Erwin Teufel wird 80 Der letzte Zeuge einer besseren Zeit

Erwin Teufel und sein Denkmal: Das Foto aus dem Jahr 2017 zeigt den früheren Ministerpräsidenten im Haus der Geschichte, wo seine Büste präsentiert wurde. Ohne Teufel hätte es das Haus der Geschichte nicht gegeben. Foto:  

Erwin Teufel wird 80: Als Ministerpräsident und CDU-Landeschef prägte der Politiker eine Ära, in der die Christdemokraten von sich behaupten konnten, für das ganze Land zu stehen. Das ist vorbei. Bei allen Erfolgen trägt auch Teufel dafür Mitverantwortung.

Stuttgart - Ein Hauch von Melancholie wird nicht ausbleiben, wenn sich die Feiergemeinde am kommenden Samstag in Villingen-Schwenningen um den Altministerpräsidenten Erwin Teufel schart. Mitten in der Gratulantenschar: die CDU-Bundesvorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer sowie Annette Schavan, die frühere Bundesbildungsministerin und in ihren Tagen als baden-württembergische Kultusministerin die Lieblingsschülerin des Jubilars. Die Landes-CDU würdigt den Politiker, der an diesem Mittwoch sein achtzigstes Lebensjahr vollendet, mit einem Symposium. „Christliche Werte in der Gesellschaft von heute und morgen“ – so lautet der Titel der Veranstaltung, der ein Gottesdienst im Villinger Münster vorausgeht.

 

Die Christdemokraten versammeln sich im späten Widerschein verblassten Glanzes. Vierzehn Jahre – von 1991 bis 2005 – hat Erwin Teufel das Land regiert, so lange wie kein anderer Regierungschef in Baden-Württemberg. Er repräsentiert eine Partei, die zu seiner Zeit noch in voller Blüte stand. Ihre Kraft schöpfte sie aus dem vorpolitischen Raum; abseits der großen Städte war sie fest verankert in Vereinen, Verbänden und Kirchen. Inzwischen setzen sich dort auch die Grünen fest – zumindest mit ihren Ideen. Die Südwest-CDU pflegte einen Konservativismus der Sinne und beförderte zugleich die industrielle Dynamik. Sie schöpfte ihre Kraft aus dem – mitunter penetranten – Bekenntnis zu Heimat und Brauchtum bei größtmöglicher Priorisierung von allem, was der Wirtschaft diente.

Holpriger Start

„Arbeit ist nicht alles, aber ohne Arbeit ist alles nichts“, mahnte der Regierungschef Teufel oft genug. Und Arbeit – in Fabriken, Werkstätten und Büros – sollte es überall geben im Land, auch in der Fläche. Die Dezentralität ist in der Geschichte des Landes angelegt. Aber es gehört zu den größeren Verdiensten der CDU, dass sie in den Jahren des Regierens diese Struktur bewahrt hat. Erwin Teufel, der Mann vom Spaichinger Dreifaltigkeitsberg, steht wie kein anderer dafür.

Dabei verlief sein Start als Ministerpräsident recht holprig. Als Teufel 1991 das Amt von dem in der Traumschiff-Affäre vom Kurs abgekommenen Lothar Späth übernahm, verfügten die Christdemokraten im Landtag noch über eine absolute Mehrheit der Mandate. Der Trend wies schon seit einiger Zeit nach unten – Hans Filbinger hatte 1967 unter dem Schlachtruf „Freiheit statt Sozialismus“ mit 56,7 Prozent die Bestmarke im Südwesten gesetzt –, aber bei Teufels erster Landtagswahl als Regierungschef 1992 stürzte die CDU in einem vergifteten Asylrechtswahlkampf auf knapp unter 40 Prozent ab. Heute würden die Christdemokraten bei einem solchen Ergebnis auf den Höhen von Schwäbischer Alb und Schwarzwald Freudenfeier anzünden. Damals empfanden sie es als Schmach.

Seine nach der 92er Wahl verbleibenden 13 Regierungsjahre verbrachte Teufel damit, diese Schlappe vergessen zu machen. Am Ende war er der absoluten Stimmenmehrheit nahe. Dabei gelang es ihm nie, an die bundespolitische Bedeutung seines Vorgängers Lothar Späth anzuknüpfen. Der umtriebige Späth brachte es zum gefühlten Reservekanzler, auch wenn er letztlich bei dem Versuch Schiffbruch erlitt, Bundeskanzler Helmut Kohl zu stürzen.

Die drei Großfusionen

Der Bauernsohn Teufel ist im Vergleich zu Späth ein Schwerblüter, war aber als Politiker beharrlicher in dem, was er tat. Die Südwest-CDU blieb in der Bundespartei auch unter Teufel eine Macht, an der keiner so schnell vorbeikam. Sie besetzte wichtige Posten in Bonn und später in Berlin. Heute ist die Südwest-CDU ein Schatten ihrer selbst. Niemand fragt sie, wenn Nordrhein-Westfalens CDU-Ministerpräsident Armin Laschet die Forschungsfabrik für Batteriezellen nach Münster holt – wo doch im Südwesten alle wähnten, sie käme in den Südwesten.

Teufels Erfolgsbilanz beeindruckt. Er, der Mann mit Faible für die Vielfalt, vollendete die drei Großfusionen, an denen seine Vorgänger noch gescheitert waren: die Landesbank Baden-Württemberg (LBBW), die Energie Baden-Württemberg (EnBW) und der Südwestrundfunk (SWR) sind zu einem guten Teil sein Werk. Im Alleingang – oder besser: im diskursiven Selbstgespräch – verordnete er dem Land eine Verwaltungsreform, die dezentralisierend wirkte und die Stuttgarter Ministerien schwächte.

Dies alles vollbrachte er auf die stille Art. Er überzeugte nicht mit Glamour, sondern mit Verlässlichkeit. „Einer von uns“ – diesen Eindruck verstand er seinen Wählern zu vermitteln. Die Stuttgarter Bling-Bling-Gesellschaft war ihm ein Gräuel. Erst unter Teufels Nachfolger Günther Oettinger durfte sie sich von der Politik wieder besser verstanden fühlen.

Winfried Kretschmann – ein Mann wie Teufel

Dabei war Teufel als Politiker ein ausgefuchster Techniker der Macht. Nur wusste er dies zu camouflieren. Wahrgenommen wurde er und wird er als Vertrauensperson des Volkes. In beidem ist ihm Winfried Kretschmann wesensverwandt. Der Grüne füllt die Lücke, die Teufel hinterließ und in der dessen Nachfolger Oettinger und Stefan Mappus verschwanden. Auf ganz unterschiedliche Weise blieben beide den Menschen fremd: der hochintelligente, zugewandte und emsige Oettinger, der aber immer für einen Ausrutscher gut war; und Mappus, der schnell dafür sorgte, dass viele Menschen nur das Schlimmste von ihm erwarteten.

Kretschmann knüpfte bewusst an Teufel an: der patriarchalische Gestus, die Berufung auf den Glauben, die Anrufung von Heimat, Dialekt und Brauchtum – alles konservative Signale auf der Linie des Spaichingers. Dazu passt auch, dass er Teufel zum Professor ernannte. Den Jubilar würdigt er am Mittwoch mit einem Empfang im Neuen Schloss. Anfangs schien es so, als bliebe Kretschmann im Willen zur Macht hinter Teufel zurück. Diese Zweifel haben sich verflüchtigt.

Erwin Teufel hat allerdings auch seinen Teil zur aktuellen Malaise der Landes-CDU beigetragen. Während seiner Regierungszeit verlor die Partei den Anschluss in der Gesellschaftspolitik. Die Zeit rückte voran, doch die CDU blieb stehen, und am Ende fiel sie aus dem Bild. Ganztagsschulen durfte es unter dem Regierungschef Teufel nur an „Brennpunkten“ geben, Kleinkinder betrachtete er in der Krippe in ihrer Entwicklung gefährdet. Er pries die christlich grundierte Familie, war aber seit seiner Wahl zum jüngsten Bürgermeister der Republik – 1964 in Spaichingen – Tag für Tag und Abend für Abend damit beschäftigt, das eigene Fortkommen zu organisieren. Diese Doppelzüngigkeit fiel irgendwann auf – vor allem jüngeren Frauen.

Schwarz-Grün: die verpasste Chance

Günther Oettinger trat nach seiner Wahl zum Ministerpräsidenten an, um dieses Modernisierungsdefizit zu heilen. Doch die Traditionalisten in der geistigen Nachfolge Teufels verhinderten dies, allen voran Stefan Mappus, der als Chef der Landtagsfraktion nach Oettingers überzeugendem Wahlsieg 2006 ein schwarz-grünes Bündnis verhinderte. Das erwies sich der schwerste Fehler in der jüngeren Geschichte der Südwest-CDU; den Machtwechsel 2011 hätte es nicht gegeben.

Teufels Mitverantwortung für den Niedergang liegt nicht darin, dass er Oettinger als Nachfolger verhindern wollte und Annette Schavan als dessen Gegenspielerin aufbaute. Das Problem gründet darin, dass er sich weigerte, seinen Frieden mit Oettinger zu machen, nachdem dieser gewonnen hatte. Dessen Kritiker konnten sich stets auf den geachteten Altministerpräsidenten berufen, auch Stefan Mappus in seinem überraschend rasch erfolgreichen Bemühen, Oettinger wegzumobben. Das Ergebnis ist bekannt: Nach nur einem Jahr im Amt verlor Mappus die Landtagswahl 2011. Die Landtagsfraktion, einst Kraftzentrum der Landespolitik, verkümmerte zu einer Truppe von desorientierten Konservativen, die über den Verlust von Karrierechancen trauerten.

Erwin Teufel ging derweil nach München, um Philosophie zu studieren. Ein geradezu altmodisch-sympathischer Bildungshunger zeichnet ihn von jeher aus. Teufel achtet Bücher, auch wenn er heute nicht mehr so gut sieht. Auch dies ist nicht das Schlechteste, was man über einen geachteten und in seiner Zeit erfolgreichen Politiker sagen kann.

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