Erziehung, Populismus und der Rechtsruck Politik beginnt auf dem Wickeltisch

Eine Szene aus der Serie „After Life“ von und mit Komiker Ricky Gervais: Die Eltern haben den Sohn als Mini-Hitler verkleidet, nicht er sich selbst. Foto: NETFLIX/All rights reserved

Wie verhindere ich, dass das Kind später auf dumpfen Populismus einsteigt oder gar zum Nazi wird? Nur so viel: Gute Bildung allein schützt nicht.

Stuttgart - Es ist kein Geheimnis und auch keine neue Erkenntnis: Kinder werden nicht als Rassisten geboren. Im Gegenteil, bereits sehr früh wird Lebensqualität am Spaß bemessen: Man spielt miteinander, teilt bereitwillig und ist wahnsinnig neugierig. Natürlich hauen sich Kinder auch im Sandkasten gegenseitig die Plastikschaufel auf den Kopf oder streiten – das gehört dazu. Ausgrenzung aber, nur weil ein Kind anders ist, das gehört nicht zum Programm.

 

Irgendwas muss also passiert sein zwischen dem unbeschwerten Damals und dem Jetzt, in dem Ausgrenzung und Rassismus weltweit wieder salonfähig scheinen. Irgendwas muss passiert sein, wenn Menschen sich plötzlich magisch angezogen fühlen von Rechtspopulisten, Autoritären oder Autokraten, deren Politik vornehmlich auf Ausgrenzung und Feindbildern basiert.

Wie konnte es zum Rechtsruck kommen?

Wie es zum weltweiten Rechtsruck kommen konnte, fragte sich auch Herbert Renz-Polster, Kinderarzt, Wissenschaftler und Autor. Und natürlich: Wie verhindert man, dass Kinder anfällig für derartige Ideologien werden? Renz-Polster stößt in seinem Buch „Erziehung prägt Gesinnung“ (Kösel) auf Auffälligkeiten, die nichts mit äußeren Umständen wie gesellschaftlichem Status oder etwa formaler Bildung zu tun haben.

Die Theorie, dem Rechtspopulismus und seinen Auswüchsen durch Bildung beizukommen, sei längst überholt, sagt Renz-Polster. So lässt sich über die Gaulands und Höckes sehr viel sagen, doch gewiss nicht, dass sie dumm oder minderwertig gebildet wären. Auch Recep Tayyip Erdogan, Boris Johnson oder Donald Trump mögen in ihren bizarren Noten vieles sein, von mäßiger Bildung sind sie aber sicher nicht. Ebenso wenig sind deren Wähler allesamt Dumme, Abgehängte oder vernagelte Egoisten, die um ihre Privilegien fürchten.

„Politik beginnt auf dem Wickeltisch“

Derartige Politik oder dieses Weltbild zu goutieren, findet seinen Ursprung in der Kindheit, sagt Renz-Polster. „Politik beginnt auf dem Wickeltisch.“ Denn auch das ist ein Teil der Kindheit: Regeln und das Erkennen sozialer Grundmuster. Als Kind erfahre man zum ersten Mal, was es bedeutet, regiert zu werden, erklärte das der US-Linguist George Lakoff einst.

Für Herbert Renz-Polster wird die Kindheit von drei großen Themenbereichen bestimmt: Anerkennung, Sicherheit und Zugehörigkeit. Kinder wollen das Gefühl, okay, geschützt und aufgehoben zu sein. „Sie haben ein klares Verständnis von: Ich will mit dir leben, es mit dir gut haben“, weiß Renz-Polster. Babys kommen zudem mit einem unbegrenzten Maß an Vertrauen auf die Welt.

Autoritär oder bedürftnisorientiert?

Den Schlüssel sieht Renz-Polster in autoritären Erziehungsmodellen, die Kinder daran hindern, ein Grundvertrauen in sich selbst zu erlangen, eine eigene Stimme auszubilden. Wenn sich beispielsweise das Gefühl von Zugehörigkeit, Sicherheit und Anerkennung lediglich dann einstellt, wenn vorgegebene Regeln eingehalten werden. Ganz plump: Gehorsam als Grundbedingung für das gute Leben. Demgegenüber stehe das liberale Erziehungsmodell, bedürfnisorientiert – die Welt, in der ein Kind nicht zu „funktionieren“ hat und seine eigenen Fehler machen darf.

„Es geht um Beziehung versus Macht“, erklärt Renz-Polster. „Geht man auch mal Kompromisse ein, lässt sich aufeinander ein? Oder werden Probleme über Macht geregelt? Ich bin der Chef, du bist unterlegen, du isst jetzt den Teller leer und du schläfst jetzt, weil ich das sage!“ Von Kausalität redet Renz-Polster nicht, eher von einer Erklärung, nachdem viele Modelle nicht erklären konnten, welche Umstände rechtskonservative Wähler einen.

Die Flucht in die Sicherheit

„Wer mit dem Gefühl aufwächst, eh keine Stimme zu haben, und auch nicht die Freiheit bekommt, sie zu bilden, wird hörig. Auch im Politischen. Die Chancen sind hoch, dass man auch später seine Sicherheit in Ansagen und Hierarchien findet.“ Der Autoritarismusforscher Detlef Oesterreich nennt das: „Die Flucht in die Sicherheit.“

Betrachtet man beispielsweise eine Karte der Bundesstaaten in den USA, in denen Züchtigung als Grundbesteck der Erziehung gutgeheißen wird, deckt sich diese erstaunlich genau mit den Staaten, in denen Donald Trump seine Wähler abschöpfen konnte. Ähnlich bildet sich dies auch in Deutschland und anderen Ländern ab: Je autoritärer die Erziehung, desto mehr Zuspruch finden rigorose Systeme.

„Das politische Angebot, das von der rechten Seite gemacht wird, ist ein Ersatzangebot für das, was wir Menschen eigentlich in der Kindheit aufbauen“, sagt Renz-Polster. Es gehe um Sicherheit, Anerkennung und Zugehörigkeit.

Rebellion braucht Ressourcen

Natürlich ist auch die Rebellion gegen Autoritäten eine Reaktion auf straffe Regeln. Das jedoch mache sich an Ressourcen fest. „Die 68er wollten auch ein neues System, sie waren aber mit den Traumatisierungen der Kriegs- und Nachkriegszeit belastet – und sind dann doch wieder bei ‚Ersatzvätern‘ gelandet“, erklärt Renz-Polster. Man flüchtete sich gleich wieder in andere autoritäre Strukturen, weil man kaum andere Modelle kannte.

„Autoritarismus gibt’s in vielen Formen, genauso auf der linken Seite: Pol Pot, Mao Tse-tung, Lenin oder eben die K-Gruppen der 68er“, sagt Renz-Polster. Die Generation, die in den späten 70er, 80er Jahren rebellierte, beispielsweise durch Punk, konnte indes davon profitieren, dass bereits ein gewisser Grad der Befreiung eingetreten war.

Wie Prävention aussieht, darüber hat Renz-Polster eine klare Ansicht: Menschenbildung solle vermittelt werden. „Wenn Kinder in der Schule lernen, ich bin wertvoll und das nicht nur wegen der Noten, sondern weil wir hier wie Menschen miteinander umgehen. Das ist ein Signal, an dem Kinder wachsen und reifen können. Nicht, indem man Kinder in Konkurrenz zueinander schickt und ausliest.“

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Erziehung Familie Nazis