Erstflug vor 100 Jahren Als Böblingen Lufthansa-Geschichte schrieb

Bild einer Junkers F-13, die von 1926 bis 1934 zur Lufthansa-Flotte gehörte Foto: Lufthansa-Bildarchiv

Vor 100 Jahren hob die erste Lufthansa-Maschine in Berlin ab – und landete in Böblingen zwischen. Die Spuren der Airline in Böblingen sind heute noch sichtbar.

Böblingen: Jan-Philipp Schlecht (jps)

Es war ein Dienstag, den 6. April 1926, als um exakt 12.40 Uhr eine Fokker-Grulich FII auf dem Flughafen Böblingen aufsetzte und Geschichte schrieb. Pilot Otto Babekuhl hatte seine Maschine mit der Kennung D-742 über fünf Stunden lang von Berlin-Tempelhof über Halle und Erfurt nach Böblingen gesteuert – im offenen Cockpit, Wind und Wetter ausgesetzt. In der Kabine hinter ihm saßen fünf Passagiere, darunter ein frisch vermähltes Paar auf dem Weg in die Flitterwochen in die Schweiz.

 

Der erste Linienflug hatte schon ein knappes Jahr zuvor stattgefunden: Am 20. April 1925 schon setzte eine Dornier Komet der Deutschen Aero Lloyd in Böblingen auf. Die Fluggesellschaft ging im Januar 1926 in der Deutschen Luft Hansa auf. So wurde Stuttgart-Böblingen zum wichtigen Drehkreuz im Südwesten. 105 Reichsmark kostete die Strecke bis Böblingen, 140 Mark bis Zürich. Zum Vergleich: Ein durchschnittlicher Monatslohn lag damals bei etwa 150 Reichsmark. Dafür bekamen die Pioniere der Lüfte immerhin Komfort geboten: Eine geschlossene Kabine mit Toilette und Waschraum, während der Pilot vorne im Freien saß.

Watte für die Ohren und eine Anstecknadel

Die Fürsorge der jungen Fluggesellschaft ging bis ins kleinste Detail. Vor dem Start erhielt jeder Passagier Watte zum Schutz der Ohren gegen die ohrenbetäubenden Motorengeräusche, eine Lufthansa-Anstecknadel als Andenken und auf Wunsch sogar ein Mittel gegen Luftkrankheit. „Die Luft Hansa empfiehlt sich für den Luftweg darum ganz besonders für Damen und Kinder ohne Begleitung, sowie auch für ältere und gebrechliche Personen“, hieß es damals.

Skurrile Verhaltensregeln für die Reise über den Wolken

Heute amüsant zu lesen sind die Anordnungen für Luftpassagiere: „Nicht den Kopf oder den Arm plötzlich über Bord strecken, man könnte durch den Luftdruck überrascht und verletzt werden“. Hochflieger sollten vor dem Start unbedingt die Toilette aufsuchen und „keine Speisen wie Erbsen, Bohnen oder Schwarzbrot zu sich nehmen“ – die Gefahr von Blähungen in der Höhe war offenbar ein ernstes Problem.

Auch die Piloten unterlagen strengen Regeln: „Der Genuss berauschender Getränke oder irgendwelcher Rauschgifte vor dem Fluge und während des Fluges sowie das Rauchen im Führersitz ist streng verboten“.

Korbsessel in der Kabine einer Dornier-Komet III Foto: Lufthansa-Bildarchiv

Der Erstflug war nur der Anfang einer Erfolgsgeschichte. Bereits sechs Tage später, am 12. April 1926, kamen drei weitere Linien hinzu: Zürich-Hamburg, München-Darmstadt und Basel-Nürnberg. Von 1934 bis 1936 übernahm Böblingen sogar die Verantwortung als Stützpunkt für die spektakulären Katapultflüge nach Südamerika. Für Wartung und Reparatur der Maschinen entstanden Werkstätten, die zu den größten in Deutschland zählten. Böblingen entwickelte sich zu einem der wichtigsten deutschen Lufthansa-Zentren. Neben den Klemmwerken wurde die Lufthansa zum bedeutendsten Arbeitgeber der Stadt – zeitweise beschäftigte das Unternehmen bis zu 1527 Menschen.

Lufthansa-Siedlung entsteht in der oberen Achalmstraße

Die Lufthansa zeigte sich auch als vorbildlicher Arbeitgeber. In der oberen Achalmstraße errichtete die Firma Einfamilienhäuser, die Mitarbeiter zu günstigen Konditionen erwerben konnten. Eine besondere soziale Geste: Im Dezember wurde die fällige Darlehensrate ausgesetzt, damit die Familien Weihnachtsgeschenke kaufen konnten.

Zu den Erstbeziehern gehörte die Familie Lanksweirt, eine „Lufthansa-Dynastie“: Karl Lanksweirt wurde zum legendären Lufthansa-Nikolaus, zahlreiche Fotos aus dieser Zeit finden sich im Stadtarchiv. Unvergessen auch Else Kopp-Wagner, die erste weibliche Angestellte im Lufthansa-Büro, die nicht nur vor den verschiedenen Flugzeugtypen „possierte“, sondern bei Veranstaltungen im Flughafenhotel das Tanzbein schwang.

1938/39 zogen der Flughafen und mit ihm die Lufthansa-Werkstätten nach Stuttgart-Echterdingen um. Doch die Geschichte hatte eine ironische Wendung parat: Nach den alliierten Luftangriffen wurden die Werkstätten wieder nach Böblingen zurückverlagert – Personallisten von 1944/45 im Bundesarchiv zeugen davon. Nach dem Krieg nutzte das US-Militär die Hallen als Panzer-Reparaturwerk bis nach der Jahrtausendwende der Investor Andreas Dünkel 2009 darin die erste Motorworld eröffnete.

Chronik des Böblinger Flughafens

1915
Im ersten Weltkrieg wird in Böblingen ein Fliegerhorst errichtet, aus dem später der zivil genutzte Flughafen hervorgehen soll.

1925
Auf der Suche nach einem geeigneten Landesflughafen macht Böblingen das Rennen vor dem Cannstatter Wasen. In diesem Jahr beginnt auch die zivile Luftfahrt.

1926
Die neu gegründete Luft Hansa nimmt Stuttgart-Böblingen von Beginn an in ihren Flugplan auf. Der erste Lufthansa-Flug führt nach Zürich.

1934
Eröffnung der Ozeanflugstrecke für Luftpost über Böblingen nach Südamerika: Mit Katapultschiffen geht es über den Atlantik.

1937 – 1945
Im Zweiten Weltkrieg wird der Flughafen abermals zum Fliegerhorst und erneut militärisch genutzt. In diese Zeit fällt auch der Bau der Fliegerhorst-Kaserne.

Nach 1945
Nach dem Zweiten Weltkrieg geht das Gelände an die US Army über, die Gebäude verfallen zunehmend. Im Jahr 2009 eröffnet der Investor Andreas Dünkel in den denkmalgeschützten Hallen die erste von heute acht Motorworlds. jps

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