrad, zusätzlich kooperieren wir mit einem Fahrradleasing-Unternehmen, haben eine Ladestation für Hybridautos auf unseren Parkplatz gestellt und ein Jobticket eingeführt.
Sie haben gerade auch als erstes Orchester komplett auf iPads umgestellt. Das spart Papier, kostet aber Strom.
Ja. Wobei wir die Tablets unabhängig von unserem Klimaneutralitätsprojekt gekauft haben. Sie bieten viele Vorteile beim vernetzten Proben. Und Apple hat immerhin seine größten Zulieferer verpflichtet, mit regenerativen Energien zu produzieren, das ist in diesem Bereich einmalig.
Wie ist es mit Heizung und Strom?
Unsere Probenräume heizen wir mit Fernwärme – mit steigendem Anteil an erneuerbarer Energie. Und wir benutzen zu 100 Prozent Ökostrom.
Und wenn Sie außerhalb auftreten?
Der Liederhalle oder der Elbphilharmonie können wir keine Vorschriften machen, deshalb müssen wir die Emissionen dort erst einmal kompensieren. Aber wir setzen hier auf einen starken indirekten Hebel, fragen bei den Veranstaltern aktiv nach und nerven dabei auch mal.
Noch einmal zum größten Posten, der Mobilität . . .
Sie macht in diesem Jahr zwei Drittel unserer Emissionen aus, das sind 420 Tonnen CO2. Sie verteilen sich hälftig auf die Musiker und auf das Publikum. Bei unseren eigenen Veranstaltungen in Stuttgart berechtigen die Eintrittskarten zur kostenlosen Nutzung des ÖPNV, wir werden hier auch bald gegen einen kleinen Aufpreis den Erwerb klimaneutraler Tickets anbieten.
Und für Ihre Interkontinentalreisen buchen Sie dann klimaneutrale Tickets?
Nein – obwohl das unsere CO2-Bilanz natürlich sofort aufpolieren würde. Wir haben uns aber entschlossen, normale Tickets zu kaufen und dann selbst zu kompensieren, weil wir so Kompensationsprogramme mit dem höchsten Prüfsiegel unterstützen können. Wir wollen sicher sein, dass wir alles vermeiden, was sich auch nur irgendwie nach Greenwashing anhört. So fördern wir in den nächsten drei Jahren ein Aufforstungsprogramm in Uruguay. Außerdem arbeiten wir mit der Schutzgemeinschaft deutscher Wald zusammen. Da jeder Baum in 70 Jahren eine Tonne CO2 absorbiert, spenden wir für jede Tonne CO2, die wir verbrauchen, einen Baum in Baden-Württemberg. Auf diese Weise entsteht jetzt bei Herrenberg ein kleines Waldstück mit SKO-Bäumen. Das zählen wir zwar nicht in unsere Kompensation hinein, aber so wird unser Engagement auch vor Ort greifbar.
Verspricht sich das Kammerorchester davon einen Imagegewinn?
Wir tun etwas Wichtiges. Aber natürlich befördert unser Engagement das Bild des Kammerorchesters als eines innovativen Ensembles, das schnell ist und am Puls der Zeit. Das hat einen gewissen PR-Effekt, aber das ist nicht der Punkt. Dafür sind die Veränderungen, die wir vorgenommen haben und weiter vornehmen wollen, viel zu mühsam. Und Klimaneutralität ist ja nie fertig, sondern muss sich in einem permanenten Überprüfungs- und Verbesserungsprozess immer neu herstellen.
Gibt es schon Anfragen von anderen Orchestern, die ebenfalls klimaneutral werden wollen?
Jede Menge. Mein Telefon steht nicht still.
Hat sich das Bild eines Musikers heute geändert?
Es reicht heute nicht mehr aus, sein Leben lang nur zu versuchen, die perfekte Bach-Suite aus sich herauszukitzeln. Der Klimawandel ist eines der brisantesten Themen unserer Zeit. Und mittelfristig wird auch die Politik ihre Förderung von Kultur vom Erreichen grüner Ziele abhängig machen.
Markus Korselt und das Stuttgarter Kammerorchester
Ensemble
Das 1954 von Karl Münchinger geleitete Stuttgarter Kammerorchester besteht im Kern aus 17 Musikern. Seit 2019 ist Thomas Zehetmair Chefdirigent. Die Streichertruppe hat zuletzt auch durch ihre Experimente mit Künstlicher Intelligenz und durch ihre Abschaffung von Fracks Aufsehen erregt.
Intendant
Der Cellist, Dirigent und Kulturmanager Markus Korselt (47) ist seit 2017 Intendant des Stuttgarter Kammerorchesters.