Erstes Urteil im Bordell-Prozess Brutale Geschäftsbeziehungen im Paradise

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Das Landgericht Stuttgart verurteilt den Ex-Geschäftsführer wegen der Beihilfe zum Menschenhandel und zur Zwangsprostitution zu zwei Jahren Gefängnis auf Bewährung. Er hat gestanden. Werden nun auch die anderen reden?

Besichtigungstag im Vorzeige-Bordell Paradise: Normalerweise tragen die männlichen Gäste im FKK-Club einen Bademantel, während die Frauen nackt sind.Foto: Daniel Moritz

Stuttgart - Über ihre männlichen Gäste schweigen die Betreiber des FKK-Clubs Paradise diskret. Dass er Fußballspielern und Vertretern aus dem Wirtschaftsleben zur Begrüßung die Hand geschüttelt hat – und ebenso auch Mitgliedern der Rockergruppierung Hells Angels und der United Tribunes –, gibt Rainer M. zu. Was hat er dabei mit Letzteren gesprochen? Den gleichen Smalltalk wie mit den anderen Gästen? Wie war seine Beziehung zu ihnen? M. ist einer von vier Angeklagten, darunter der Bordellbetreiber Jürgen Rudloff, die seit März in Stuttgart vor Gericht stehen. Die Anklage lautet auf Beihilfe zu Menschenhandel und Zwangsprostitution. In einem weiteren Anklageteil geht es um Betrug. Von der Eröffnung im Februar 2008 bis zur Großrazzia Ende November 2014 war Rainer M. Geschäftsführer in Europas größtem Bordell, wie es in der Werbung noch immer heißt.

Die siebte Strafkammer des Landgerichts Stuttgart hat ihn am Freitag zu einer zweijährigen Freiheitsstrafe verurteilt, die es zur Bewährung aussetzte. Der Vorsitzende Richter Rainer Gless fand deutliche Worte für das Geschehen im Paradise. In Folge der Legalisierung der Prostitution um die Jahrtausendwende habe der noch angeklagte Jürgen Rudloff es mit Aussicht auf eine „finanzielle Goldgrube“ im Ballungsraum Stuttgart mit Investorengeldern in Millionenhöhe eingerichtet. Um den finanziellen Erfolg zu gewährleisten, habe man eine stets große Anzahl von Frauen benötigt. Dafür zuständig waren schnell Vertreter der Hells Angels und der United Tribunes.

Keine paradiesischen Zustände für die Frauen

Für die im Paradise arbeitenden Frauen hätten keine paradiesischen Zustände geherrscht. Sie seien von ihren Zuhältern aus der Rockerszene als Ware gesehen worden, um an Geld zu kommen. Das Paradise habe die passende Organisationsstruktur dafür geboten. Gless nannte das eine Win-win-Situation. Der Angeklagte M. habe bei der Anwerbung von Frauen bevorzugt aus der Rockerszene mitgeholfen, obwohl er wusste, dass manche von ihnen noch nicht 21 Jahre alt waren. Dass martialische und zum Teil gewalttätige Auftreten ihnen gegenüber habe er billigend in Kauf genommen.

Obwohl der Schuldspruch nach Verfahrensabsprachen und der Abtrennung des Verfahrens von Rainer M. von dem noch laufenden Prozess keine große Überraschung mehr ist, hat es dieses Urteil in sich. Es zeigt, welcher Rechtsauffassung das Landgerichts zuneigt. Das ist auch für die übrigen Angeklagten von Bedeutung. Die Frage ist nun: Bleibt Rainer M. der Einzige, der redet?

Ergibt sich aus den Begrüßungsritualen mit den Hells Angels und den United Tribunes zwangsläufig, dass Mühlbauer als operativer Kopf des Paradise auch wusste, dass viele der Prostituierten Opfer von Menschenhandel und Zwangsprostitution waren? Das ist der Hebel, den sein Verteidiger Andreas Baier ansetzt. Diese Verbindung nimmt das Landgericht an, wie sein Urteil deutlich sagt. Die Kammer hat dafür über neun Monate Zuhälter ebenso wie ehemalige Prostituierte vernommen, Berichte von Schlägen im Wald und Tätowierungen als Besitzstempel gehört. Es hat die Protokolle der Telefonüberwachung durchgearbeitet, sich Fotos angesehen, auf denen etwa Jürgen Rudloff mit den Gründern der United Tribunes posiert. Viele der „Männer mit den Bärenhänden“, wie ein Ermittler des Landeskriminalamtes die United Tribunes nennt, um deren körperlich einschüchternde Erscheinung zu beschreiben, sind mittlerweile wegen Menschenhandels und Zwangsprostitution verurteilt. Ebenso viele der Hells Angels.

Staatsanwalt: Strategische Geschäftsbeziehung

Es war mehr als eine Freundschaft zwischen dem Bordellbetreiber Jürgen Rudloff, seinem Geschäftsführer M. und dem Paradise-PR-Chef Michael Beretin und den Rockergruppierungen, ist der Vertreter der Staatsanwaltschaft Peter Holzwarth überzeugt. „Das war eine strategische Geschäftsbeziehung, eine Nähe, die Rudloff gezielt gesucht hat,“ so Holzwarth in seinem Plädoyer am vergangenen Dienstag. Er sprach in den fast anderthalb Stunden mindestens genauso viel von M. wie von dem anderen Angeklagten Rudloff und Beretin im nun abgetrennten Verfahren.

Auch wenn M. nicht im Detail von den Schlägen, Drohungen, der finanziellen Ausbeutung gewusst habe, habe er mit seinen Kenntnissen des Rotlichtmilieus, in dem er seit 2002 tätig gewesen sei, das Geschäftsgebaren billigend in Kauf genommen. Vielleicht aus Respekt. Die Polizei schaltete jedoch niemand gegen die bedrohlich auftretenden Rockergruppierungen ein.

Anwalt: Rechtssprechung muss Farbe bekennen

Nicht nur Holzwarth, auch Rainer M.s Verteidiger hat in seinem Plädoyer sehr grundsätzlich argumentiert. „Der Gesetzgeber hat Prostitution erlaubt, obwohl er wusste, dass sich das Rotlicht von Kriminalität nicht trennen lässt.“ Eine Abgrenzung sei einfach schwierig. „Jetzt muss die Rechtssprechung Farbe bekennen“, sagte Andreas Baier. Das Gericht hat genau das getan.

Baier und sein Mandant wollen nicht in Revision gehen. Die Verteidiger Jürgen Rudloffs und Michael Beretin haben die Verkündung des Urteils aufmerksam verfolgt. Ebenso wie Sabine Constabel vom Verein „Sisters“. Der Angeklagte muss an diesen und das Fraueninformationszentrum FIZ jeweils 4000 Euro zahlen. Bereits im Januar wird M. als Zeuge im Verfahren gegen Jürgen Rudloff erwartet.

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