Erziehung: Achtung, Handyfalle Eltern, die zu oft aufs Smartphone schauen

Ein Bild im Alltag: Mutter, Smartphone und unbeachtetes Kind. Foto: Stock

„Was? Moment mal . . . ja, gleich!“: Wie es beim Nachwuchs ankommt, wenn Mama und Papa ständig mit ihrem Handy beschäftigt sind und was für Folgen das für die Eltern-Kind-Bindung hat.

Stuttgart - Nur kurz mal kucken . . . eine Info suchen oder schnell was klären. Den Impuls, das Handy immer wieder in die Hand zu nehmen, kennen fast alle nur zu gut. Doch das Familienleben kann leiden, wenn Eltern ständig den Blick aufs Smartphone richten.

 

Im Rahmen einer US-amerikanisch-kanadischen Studie wurde ein Teil der Eltern beim Besuch einer Wissenschaftsscheune angewiesen, ihre Telefone häufig zu benutzen. Das Ergebnis: Die Handynutzung führte dazu, dass sich die Eltern weniger mit ihren Kindern verbunden fühlten. Eine anschließende Tagebuchstudie untermauerte dieses Ergebnis. Eine stetige Verbindung mit dem Internet hat also durchaus ihren Preis.

„Ich bin nicht so wichtig“

Auch die Kinder spüren die geringere Verbundenheit mit den Eltern. „Wer will sich schon ständig die Aufmerksamkeit mit dem Handy teilen?“, bringt Dr. Thorsten Naab, wissenschaftlicher Referent beim Deutschen Jugendinstitut, Abteilung Kinder und Kinderbetreuung, das Problem auf den Punkt. „Was hast du gesagt? Moment, ich kann grad nicht.“

Wertschätzung klingt anders. Wertschätzung zeigt sich in ungeteilter Aufmerksamkeit beim Zuhören und beim Zusehen. „Mama, guck mal!“, rufen Kinder gern. Dass Mama kurz guckt und nickt, um dann schnell wieder den Blick zurück aufs Handy zu richten, war sicher nicht gemeint. Jetzt hat die Mutter doch nicht gesehen, wie der Nachwuchs gerade sein Kunststück mit einer Verbeugung beendet.

Ein Feedback kann sie also auch nicht geben, dabei hätte genau das dem Kind gutgetan. Denn Kinder brauchen solche Resonanz, wie es in der Erziehungsfachsprache heißt, denn Resonanz führt nicht nur zu Bestätigung und Anerkennung einer Person. Sie gibt auch Orientierung. Ständiges Vertrösten nach dem Motto „Ja, gleich, ich muss nur noch . . .“ drängt dagegen eine traurige Schlussfolgerung auf, die kurz und bündig lautet: „Ich bin nicht so wichtig.“

Und noch etwas anderes lernen Kinder: „Handyschauen ist dagegen wichtig – selbst dann, wenn Mama nur Fotos auf Instagram stellt oder Papa ein Handyspiel macht.“ Das allerdings ist eine fatale Erkenntnis, weil sie dazu führen kann, dass das Kind selbst später exzessiv Medien nutzt. „Kinder lernen den Umgang mit Medien zuerst in der Familie. Je jünger sie sind, desto mehr orientieren sie sich am Verhalten der Eltern und nehmen dieses als Ausgangspunkt für den eigenen Medienkonsum“, bestätigt die Initiative „Schau hin!“.

Achtung: Unfallgefahr

Der Blick nach unten auf die digitale Welt kann noch andere gefährliche Folgen haben: Kinder verhalten sich riskanter, wenn Eltern abgelenkt sind. „Möglicherweise tun sie das, um die Aufmerksamkeit der Eltern zu erzwingen“, erklärt Thorsten Naab. Vielleicht aber sei das riskantere Verhalten umgekehrt auch Folge des Abgelenktseins der Eltern – schließlich bietet die elterliche Unaufmerksamkeit dem Kind die Möglichkeit, ungebremster auszuprobieren, was es testen möchte.

Einer österreichischen Studie zufolge sind auf Kinderspielplätzen neun von zehn Aufsichtspersonen auf dem Spielplatz abgelenkt, meist durch Handynutzung. Daher hat sich die Zahl der Unfälle bei Kindern unter fünf Jahren auf Kinderspielplätzen verdreifacht.

Balance finden

Muss jetzt das Smartphone weg? „Nein“, sagt Thorsten Naab, „das ist nicht die zwangsläufige Konsequenz.“ Schließlich habe das Smartphone durchaus auch seine nützlichen und positiven Seiten. „Es unterstützt Eltern in vielerlei Hinsicht“, betont er. Eltern holen sich Erziehungstipps, informieren sich über gesunde und altersentsprechende Ernährung, finden Freizeittipps, können sich mit anderen Familien leichter verabreden und sind für Kinder besser erreichbar. „Darüber hinaus bietet das Smartphone viele kreative und produktive Möglichkeiten, die Eltern-Kind-Beziehung zu fördern.“

Als Beispiele nennt Thorsten Naab Kreativ-Apps wie „Storyrobe“, eine App zum Erzählen von Bildgeschichten, und „Deine Laute Welt“, die Kindern 35 Tierarten – rund 80 junge und ausgewachsene Tiere – mit ihren Namen und Lauten vorstellt. „So lässt sich das Handy bewusst und mit Blick auf ganz bestimmte Funktionen bei ausgewählten Spielen einbinden“, so der Fachmann. Wichtig sei, eine gesunde Balance zu finden zwischen Handynutzung und Handyauszeit.

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