Der historisch wertvolle 22. November 1950 feiert diesen Samstag Jubiläum: Vor 103 000 Zuschauern fand in Stuttgart das erste deutsche Nachkriegsländerspiel statt.

Es gibt Dinge, die vergisst man sein Leben lang nicht. Es kann der erste Kuss sein oder der Höhepunkt der Hochzeitsnacht – aber genauso gut ein humorloser Tritt gegen den Ball.

 

„Mein Tor? Also, das war so: Wir hatten ja Schlamm an dem Tag. Knietief. Da kannst du beim Elfmeter nicht groß Anlauf nehmen, sonst bleibst du stecken. Also: Ich bück mich, leg den Ball hin, zwei Schrittchen, Augen zu – und drauf!“

So hat Herbert Burdenski seinen berühmten Moment gerne nacherzählt, und der Kolumnist hier erinnert sich dankbar an das Telefonat mit dessen detaillierter Schilderung des Geschehens. Der kühne Vollstrecker ist inzwischen begraben – aber was auch ohne ihn weiterlebt, ist dieser Schuss, mit dem er sich eingraviert hat ins Goldene Buch der deutschen Geschichte.

Schweizer reichen die Hand

Abgefeuert hat ihn der Verteidiger Burdenski im ersten Länderspiel nach der Stunde Null, als die Weltgemeinschaft den deutschen Fußball wieder gnädig aufnahm. Jahrelang waren wir weggesperrt, geächtet und ausgestoßen, und viele hätten uns im Abseits gerne noch länger schmoren lassen. Bis auf die Schweizer. Gutnachbarlich haben die uns immer als Erste verziehen, wenn wir wieder einmal erfolglos versucht hatten, die Welt zu erobern. Auch diesmal warteten sie, bis sich der Pulverdampf verzogen hatte – und reichten uns die Hand zur Versöhnung.

Es war der 22. November 1950.

An diesem feiert der denkwürdige Tag Jubiläum, er wird fünfundsiebzig, und die, die dabei waren, sind entweder tot wie Burdenski oder haben aus Altersgründen das Gedächtnis verloren. Man muss jedenfalls viel Glück haben, um noch einen zu finden, der bei vollem Bewusstsein erzählen kann, wie es war. Oder der Zufall hilft, in Form eines Leserbriefs. Es ging um ein juristisches Thema zum Fußball, und er endete so: „Mit freundlichen Grüßen, Foth.“

Foth? Vorwärts und rückwärts habe ich überlegt, bis die Eingebung mit dem Finger schnalzte. Kurz danach saß ich in der guten Stube des treuen Lesers, in der Nähe von Karlsruhe, und seine schwäbische Gattin servierte Zwetschgenkuchen und Kaffee. „Milch? Zucker?“, fragte Foth.

Es war das zweite Mal, dass wir in einem gemeinsamen Raum saßen. Beim ersten Mal war der Umgangston allerdings rauer und radikaler und die Umgebung karger und kahler. Ein Bunker, acht Meter hohe Betonwände, und ein Klima des eiskalten Hasses. In der Mehrzweckhalle der Justizvollzugsanstalt Stuttgart-Stammheim fand der Prozess gegen die Anführer der Roten-Armee-Fraktion statt. Andreas Baader, Ulrike Meinhof, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe standen als Terroristen vor Gericht, als junger Gerichts- und Polizeireporter war ich für eine Beschreibung des Ensslin-Verteidigers Manfred Künzel vor Ort, und beim Betreten der Festung musste ich an den Kontrollschleusen den Kugelschreiber abgeben und bekam einen weniger bedrohlichen Bleistift.

Foth spricht lieber über Fußball

Und vorne, am Richtertisch, saß Dr. Eberhard Foth. Er begann als Beisitzer, aber der Vorsitzende Prinzing wurde nach dem 85. Befangenheitsantrag erlöst, und Foth übernahm. Seine Richterrobe trug er als dicke Haut, allen Tumulten hat er getrotzt, den Störmanövern der RAF-Sympathisanten im Saal, Baaders Gebrüll („Rattenhaufen!“) – und diesem Verhandlungsklima, das ihm auf eine seiner Fragen die Antwort bescherte: „Mit Ihnen sprechen wir nicht, auf Sie schießen wir.“ Am Ende sprach Foth über die nach Meinhofs Selbstmord verbliebenen Angeklagten sein Urteil: dreimal Lebenslänglich für sechs Bombenanschläge in Tateinheit mit 34 Mordversuchen und vier Morden.

Lieber spricht Foth über Fußball. Er ist jetzt 95, der Körper lässt nach („Meine Frau und ich gehen mit dem Rollator spazieren“), aber das Gedächtnis funktioniert, und begeistert erzählt er, wie er als Jurastudent in Tübingen montagmorgens immer zum Kiosk hechelte, um den „Grünen Sportbericht“ mit den Reportagen des großen Hans Blickensdörfer zu ergattern.

„Bli war Pflicht“, sagt Foth.

Plötzlich fallen Zuschauer von den Rängen

Aber vor allem der Besuch dieses Spiels. Es hat an jenem historisch wertvollen Novembertag anno ’50 in Stuttgart geschifft wie aus Kübeln, und in seinem günstig erworbenen alten Militärmantel („Die wurden ja nicht mehr gebraucht“) fuhr der tags zuvor 20 gewordene Balinger mit dem Zug nach Stuttgart. 103 000 Zuschauer quetschten sich ins mit Stahlrohrtribünen erweiterte Neckarstadion, das inzwischen nicht mehr Adolf-Hitler-Kampfbahn hieß, „und weitere 20 000“, schätzt Foth (und Richter sagen bekanntlich die Wahrheit), „sind unter Umgehung des Eintrittsgelds über die Zäune geklettert“. Alles war gut, entsinnt sich der alte Augenzeuge, „bis plötzlich die Zuschauer auf den oberen Rängen abrutschten und den unteren in den Rücken fielen. Es begann ein Kampf ums Dasein. Ich wurde gegen eine Abschrankung gedrückt und kam nur ungeschoren davon, weil mein Brustkasten härter war als die Geländerbefestigung. So hatte ich den Vorteil, zum Schluss unmittelbar am Spielfeld neben dem Tor zu stehen.“ Also neben Toni Turek, dem Torwart, dem an dem Tag noch keiner ansah, dass er vier Jahre später beim WM-Wunder von Bern dem Radioreporter Herbert Zimmermann den Schrei entlocken würde: „Toni, du bist ein Fußballgott!“

Auch Max Morlock und Ottmar Walter waren von den späteren Helden dabei, und die Deutschen spielten, vermutlich aus Geldnot, noch ohne Rückennummern. Und ohne Fritz Walter. Der Kapitän war verletzt, aber Hauptsache, es wurde wieder gespielt. Die Deutschen hatten das trostlose Elend satt, dreißig Sonderzüge waren aus allen Ecken der zerbombten Republik herangerollt, der Stehplatz kostete eine Mark, der Sitzplatz dreifünfzig, und sogar die Aschenbahn war ausverkauft. Außenläufer Kalli Barufka, der VfB-Lokalmatador, berichtete später: „Damit Berni Klodt eine Ecke schießen konnte, mussten die Zuschauer einen Schritt zurücktreten.“

Burdenksi übernimmt Verantwortung

Und dann dieser Pfiff. Elfmeter. Schießen wollte keiner, nicht ums Verrecken. „Auf geht’s, Budde!“, flehten die Kameraden, weil der Bremer schon ein paar Kriegsländerspiele sowie Frontbewährung auf Führerbefehl hinter sich hatte – „da bin ich eben“, berichtete der Tollkühne später (und seine Schilderung wird untermauert durch alte Wackelbilder der Wochenschau), „die 60 Meter nach vorne durch den Morast gewatet und hab den Ball unter die Latte gesetzt“. 1:0. Es war ein Glücksschuss für die Seele von 103 000 Deutschen im Gummizeug und Millionen am Radio. Als Geschenk für die Sieger gab es hinterher einen warmen Händedruck, 100 Mark und eine Schweizer Golduhr, vermutlich hatten die Gegner sie mitgebracht.

Der Fußballfan Foth ist nach dem Spiel mit dem Zug wieder heimgefahren, den Zustand seiner Kleidung beschreibt er aufgrund des Sauwetters als „einigermaßen unansehnlich“. Er hat ausgesehen, sagen wir es auf Schwäbisch, wia d’Sau. Aber er hatte, und vor allem da lässt ihn sein Gedächtnis nicht im Stich, dieses wunderbare W-Gefühl der Wiedergeburt: Wir waren wieder wer.