Erstmals Offenburger Modell im Kreis Esslingen Nürtingen kooperiert bei Kinderbetreuung mit Maltesern

Bei der Betreuung von Kindern geht die Stadt Nürtingen neue Wege. Foto: dpa/Arno Burgi

Um die pädagogischen Fachkräfte zu entlasten, kooperiert Nürtingen künftig mit den Maltesern bei der Kinderbetreuung. Die Malteser bieten bei einem Pilotversuch eine betreute Spielzeit an.

Region: Corinna Meinke (com)

Not macht erfinderisch – das gilt vor allem auch bei der Kinderbetreuung. Angesichts des Fachkräftemangels und langer Wartelisten testet Nürtingen als eine der ersten Kommunen im Kreis das Offenburger Modell. Nach einem Sechsstunden-Tag übergeben die pädagogischen Fachkräfte die Kinderbetreuung an die Malteser, die in der Kita eine betreute Spielzeit für ein bis zwei Stunden täglich anbieten.

 

Vorbild ist das Offenburger Modell

Trotz Rechtsanspruch auf Betreuung können viele Kommunen ihre Angebote kaum halten, denn Erzieherinnen- und Erziehermangel und Krankheitswellen fordern Tribut. Dazu kommen steigende Geburtenzahlen und Zuzüge durch Geflüchtete. Die Stadt Nürtingen möchte die Lasten nun auf mehr Schultern verteilen und kooperiert ab Juli mit dem örtlichen Malteser Hilfsdienst im Rahmen eines Pilotprojekts im Kindergarten Enzenhardt.

Offenburger Modell nennt sich diese Zusammenarbeit, denn das Konzept wurde in der badischen Kreisstadt erfunden. Inzwischen bieten auch Städte wie Freiburg und Radolfzell solche Kooperationen an. Auch Laupheim und Reutlingen seien interessiert, erklärte der Malteser-Bezirksgeschäftsführer Marc Lippe. „Keiner hätte gedacht, dass diese Offenburger Lösung so durchschlägt.“ Man arbeite bereits an einem bundesweiten Angebot. Und das passe gut zum Grundverständnis der Malteser, denn „wir helfen immer da, wo eine Notlage herrscht und das ist bei der Kinderbetreuung der Fall.“ Die ersten Bewerber für die neue Spiel- und Betreuungszeit seien bereits gefunden, aber man wolle noch mehr Menschen für die Kooperation gewinnen und diese pädagogisch und in Erster Hilfe qualifizieren.

Maximal 40 Stunden pro Woche sind möglich

Nürtingen musste bereits Öffnungszeiten in größerem Umfang reduzieren. Im vergangenen Jahr wurde das Betreuungsangebot neu aufgestellt und das Ganztagsangebot von 45 und mehr Wochenstunden für Kinder über drei Jahren gestrichen, Angebote von 30 bis 35 Wochenstunden wurden ausgeweitet. Eltern mit einem höherem Betreuungsbedarf von bis zu 40 Wochenstunden können ihre Kinder nur noch an sechs von insgesamt 29 städtischen Kindertagesstätten anmelden. Und wer sein Kind 35 oder mehr Stunden betreut wissen möchte, muss dafür einen Beschäftigungsnachweis erbringen.

„Ein flächendeckender Bedarf war nicht gegeben“, erklärt die Sozialbürgermeisterin Annette Bürkner dazu und ergänzt, von rund 1400 Nürtinger Familien „haben keine 50 diesen Bedarf“. Trotz aller Bemühungen hält die Betreuungsmisere in Nürtingen allerdings an und 150 Kinder, die keinen Platz bekommen haben, stehen weiterhin auf der Warteliste, berichtet Bürkner.

Wenn es dann krankheitsbedingt noch zusätzlich zu Engpässen beim Personal kommt, wie in den vergangenen Wochen, musste manche Kitagruppe auch schon mal für eine ganze Woche geschlossen werden, berichten Bürkner und Sven Singler, der das Amt für Bildung, Soziales und Familie leitet. Bürkner erklärte, die Landespolitik müsse über den Personalschlüssel nachdenken, der mit einer Fachkraft für drei Kinder unter drei Jahren und 6,7 Kindern über drei Jahren nirgendwo so hoch sei wie in Baden-Württemberg.

Der Personalmangel hält weiter an

Für Singler geht es auch um eine neue Ausrichtung, nachdem die Corona-Pandemie „auf dem Rücken der Kindertageseinrichtungen“ ausgetragen worden sei. Das habe die Fachkräfte mürbe gemacht und viele hätten dem Job daraufhin den Rücken gekehrt. Nun habe das restliche Personal noch mehr Druck. Auch wenn immer wieder neue pädagogische Fachkräfte dazukommen, bleibe das Defizit von derzeit 11,5 Vollzeitstellen leider stabil.

Bürkner verbindet Hoffnungen mit der neuen Kooperation: „Unsere pädagogischen Fachkräfte können sich endlich wieder auf ihre Bildungsarbeit konzentrieren. Dazu wollen wir ihnen Luft verschaffen“, erklärt Annette Bürkner mit Blick auf die Arbeitsbelastung der Erzieherinnen und Erzieher. Sollte das Modell erfolgreich sein, könnte es auf weitere Kitas angewandt werden.

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