Erziehung Mädchen, denen der Lebensmut fehlt

Die Welt erscheint abstoßend, schrecklich und feindselig – besser abwarten und nichts tun. Foto: mago images/YAY

Sie sind erschöpft, kraftlos und haben keinerlei Perspektive: Mädchen, die sich nicht weiterentwickeln und völlig mutlos in die Zukunft blicken, scheinen ein neues Phänomen zu sein. Doch was fehlt den Heranwachsenden? Und wie kann man ihnen helfen?

Anna, 17 Jahre alt, beschließt eines Tages, nicht mehr in die Schule zu gehen. Fortan sitzt die Heranwachsende perspektivlos zu Hause. Anna fühlt sich von der Welt nicht gelockt. Sie hat einen Blick auf ihre Umgebung, in der nichts Anziehendes, Interessantes oder Attraktives zu entdecken ist. Die Welt erscheint ihr vielmehr abstoßend, schrecklich und feindselig.

 

Vordergründig wirkt das Mädchen depressiv – doch das trifft es nach Ansicht des Hamburger Psychiaters Michael Schulte-Markwort nicht wirklich.

Anna ist ein Fallbeispiel für ein Phänomen, das der Facharzt „mutlose Mädchen“ nennt und dem er auch ein Buch gewidmet hat. Mädchen wie Anna seien ihm und seinen Kolleginnen und Kollegen in der vergangenen Zeit vermehrt aufgefallen, berichtet er – und diese Patientinnen machen die Expertinnen und Experten ratlos: Oftmals sind sie mehrere Jahre in Therapie, doch immer wieder beschleicht die Behandelnden der Eindruck, ihnen nicht helfen zu können. Weder durch Psychotherapien und auch nicht mit Medikamenten.

Dabei haben die Betroffenen nach Darstellung des Psychiaters Schulte-Markwort kein Trauma wie sexuellen Missbrauch erfahren. Sie haben liebevolle Eltern, die auch Grenzen setzen können. Und auch die Geschwister, sofern vorhanden, sind unauffällig. Eigentlich gute Voraussetzungen für eine gesunde psychische Entwicklung.

Dennoch interessieren sich die betroffenen Mädchen – allesamt etwa zwischen 13 und 16 Jahren – für nichts, brennen für nichts. „In einem Alter, in dem sie Perspektiven für das eigene Leben entwickeln sollten, bleiben diese Mädchen in ihrer Entwicklung stecken“, so Schulte-Markwort.

Und genau hier liegt das Problem, wie der Psychiater weiter beschreibt: „Mut ist eine Grundvoraussetzung dafür, dass man ins Leben kommt. Der alltägliche Mut der Kinder, sich zu stellen, Aufgaben zu erledigen, groß zu werden und sich zu verändern, ist eine Dimension, die oft nicht genügend Berücksichtigung findet. Wenn Mut fehlt, mangelt es an einer zentralen Dimension des Lebens.“

Das Phänomen der Mutlosigkeit gebe es zwar auch bei Jungen, zahlenmäßig allerdings – nach Einschätzung des Experten – deutlich seltener als bei Mädchen. Warum es vermehrt weibliche Heranwachsende sind, die Angst vor dem Leben haben, erklärt Schulte-Markwort so: „Die seelische Entwicklung von Mädchen ist komplizierter und anspruchsvoller als die von Jungen. Sie müssen sich von ihrem primären Liebesobjekt – der Mutter – trennen, um zur väterlichen männlichen Welt zu kommen. Jungen müssen diesen Wechsel nicht vollziehen.“

Erschöpfte Mütter sind kein Vorbild

Was ist der Grund für die Verzagtheit dieser Mädchen, die auch über die Pubertät hinweg bestehen bleibt? Eine mögliche Erklärung, die Schulte-Markwort anführt, sind mangelnde Vorbilder für die jungen Frauen. „Sie möchten nicht so erschöpft werden wie ihre Mütter, die mit Beruf und gleichzeitiger Kinderbetreuung an ihre Grenzen stoßen“, erklärt der Experte. Die Gleichberechtigung von Mann und Frau gebe es eher beruflich. Die Hauptlast in der Familie trage aber weiterhin die Mutter.

„Mütter müssen täglich mehreren Aufgaben nachgehen“, schreibt Schulte-Markwort in seinem Buch: Darunter die Versorgung der Kinder, der Beruf, Haushalt, später auch die Nachhilfe, die schulische Versorgung und der Mama-Shuttle zu Hobbys. Für die mutlosen Mädchen, die in der Regel etwas ängstlicher und in sich gekehrter sind, seien die Schuhe der Mütter vielleicht gefühlt zu groß, überlegt der Kinder- und Jugendpsychiater.

Vor den Augen der fleißigen Mutter zu scheitern, sei aber keine Option. So entwickle sich allmählich eine zerstörerische Dynamik: „Die Mädchen entwerten unbewusst ihre Mütter mit allen emanzipatorischen Eigenschaften und begehren gegen sie auf“, erklärt Schulte-Markwort – sie schaden dabei aber letztlich ihrer eigenen Entwicklung.

Emanzipationsverweigerung?

Paradoxerweise erfüllen die jungen Mädchen mit ihrer Mutlosigkeit nämlich jegliche Geschlechterklischees: Frauen, die sich ins Heim zurückziehen und schweigen. Und die Väter? Sie seien meist zu wenig präsent und oft hilflos, so der Facharzt.

Ein Patentrezept für den Umgang mit mutlosen Mädchen gebe es nicht, aber der Psychiater rät dazu, behutsam vorzugehen, das Tempo der Mädchen anzunehmen und frühzeitig professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Schulte-Markwort: „Für Eltern ist wichtig, sich nicht die Schuld zu geben.“

Vielmehr gehe es darum, sich selbst und seine Bedürfnisse nicht zurückzustellen, sondern ein gutes Vorbild zu sein in Selbstfürsorge, betont der Psychiater. Dazu gehöre auch ein ehrlicher Dialog im Sinne von: „Du hast recht, manchmal bin ich sehr erschöpft. Aber das ist es mir wert, weil mir die Arbeit viel Spaß macht.“

Schulte-Markwort weist aber auch darauf hin, dass es sich bei den mutlosen Mädchen um eine kleine Gruppe handelt. In seinen ambulanten und stationären Einrichtungen machen sie etwa fünf Prozent aus. Insgesamt betrachtet entwickeln sich Kinder und Jugendliche heutzutage gut, wie er sagt. Sie werden grundsätzlich immer zugänglicher, emotional klüger und kompetenter – mit eben manchen Ausnahmen.

„Diese Mädchen halten uns den Spiegel vor“

Auch wenn es sich bei den mutlosen Mädchen um eine kleine Gruppe handelt: „Diese Mädchen halten uns als Gesellschaft den Spiegel vor“, ist sich Schulte-Markwort sicher. Das Phänomen, auf das noch keine Diagnose passt und das eng mit dem gesellschaftlichen Wandeln verknüpft zu sein scheint, sollte nach Ansicht des Experten dazu anregen, darüber zu diskutieren, welche Werte uns wichtig sind.

Mutterschaft sollte in diesem Zusammenhang neu gedacht werden, die Rolle und Bedeutung mehr gewürdigt werden. Gleichzeitig müsste die Familienlast stärker aufgeteilt werden, so der Psychiater. Und besonders wichtig sei, die Botschaft der Mädchen zu verstehen: „Euer Leistungsanspruch gilt für uns nicht mehr!“

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