„Die Kinder müssen leben lernen. Man darf sie nicht zurechtstutzen“, sagt Lisette Siek-Wattel. Foto: Lichtgut/Julian Rettig
Im April wird Lisette Siek-Wattel 83 Jahre alt. Und noch immer ist sie drei Tage die Woche im „Kleinen Kindergarten“ in Stuttgart-Vaihingen. Warum ihr die Arbeit nach wie vor Spaß macht und was sie jüngeren Kolleginnen und Kollegen mit auf den Weg gibt.
Es ist eine Bullerbü-Welt wie aus einer Astrid-Lindgren-Geschichte. Ein kleines Holzhäuschen mit gelb gestrichenen Fensterrahmen und roten Fensterläden, mitten im Grünen, umgeben von alten Bäumen und fröhlichem Kinderlachen. Wer eintritt, den empfängt eine wohlige Wärme. Jetzt im Frühjahr ist der Ofen noch in Betrieb und bollert vor sich hin. Auf dem Tisch stehen Kirschzweige in einem großen Glas, rundrum Farben, Pinsel, Buntstifte und Papier.
Etwa ein dutzend Mädchen und Jungen sind an diesem Vormittag im Kleinen Kindergarten am Feuersee in Stuttgart-Vaihingen. Doch es ist ruhig, jedes Kind ist in seinem Spiel gefangen. So sei es meistens, sagt Lisette Siek-Wattel und lächelt. Man müsse die Kinder machen lassen, dürfe ihnen nicht zu viel vorgeben und sie nicht in ihrem Ideenreichtum einschränken. „Dann können sie sich lange selbst beschäftigen.“
Sie weiß, wovon sie spricht, denn seit rund 50 Jahren arbeitet sie im Kleinen Kindergarten. Lisette Siek-Wattel wird im April 83 Jahre alt. Die Kinder nennen sie nur beim Vornamen. Für sie ist die gebürtige Holländerin einfach nur Lisette. In den Niederlanden machte sie auch ihre Ausbildung zur Erzieherin und zur Kindergartenleiterin. Dann ging sie erst einmal nach Berlin, anschließend studierte sie an der Kunstakademie in Stuttgart. Dass sie danach wieder in ihren alten Beruf zurückkehrte, sei Zufall gewesen. „Ich habe mich nicht einmal beworben.“ Als ihre Tochter vier Jahre alt wurde, habe sie einen Kindergartenplatz gesucht und den Kleinen Kindergarten gefunden. „Dann habe ich angefangen, tageweise auch dort zu arbeiten“, erinnert sie sich.
Ein ganz besonderer Draht zu den Kindern
Bereut hat sie diese Entscheidung nie. Lisette Siek-Wattel hat einen ganz besonderen Draht zu den Kindern. Sie hat ihre Prinzipien und setzt ihre Prioritäten. Dass die Mädchen und Jungen Raum für ihre eigenen Ideen und ihr eigenes Spiel bekommen, dass sie lernen, ihren eigenen Weg zu gehen und jeden so zu respektieren, wie er ist, ist für sie viel wichtiger, als dass Mädchen und Jungen schon in Vorschulgruppen Buchstaben und Zahlen schreiben. „Die Kinder müssen leben lernen. Man darf sie nicht einengen und zurechtstutzen.“
Die Eltern hätten ihr diesen freiheitsliebenden Ansatz nie übel genommen. „Sie haben dessen Wert erkannt“, sagt Lisette Siek-Wattel. Und schließlich mache sie auch ganz viel mit den Kindern: Kunstprojekte, Waldwochen, Fahrradtouren, Ausflüge in die Natur, zum Spielplatz und ins Schwimmbad. „Das leben ist so farbig“, sagt sie und versprüht ihre Energie. Von Anfang an habe sie ihre Arbeit so gestalten können, wie sie es für gut und richtig befand. „Ich hatte Freiräume, und das ist bis heute so geblieben. Deswegen kann ich noch immer hier sein. Die Freude ist nie verloren gegangen.“
„Man muss Vertrauen in die Kinder haben“
Manche ihrer Kolleginnen und Kollegen in anderen Kindergärten bedauere sie. „Weil sie Angst haben, und diese Angst geben sie auch an die Kinder weiter.“ Wenn sie so etwas erlebe, schnüre sich bei ihr was zu. „Man muss Vertrauen in die Kinder haben. Man kann nicht immer daneben stehen wie ein Polizist.“ In ihren 50 Berufsjahren sei noch nie ein wirkliches Unglück geschehen. „Wenn es den Kindern gut geht, passiert auch nicht so viel“, ist Lisette Siek-Wattel überzeugt. Und außerdem kenne sie ihre Kinder. „Ich weiß, wo die Gefahren stecken und ein Konflikt entsteht, ich bin immer aufmerksam und habe den Überblick.“
Stress kennt die fast 83-Jährige nicht. Sie nehme die Kinder nie als Problem wahr. Und auch dass es heute mehr verhaltensauffällige Mädchen und Jungen seien, möchte sie so nicht stehen lassen. „Es gab früher auch schon Rüpel und komplizierte Situationen.“ Wichtig ist ihr, dass sie nicht in einem Elite-Kindergarten arbeitet. „Das hätte mir gar keinen Spaß gemacht.“ Ein Kindergarten müsse so bunt sein wie die Gesellschaft außerhalb. Darum nehme der Kleine Kindergarten vor allem Mädchen und Jungen aus dem Stadtteil auf, darunter seien auch welche mit Migrationshintergrund. Und alle würden von dem kulturellen Austausch profitieren und zu selbstbewussten Persönlichkeiten heranwachsen.
„Die Eltern wollen vermisst werden“
Die Eltern indes hätten sich über die Zeit sehr wohl verändert. „Es nimmt zu, dass sie sich nicht verabschieden können. Sie wollen von ihren Kindern vermisst werden“, sagt Lisette Siek-Wattel und schmunzelt. Die Eingewöhnung und das Loslassen falle den Müttern und Vätern mittlerweile oft viel schwerer als ihrem Nachwuchs.
Man merkt dieser besonderen Erzieherin ihre fast 83 Jahre beim besten Willen nicht an. „Ich bin noch immer ganz lebendig“, sagt sie und lacht ein mädchenhaftes Lachen, um das zu unterstreichen. Die Kinder würden sie auf Trab halten. Sie kniet sich auf den Boden, um auf Augenhöhe mit den Kleinen zu sein. Sie schlichtet souverän, wenn es Streit gibt, und blickt mit den Augen eines Kindes auf die von den Mädchen und Jungen gestalteten Kunstwerke.
Den Kindern stets mit Respekt begegnen und sie als eigene Persönlichkeiten wahrnehmen, das ist Lisette Siek-Wattel wichtig. Foto: Lichtgut/Julian Rettig
Mit 65 Jahren wollte sie eigentlich in Rente gehen. Ein Filmteam um die Regisseurin Sigrid Klausmann und den Produzenten Walter Sittler begleitete ihr beinahe letztes Jahr im Kindergarten. Der Dokumentarfilm „Lisette und ihre Kinder“ kam 2009 in ausgesuchte deutsche Kinos und stieß in der Fach- und Medienwelt auf ein positives, ja überschwängliches Echo. In einem Beitrag des Fachbereichs Erziehungs- und Bildungswissenschaften der Uni Bremen wird sie als „außergewöhnliche Erzieherin, mit starken Prinzipien und Einstellungen“ gefeiert. Der WDR berichtete über sie in seiner Sendung „Menschen hautnah“. „Es war eine schöne und aufregende Zeit“, sagt Lisette Siek-Wattel rückblickend. Sie sei durch Deutschland getourt und habe viele Interviews gegeben.
Erzieherin will sich endgültig zur Ruhe setzen
Mit 67 Jahren kehrte sie in den Kleinen Kindergarten zurück. „Weil jemand gebraucht wurde, der Verein war in Not“, sagt sie schulterzuckend. Drei Tage die Woche für je fünf Stunden war sie nun wieder bei den Mädchen und Jungen. Zu Jahresbeginn reduzierte sie auf zweieinhalb Tage die Woche. Bevor es wieder Winter wird, will sie sich endgültig zur Ruhe setzen. Denn morgens im Dunkeln allein zur Kita zu laufen, das gefalle ihr nicht mehr so richtig. „Und ich will auch nicht gestützt auf einen Stock in den Kindergarten gehen müssen.“ Überhaupt seien ihre Tage so voll, wolle sie sich noch anderen Dingen widmen. Besonders ihrem kleinen Häuschen in Holland, das sie in den vergangenen Jahren zusammen mit ihrem Mann saniert habe.
Doch der Kleine Kindergarten findet keine Nachfolgerin. Es gab schon einige Bewerbungen. Ein paarmal hätten Interessenten in letzter Minute abgesagt. Lisette Siek-Wattel kann das überhaupt nicht verstehen. Erzieherin in einem Kindergarten zu sein, in dem man viel frei gestalten kann, das war und ist noch immer ihr Traumjob. „Ich werde es vermissen, die Atmosphäre mit den Kindern, ich habe das gerne um mich rum“, sagt sie und fügt hinzu: „So langsam wird mir etwas mulmig.“
Kleiner Kindergarten in Vaihingen
Geschichte Der Kleine Kindergarten an der Freibadstraße in Stuttgart-Vaihingen entstand 1972 aus einer Elterninitiative. Seit 1974 wird er von Lisette Siek-Wattel pädagogisch geleitet. „Von ihr und aus der kontinuierlichen Zusammenarbeit mit den Eltern hat der Kindergarten auch seine besondere Ausprägung erhalten“, heißt es auf der Homepage der Einrichtung. Zwei Kolleginnen betreuen 15 Kinder im Alter von drei bis sechs Jahren wochentags von 8 bis 14 Uhr.
Kontakt Weitere Informationen zu Konzept und Ansprechpartnern stehen im Internet unter www.kleiner-kindergarten.de.