Erziehung Wenn Kinder Sachen der Eltern kassieren
Locher, USB-Sticks, Haarbürste – Kinder nehmen sich heute, was sie brauchen. Und bringen damit nicht nur die Ordnung im Hause, sondern oft genug auch die Hausordnung durcheinander.
Locher, USB-Sticks, Haarbürste – Kinder nehmen sich heute, was sie brauchen. Und bringen damit nicht nur die Ordnung im Hause, sondern oft genug auch die Hausordnung durcheinander.
Stuttgart - Sie nehmen sich alles. Papas Locher. Das letzte Blatt Papier aus seinem Drucker. Das Lineal. Den Textmarker. Die Post-it-Zettel. Toms Büro ist für seine Kinder wie ein Schreibwarenladen. Nur ohne Kasse. Genau das hat er ihnen früher nach solchen Plünderungen regelmäßig vorgeworfen. Mit erregter Stimme. Und irgendwann gemerkt, wie lächerlich er dabei aussieht. Zuerst mit einem Seitenblick auf den großen Spiegel in Julias Zimmer, vor allem aber mit einem klaren Blick in die Gesichter seiner Kinder. Die lächeln in solchen Fällen nämlich mitleidig-verständnisvoll zurück und säuseln: „Nun mach dich mal locker, Papa – kriegst du doch alles zurück!“
Der Vater regt sich darüber nicht mehr auf. Erstens, weil die Kinder mit ihrer Selbstbedienung ja genau genommen auch eine gute Portion Selbstbewusstsein beweisen und so zeigen, dass sie sich mit zupackender Art zu helfen wissen. Und zweitens, weil es spannend ist, sich darauf zu konzentrieren, wie die beiden ihre kleinen Dreistigkeiten mit sprachlichen Zierschleifchen zu tarnen versuchen. „Leihen“, „mal eben benutzen“, „ausborgen“ sagen sie oder neuerdings auch: „sinnvoll auslasten“. Diese Vokabel aus dem Wortschatz des Ressourcen-Managers hat Lukas kürzlich irgendwo aufgeschnappt.
Vorgestellt hatten sich Sabrina und Tom diese von ihren Kindern geschaffene familiäre Selbstbedienungswelt übrigens so nicht. Sondern vielmehr erwartet, ihre Kinder würden nach Krabbelalter und Grundschule selbstständiger und den Unterschied zwischen Dein und Mein nicht nur begreifen, sondern auch befolgen. Die Eltern hofften auf ein Ende der Schnitzeljagden nach verschleppten Hausschlüsseln, Ringfahndungen nach Mamas Brilli und filigranen Retuschen von Kopf-Füßlern auf dem Mietvertrag für die neue Wohnung. Ja, dieses Ziel haben Sabrina und Tom weitgehend erreicht – nach der großen KleinkinderTohuwabohu-Phase ist die Ordnung im Hause wiederhergestellt. Stattdessen aber gerät die Hausordnung immer öfter außer Kraft – dank Selbstbedienung. Denn Julia und Lukas greifen nicht nur bei Papas Lieblingsfüllern und Mamas Haarbürsten zu, sondern auch tief in ihr Zeitbudget – für Hausaufgaben, Transportdienste oder Partyvorbereitung.
Die Eltern fragen sich: Gab es die Last-Minute-Selbstbedienungsmasche eigentlich früher auch schon, als sie selbst Kinder waren? Ihre Erinnerungsdiagnose: eindeutig nein. Der Schreibtisch von Toms Vaters etwa war heilig und verschlossen wie ein Tresor. Das Telefon gab’s nur im Singular – ein Apparat für die gesamte Familie, per Schnur untrennbar mit der Wand verbunden. Vorm Anruf bei Freunden war zu Hause die vorsichtige Frage Pflicht, ob man mal telefonieren dürfe. Ebenso zaghaft empfahl die Post-Werbung: „Ruf doch mal an!“
Heute dagegen: Locher, Textmarker, ja selbst Telefone – alles reichlich da. Dazu die Marktschreier der Werbung, die vor allem Kinder und Jugendliche ständig zum Zugreifen auffordern: „Hol dir die megacoolen neuen Trends!“ Diese Kombination aus Überfluss und scheinbar völlig normalem Übergriff ist es, die den Nachwuchs zur „Generation Selbstbedienung“ werden lässt. Jedenfalls in der Familie. Woanders wär’s ja Diebstahl, das wissen und respektieren sie. Ein weiterer Grund: Sie haben (so glauben sie) keine Zeit, müssen mehr „multitasken“ als manch ein Manager: whatsappen mit dem Freund, chatten mit dem zweiten, dabei einen Film downloaden und telefonieren mit Kumpel Nummer drei. Wer kann da noch den eigenen Locher suchen?
Nein, ebenso wenig, wie Tante Emma die Supermärkte verhindern konnte, sind heutige Eltern in der Lage, die Selbstbedienungsmasche ihrer Kinder durch Erziehung zu stoppen. Was nicht heißt, dass sie ihnen alles durchgehen lassen sollten. Zum Beispiel, wenn sie auch noch die Spuren ihrer Selbstbedienung verwischen: Bis vor Kurzem besaß Tom einen 128-Gigabyte-Datenstick für seinen PC. Als er das blaue, schlüsselanhängergroße Plastikteil zuletzt sah, waren da Kopien seiner Vorträge drauf. Jetzt – nach dem Wieder-Auftauchen – beherbergt der Stick hingegen eine kleine Videothek. Und einen Namen hat er inzwischen auch: Als „Lukas seiner“ gibt er sich zu erkennen, kaum im USB-Schlitz des Rechners angedockt. Womit der Selbstbediener feststeht: Lukas hatte den Stick vorübergehend. Und brachte das kleine Ding immerhin wieder mit vom Schüleraustausch aus Frankreich. Zur Rede gestellt, wieso er den Datenspeicher nicht nur drei Monate ins Ausland entführt, sondern auch seinen Inhalt nennenswert von Powerpoint zu Popcorn-Kino verändert hat, antwortete er: „Wie hätte ich denn sonst meine Lieblingsfilme mitnehmen sollen – war echt ’n krasser Notfall, Papa.“
Vor allem war’s ein krasser Einzelfall, das hat Tom seinem Sohn daraufhin deutlich klargemacht. Denn einfach mal eben einen Speicher verschwinden lassen, das ist nicht wie Locher-Ausleihe mit vergessener Rückgabe, sondern wie der Diebstahl eines ganzen Aktenschranks.
Der Sohn hat es verstanden, und sein Vater weiß dennoch, dass die Selbstbedienung weiter ausufern und in ein paar Jahren auch vor dem Auto nicht haltmachen wird, wenn Julia ihren Führerschein hat. Das Schlimme daran: Sie soll das Auto dann ja selbst bedienen, denn sonst verlernt sie das Fahren schon bald nach bestandenem Führerschein wieder. Das wird Julia nur zu genau wissen und den Autoschlüssel mit einem herzerfrischend hingeflöteten „Ich nehm mal eben den Wagen“ vom Haken ziehen.