Erzbistum Freiburg Mehr Hilfe für Missbrauchsopfer

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Der Freiburger Erzbischof Stephan Burger zieht eine Bilanz der Aufklärungsarbeit zum Thema Sexueller Missbrauch – und kündigt laufende Zahlungen für die Opfer an.

Das Freiburger Münster Foto:  
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Freiburg - In Folge des Skandals um den jahrzehntelangen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen in der katholischen Kirche hat die Erzdiözese Freiburg eine schonungslose Aufklärung angekündigt und die Kommission „Macht und Missbrauch eingerichtet. Erzbischof Stephan Burger stellte am Mittwoch in Freiburg einen Zwischenbericht der Expertenarbeit vor und zeigte sich schockiert vom Ausmaß des Verbrechens. „Eine Vorstellung von der Schwere, Dimension und den Folgen des sexuellen Missbrauchs kann man sich nicht machen, nicht ansatzweise.“ Erst durch persönliche Begegnungen mit Opfern habe er den Blick dafür geschärft, die Schicksale wahr und ernst zu nehmen.

Im Zuge der Aufarbeitung seien bereits einige Konsequenzen gezogen worden, betonte der Erzbischof. Es sei ein Beratungspool für Missbrauchsopfer in der Diözese eingerichtet worden, um sie bei der Suche nach Therapeuten zu unterstützen.

Außerdem liege ein noch zu diskutierender Entwurf zur Unterstützung der Opfer vor. Ein Vier-Säulen-Modell sieht neben der Zahlung einer finanziellen Leistung in Anerkennung des erlittenen Leids und neben der Übernahme von Therapiekosten zwei Neuerungen vor: Geplant ist eine laufende Unterstützung für Missbrauchsopfer, die über dem Sozialhilfeniveau liegen und sich an der Pfändungsgrenze orientieren soll. Der Betrag soll bei maximal 800 Euro im Monat liegen. Des Weiteren wird erwogen, innerhalb der Diözese eine Stelle für die Begleitung und Begegnung von Opfern einzurichten. Anfang 2020 sollen die Pläne bei Zustimmung umgesetzt werden.

190 Beschuldigte in der Erzdiözese Freiburg

Die im September 2018 von der Deutschen Bischofskonferenz vorgestellte sogenannte MHG-Studie hatte den massiven sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen durch katholische Kleriker in den vergangenen Jahrzehnten detailliert belegt. Von Anfang 1946 bis Ende 2015 wurden laut der Studie in der Erzdiözese Freiburg 190 Beschuldigte benannt, zumeist Priester. Davon seien 125 bereits verstorben, bei 33 habe man keine Informationen über die Person, 33 Beschuldigte lebten noch, sagte Pfarrer Armin Haas, Mitglied des Freiburger MHG-Teams. Die Zahl der Opfer liege bei mindestens 442.

Die Kommission hat es sich zur Aufgabe gemacht, alle Beschuldigten, die noch lebten, erneut zu überprüfen, um mögliche Rückfälle zu verhindern. Mit einem Standardraster sei eine Gefährdungseinschätzung vorgenommen worden, erläuterte Gisela Hogeback, sie ist externes Kommissionsmitglied und Traumatherapeutin. „Jeder gemeldete Aktenvorgang seit 1965 ist untersucht und beurteilt worden.“ Dabei sei weit über den strafrechtlichen Rahmen hinaus auch nach Verhaltensauffälligkeiten, Unreife der Persönlichkeit oder Grenzüberschreitungen im Kontakt gesucht worden. Insgesamt wurden 30 potenzielle Gefährder identifiziert. Bei Problemfällen sei selbstverständlich sofort reagiert worden, Opferschutz habe höchste Priorität. Bei Unsicherheiten wolle man ein psychologisches Gutachten der Betroffenen erstellen. Unreife und narzisstische Persönlichkeiten, die den Hauptanteil der Tätertypologien ausmachten, müssten dabei besonders in den Blick genommen werden. In den vergangenen fünf Jahren seien allerdings keine Anzeigen aktueller Vorgänge bei der Diözese eingegangen, betonte Hogeback.

Warum wurden Personalakten aus dem Verkehr gezogen?

Im Zuge der weiteren Aufklärung sollen auch besonders schwere Missbrauchsfälle wie im Schwarzwaldort Oberharmersbach noch einmal neu aufgerollt werden. Dort hat sich ein Pfarrer, der sich anschließend erhängt hat, systematisch und über Jahrzehnte hinweg an Dutzenden Kindern und Jugendlichen sexuell bedient. Auch die Vorwürfe gegenüber einem mittlerweile verstorbenen Zisterzienserpater, der im Kloster Birnau und andernorts Ministranten missbraucht haben soll, werden erneut untersucht.

Dafür zuständig ist die Arbeitgruppe „Machtmissbrauch und Aktenanalyse“ mit vier Mitgliedern, die zuvor bei Justiz und Polizei beschäftigt waren. „Es gibt Hinweise darauf, dass Personalakten aus dem Verkehr gezogen worden sind“, kritisierte der frühere Freiburger Oberstaatsanwalt Edgar Villwock. Ob das fahrlässig geschehen sei oder bewusst, müsse noch geklärt werden. Erschwert worden sei die Recherche durch eine fehlende Paginierung. „Es sind erkennbare Lücken bei den Sonderakten vorhanden, zum Teil über Jahre“, so Villwock. Aufgrund der Fülle der Unterlagen werde die Aufarbeitung noch etliche Monate andauern. Genauere Ergebnisse zu den einzelnen Fällen würden erst bei einem Abschlussbericht vorgelegt.