Erwin Butsch aus Winnenden Ein Bart, ein Ritual – und vier Weltmeistertitel

Erwin Butsch hat einen Musketier-Kinnbart. Damit tritt er seit vielen Jahren bei Bartmeisterschaften an. Foto: Gottfried Stoppel

Seit mehr als zehn Jahren tritt Erwin Butsch bei Bartmeisterschaften an. Er erzählt, wie seine Routine aussieht – und warum er sich ein Leben ohne Bart nicht vorstellen kann.

Volontäre: Marie Part (par)

Der Tag beginnt mit dem konstanten Rauschen eines Föhns. Erwin Butsch steht vor dem Spiegel, die Rundbürste in der Hand, und zieht seinen Musketierbart in Form. Erst zur Seite, dann nach unten, die Kinnpartie wird nach innen eingedreht. Ein wenig Wachs, mehrere Spritzer Haarspray, ein prüfender Blick. „Manchmal ist es ein Geduldsspiel“, sagt er, als die seitliche Spitze seines Schauzbartes nicht gerade bleiben will.

 

Was für Außenstehende wie eine eigentümliche Kunstform wirken mag, ist für den 61-jährigen Winnender (Rems-Murr.Kreis) längst Routine. „Ich brauche etwa zehn Minuten“, sagt er. „Vor Meisterschaften deutlich länger.“ Denn dann muss jedes Härchen perfekt sitzen. Das kann bis zu anderthalb Stunden dauern. Haare, die nicht ins Gefüge passen, bändigt er einzeln. „Man entwickelt ein Gefühl dafür, wie es am besten aussieht.“

Vierfacher Bart-Weltmeister: Erwin Butsch aus Winnenden

Erwin Butsch trägt einen Kinnbart-Musketier – steil zur Seite, mit trapezförmigem Kinnstück und filigran eingedrehter Spitze. „Napoleon III. hat einen solchen Bart getragen“, erklärt er. Die Form gehört zu den Kinn- und Backenbärten – eine der drei Hauptkategorien bei Wettkämpfen, zu der jeweils sechs Subkategorien gehören. Dabei gibt es klare Regeln: „Ich darf alle Hilfsmittel verwenden – außer Drähte“, erklärt Butsch.

Bart-Kategorien bei Wettbewerben

  • Schnauzbärte: z. B. Schnauzbart Dali, Schnauzbart kaiserlich
  • Kinn- und Backenbärte: z. B. Kinnbart-Musketier, Backenbart Freestyle
  • Vollbärte: z. B. Vollbart Garibaldi, Vollbart Naturale

Seit gut zehn Jahren tritt er bei Wettbewerben rund um den Globus an – von Frankreich bis Italien, von Belgien bis nach Texas. Viermal hat er den Weltmeistertitel geholt, zuletzt im bayerischen Burghausen. Dieses Jahr wurde er Dritter in Pittsburgh. „Ich war eigentlich immer auf dem Treppchen. Einmal Vierter – das war eine unglückliche Blechmedaille.“

Wie die Jury bei Bart-Wettkämpfen entscheidet

Der Ablauf der Wettkämpfe ist streng geregelt. Zunächst stellen sich die Teilnehmer vor, dann drehen sie eine Runde vor der Jury und präsentieren ihre Bärte. Später werden sie einzeln aufgerufen – dann beobachten die Juroren alles ganz genau.

„Die langen dann auch mal hin und schauen, ob da etwas drin ist“, sagt Butsch. Entscheidend sei der Gesamteindruck: „Das Zusammenspiel von Bart und Outfit macht viel aus.“ Für seine Auftritte greift er deshalb zu Uniformen und Kostümen, die den Musketier-Stil unterstreichen.

Bei Wettbewerben legt Erwin Butsch großen Wert auf das passende Outfit. Foto: Gottfried Stoppel

Das Urteil fällen sieben Juroren – mit Punkten von eins bis zehn. Die beste und schlechteste Wertung wird gestrichen, der Rest addiert. Erwin Butsch hat Respekt vor jedem Wettkampf: „Man weiß, wer da oben mitspielt“, erzählt er. Aber eigentlich seien alle befreundet und „eine große Familie verrückter Irrer“, sagt Butsch lachend.

Wie Erwin Butsch zum Bart-Weltmeister wurde

Aufgewachsen ist Butsch in Leutenbach, zur Schule ging er in Winnenden, studiert hat er später in Stuttgart. Heute arbeitet er bei einem Automobilzulieferer in Bietigheim. Dort ist er Entwicklungsleiter und verantwortlich für Fensterscheibensysteme. Sein Bart sei bei der Arbeit noch nie ein Problem gewesen. „Das ist mein Erkennungsmerkmal“, sagt er.

Den Einstieg in die Bart-Wettkämpfe verdankt er einem Workshop des Bartclubs „Belle Moustache“ in Leinfelden-Echterdingen im Jahr 2012. Nur vier Wochen später nahm Erwin Butsch an der Deutschen Meisterschaft in Bad Schussenried teil – und belegte den zweiten Platz. „Da war ich infiziert“, sagt er lachend. Ein Jahr später war er schon Weltmeister.

„Ich trage eigentlich schon immer Bart“, erzählt Butsch. Das letzte Mal komplett rasiert habe er sich im Alter von 16 oder 17 Jahren. „Ich kam mir nackt vor“, sagt er und schüttelt leicht den Kopf, als erinnere er sich noch an das Gefühl. Ganz ohne Haare im Gesicht war er seither nie wieder. Eine Bartbinde wie Hercule Poirot, der fiktive belgische Meisterdetektiv, nutzt er zum Schlafengehen nicht. „Wenn mein Bart morgens zerknittert ist, dann wird er wieder gerade gezogen und aufgebürstet – und fertig“, erzählt er.

Der Musketierbart als Markenzeichen

Die Begeisterung für einen perfekt gepflegten Bart hat für Erwin Butsch viel mit seiner Persönlichkeit zu tun: „Ich war schon immer ein eitler Fatzke“, sagt er und lacht. Saubere Schuhe sind für ihn selbstverständlich, Jogginghosen kommen ihm nicht ins Haus. Dafür hängen in seinem Schrank schwere Kostüme: Denn seit 25 Jahren tanzt er historisch – im Stil von Barock, Rokoko und Empire, oft in Woll- und Seidenuniformen. Sein Musketierbart passt da perfekt ins Bild.

Wenn Butsch durch Winnenden läuft, erkennen ihn viele sofort – „ich bin der mit dem Bart“, sagt er. Ein Leben ohne Bart? Für ihn kaum vorstellbar. „Ich glaube, ich kann das nicht“, sagt er. Die Haare im Gesicht sind längst Teil seiner Persönlichkeit geworden.

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