Erziehung Wo Kinder gerne im Haushalt helfen

Spülmaschine ausräumen? „Was am Anfang nicht perfekt läuft, wird als Investition in die Zukunft gesehen“, sagt die Psychologin Lucia Alcalá über ihre Studien, „nur so lernen Kinder.“Spülmaschine ausräumen? „Was am Anfang nicht perfekt läuft, wird als Investition in die Zukunft gesehen“, sagt die Psychologin Lucia Alcalá über ihre Studien, „nur so lernen Kinder.“ Foto: //Ramon Lopez

Wie erziehe ich mein Kind so, dass es früh selbstständig wird – und sogar gern im Haushalt hilft? Maya-Familien scheinen die Antwort auf diese Frage gefunden zu haben. Die Entwicklungspsychologin Lucia Alcalá hat untersucht, warum das so ist.

Noch heute leben auf der mexikanischen Halbinsel Yucatán Nachfahren der Maya. Rituale und alte Traditionen bestimmen bis heute das Leben dieses Volkes, das einst beeindruckende Tempelanlagen errichtete und als Hochkultur mit einer eigenen Schrift gilt. Forscherin Lucia Alcalá hat zeitweise bei den Maya gelebt. Sie wollte verstehen, warum die Kinder dort so viel im Haushalt helfen und wie sie von ihren Eltern motiviert werden.

 

Frau Alcalá, Kinder räumen ihr Zimmer auf, spülen Geschirr, helfen beim Kochen – freiwillig. Sie haben bei Maya-Familien genau das beobachtet. Wie haben die Eltern das geschafft?

Ich glaube, das Geheimnis der Maya-Eltern hat etwas mit ihrem kulturellen Verständnis von Kindern und Kindheit zu tun. In unserer westlichen Welt ist die Kindheit meist eine Zeit, in der die Kinder einfach nur spielen. Eine Art Wartezeit, bis sie erwachsen sind und einen echten Beitrag für die Gemeinschaft leisten können. Im Gegensatz dazu beziehen die Maya-Eltern in Yucatán die Kinder von klein auf in alle Aktivitäten der Familie und der Gemeinschaft mit ein. Die Mütter dort sind überzeugt, dass jedes Kind jede Arbeit machen kann, solange es sich dafür interessiert und bereit ist, anderen zu helfen. Kleinkinder finden normalerweise alles spannend, was ihre Eltern machen – sogar Hausarbeit. Sie wollen im Haushalt helfen, um sich als Teil der Gruppe zu fühlen.

In den meisten deutschen Familien reißen sich die Kinder nicht gerade um die Hausarbeit.

Das Interessante daran ist, dass alle Kleinkinder in allen Gemeinschaften daran interessiert sind zu helfen. Sie wollen lernen, dazuzugehören. Das ändert sich bei den meisten indigenen Kindern auch dann nicht, wenn sie älter werden. Aber irgendetwas passiert in der Art und Weise, wie wir Kinder in Mittelschicht- und Industriegesellschaften sozialisieren. Diese Kinder sind weniger bereit zu helfen und weigern sich oft, Dinge zu tun, wenn sie dafür keine Belohnung erhalten.

Lucia Alcalá ist außerordentliche Professorin für Psychologie an der California State University in Fullerton. Nach ihrer Promotion zwei Jahre lang in mehreren kleinen Maya-Gemeinden in Yucatán. Foto: Privat

Wie würden Sie die Beziehung zwischen den Maya-Eltern und ihren Kindern beschreiben?

Das Verhältnis ist sehr kooperativ. Alle Familienmitglieder arbeiten zusammen. Es gibt kaum Konflikte. Die Autonomie der Kinder wird sehr respektiert. Wenn sie nicht helfen wollen, werden sie auch nicht dazu gezwungen. Aber sie werden überall miteinbezogen. Die Mütter tragen ihre Kinder oft bei sich, während sie arbeiten. So können Säuglinge und Kleinkinder beobachten, was die Eltern tun. In den Mittelschichtfamilien der westlichen Länder arbeiten Eltern und Kinder mehr gegeneinander. Die Eltern versuchen, die Kinder zu kontrollieren oder sie zu etwas zu zwingen. Oft weigern sich die Kinder zu helfen, und die Eltern müssen sie wiederholt auffordern, etwas zu tun. Sie locken ihre Kinder mit Belohnungen, drohen mit Fernsehverbot oder dem Entzug von anderen Privilegien.

Dagegen kann man einwenden, dass westliche Eltern viel Zeit mit ihren Kindern verbringen. Sie spielen mit ihnen, organisieren ihre Hobbys.

Das ist sicher richtig. Aber die westliche Gesellschaft hat Aktivitäten geschaffen, die sehr kindzentriert sind. Eltern oder Lehrer überlegen sich, was die Kinder nach der Schule unternehmen sollen. Sie bieten beispielsweise Tanzkurse oder Kunstworkshops an, die nach Altersgruppen getrennt sind. Der Handlungsspielraum der Kinder ist eingeschränkt, weil die Erwachsenen vorgeben, was erlaubt ist. Oft haben sie kein Mitspracherecht bei der Auswahl der Aktivitäten. Die Erwachsenen fühlen sich für die Unterhaltung der Kinder verantwortlich. In Yucatán und bei anderen indigenen Gemeinschaften wie den Purépecha oder den Nahua im zentralen Teil Mexikos ist das anders.

Inwiefern?

Dort spielen die Kinder mit anderen Kindern. Erwachsene beteiligen sich in der Regel nicht als Spielkameraden. Sie machen ihre Arbeit, bei der die Kinder helfen können. Schon ein 18 Monate altes Kleinkind darf sich relativ frei bewegen. Die Sicherheit kann ein Problem sein. Aber die Maya-Gemeinschaften sind mit rund 500 Einwohnern recht klein. Die Kinder können sicher von ihrem Haus zum Laden an der Ecke gehen, da es meist keine Autos gibt und auch die Nachbarn auf die Kinder achtgeben.

Bei uns glauben viele Eltern eher, dass kleine Kinder bei der Arbeit stören. Sie sollen lieber spielen, während man in Ruhe den Haushalt erledigt.

In den USA haben wir dazu eine interessante Studie gemacht. Wir haben weiße Mütter der Mittelschicht und Mütter von mexikanischen Einwandererfamilien interviewt. Dabei haben wir unter anderem gefragt, ob ihre Kleinkinder beim Einkaufen helfen. Die weißen Mütter antworteten oft: „Oh, ich gehe einkaufen, wenn das Kind ein Nickerchen macht, sonst dauert alles länger.“ Die Mütter der Einwandererfamilien dagegen nahmen ihre Kinder meist mit. Sie beschrieben, wie die Kinder ihnen im Supermarkt zur Hand gingen. Sie halfen beispielsweise dabei, die Artikel auf der Einkaufsliste im Laden zu finden. Ältere Kinder verglichen Preise oder lasen die Produktbezeichnungen, da die Mütter mit Migrationshintergrund oft kein Englisch sprachen.

Vermutlich erledigt das Kind aber nicht von Anfang an alles perfekt und hinterlässt auch einiges an Chaos.

Durch die frühe Teilhabe an allem lernt das Kind, sein Verhalten und seine Emotionen zu regulieren. Für die Maya-Mütter sagt das Alter eines Kindes nichts über seine Fähigkeit aus. Sie achten viel mehr darauf, ob es interessiert ist und bereit zu helfen. Was am Anfang nicht perfekt läuft, wird als Investition in die Zukunft gesehen. Nur so lernen Kinder. Und sie leisten zum Teil einen großen Beitrag: Ein Zehnjähriger kann Tortillas für die ganze Familie machen. Ein anderes Kind kümmert sich um die Wäsche für sich und seine Geschwister oder geht einkaufen.

Erwarten die Kinder für ihre Mithilfe eine Belohnung?

Sie erwarten das nicht unbedingt, aber manchmal bekommen sie eine. Wenn sie zum Beispiel für die Mutter einkaufen gehen, bekommen sie ein bisschen Geld, um sich Süßigkeiten zu kaufen. Aber was ich wichtig finde: Ihre Hilfe hängt nicht von der Belohnung ab. Sie helfen nicht, um zum Beispiel ihr Taschengeld aufzubessern. Sie wollen etwas beitragen, weil sie sich als Teil der Gruppe verstehen. Maya-Eltern erzählen oft den Nachbarn, was ihre Kinder alles tun. Die Kinder hören das ebenfalls und sind dann natürlich stolz.

Helfen sie denn wirklich immer freiwillig im Haushalt mit?

Ich habe Maya-Kinder im Alter von acht und neun Jahren gefragt, was passiert, wenn sie ihren Eltern nicht helfen. Einige sagten, dass sie dann Ärger bekommen. Zum Beispiel dürfen sie dann nicht draußen spielen. Oder sie bekommen kein Geld, um sich Süßigkeiten zu kaufen, wenn sie darum bitten. Diese Fälle sind aber selten. Die Eltern würden ihre Kinder jedoch nie zu etwas zwingen. Maya-Mütter haben mir erzählt, dass das sonst zu Konflikten zwischen Mutter und Kind führen und die Beziehung zerstören kann. Sie sagten: „Wenn man Kinder zwingt, werden sie immer nur unter Zwang arbeiten und nicht freiwillig. So lernen sie nicht, unabhängig und selbstständig zu werden.“

Setzen die Eltern auch Grenzen?

In der Maya-Gemeinschaft würde niemand gegen den Willen eines Kindes handeln, aber man lässt es die Konsequenzen seines Tuns durchaus spüren.

Was ist damit gemeint?

Wenn es draußen kalt ist, das Kleinkind aber keinen Pullover anziehen will, wird das akzeptiert. Wenn das Kind dann friert, sagen die Eltern: „Na ja, du hast dich entschieden, keinen Pullover zu tragen.“ Das mag für manche sehr hart klingen. Aber es ist ein Weg für Kinder zu verstehen, dass ihre Entscheidungen Konsequenzen haben.

Bei allen Unterschieden zwischen einem mexikanischen Dorf und einer deutschen Stadt – was können Eltern hier von der Maya-Erziehung lernen?

Der Kontext ist sicherlich ein anderer. Maya-Eltern haben meist eine große Familie um sich, Großeltern, Onkel, Tanten leben in der Nähe, um nur ein Beispiel zu nennen. Was wir übernehmen können, ist die Sicht der Maya-Eltern auf ihre Kinder. Sie trauen ihnen viel zu und helfen ihnen, ihre Fähigkeiten zu entfalten. Ich glaube, in vielen westlichen Familien werden Kinder unterschätzt. Wir sehen ihre Rolle als begrenzt an und schränken damit auch ihre Möglichkeiten ein. Wenn eine Mutter glaubt, dass ein Zehnjähriger ihr nicht helfen kann, wird er es auch nie lernen. Wir sollten anfangen, Kinder als kompetente Familienmitglieder zu sehen.

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