Erziehung zu mehr Selbstbewusstsein von Töchtern Was Mädchen stark macht

Wie können Eltern ihre Töchter darin bestärken, selbstbewusst zu ihren Bedürfnissen zu stehen und den eigenen Weg zu finden? Expertin Annette Oschmann weiß Rat.

„Freuen Sie sich, wenn Ihnen Ihre Tochter ihre Grenzen aufzeigt“, rät Annette Oschmann allen Eltern, die wollen dass ihre Töchter starke und selbstbewusste Menschen werden. Warum das Vorbild der Mutter wichtig ist, erklärt die Coachin im Interview.

 

Frau Oschmann, Sie setzen sich dafür ein, dass Eltern ihre Mädchen stärken. Wieso müssen gerade Mädchen gestärkt werden?

In meinen Beratungen begegnen mir immer wieder Frauen, die unglaublich erschöpft sind, weil sie sich aufreiben, um alles kümmern und die Bedürfnisse der anderen immer vor die eigenen Bedürfnisse stellen. Dadurch verlieren sie sich selbst aus den Augen. Sich um sich selbst zu kümmern, ist bei vielen Frauen mit einem schlechten Gewissen verbunden. Um vorzubeugen, dass unsere Töchter in denselben Kreislauf geraten, müssen wir sie gezielt stärken, damit sie ihr Potenzial entwickeln können.

Das klingt, als hätte es viel mit den Rollenbildern unserer Gesellschaft zu tun.

Das sind gesellschaftliche Normen, die die meisten uns von verinnerlicht haben. Bilder wie das der aufopfernden Mutter sitzen tief in uns. Vielen Frauen fällt es deshalb schwer, Verantwortung abzugeben.

Annette Oschmann: „Sie sollten sich darüber freuen, wenn Ihre Tochter Grenzen aufzeigt!“ Foto: Sabine Maisenhälder

Was können Eltern machen, damit ihre Töchter nicht in dieselbe Falle tappen?

Wir müssen Mädchen eine Chance geben, sich zu entwickeln. Wenn ich möchte, dass meine Tochter eine selbstbewusste erwachsene Frau wird, muss ich ihr Selbstbewusstsein auch im Kindesalter ertragen.

Ertragen, wenn sie ihr eigenes Ding macht?

Sie sollten sich darüber freuen, wenn Ihre Tochter Grenzen aufzeigt! Dann ist sie auf dem richtigen Weg. Viele Frauen haben gelernt, dass sie besser nicht anecken und versuchen, allen zu gefallen. Aber dann fallen eigene Träume und Wünsche hinten runter. Frei ist, wer missfallen kann: Genau das sollten Eltern ihren Töchtern beibringen.

Wie können Eltern ihren Mädchen helfen zu erkennen: Was will ich eigentlich?

Indem wir Mädchen ihre Stärken selbst erkennen und entwickeln lassen und ihnen nicht vorgeben, welche Stärken sie haben sollten. Eltern sollten ihren Kindern die Möglichkeit lassen, selbst zu entdecken, was ihnen Spaß bringt und worin sie gut sind. Deshalb sollten wir immer wieder ihre Stärken in den Fokus rücken.

Also loben statt kritisieren?

Dauerlob ist ebenso schlecht wie der ständige Fehlersuch-Blick. Hier gilt es, die goldene Mitte zu suchen und die Einstellung zu entwickeln: Ich bin neugierig auf mein Kind. Völlig ergebnisoffen. In dem Wunsch, dass aus dem Kind „etwas werden“ muss, spiegeln sich Abstiegsängste vieler Eltern wider. Sie versuchen, für ihre Kinder das Optimale herauszuholen und beeinflussen sie beispielsweise bei der Studienplatzsuche. Worin sich Eltern viel mehr üben sollten, ist die bedingungslose Akzeptanz: Meine Tochter ist so, wie sie ist.

Eine neue Frisur ist allerdings deutlich leichter zu verkraften, als wenn die Tochter anfängt zu experimentieren.

Klar ist: Eltern sollten bei selbstschädigendem Verhalten eingreifen. Oder bei Lernschwierigkeiten oder Lispeln. Aber wenn die Tochter mit grünen Haaren nach Hause kommt, sollte man sich nicht reflexhaft aufregen. Viel besser ist es, diese Veränderung zu akzeptieren und mit dem Kind ins Gespräch zu gehen. Abgesehen davon: Viele Modedinge sind Phasen, die vergehen auch wieder. Wenn man sich das vor Augen hält, kann man damit viel gelassener umgehen.

Worin müssen Mädchen gezielt gestärkt werden?

Auf jeden Fall in ihrer Resilienz, aber auch in ihrem Selbstbewusstsein, in der Selbstliebe und Selbstfürsorge. Es geht darum, Mädchen zu befähigen, zu sich zu stehen. Ihre Durchsetzungsfähigkeit muss gestärkt werden. Zu formulieren, was sie wollen, ist für viele Frauen schwierig, typisches Beispiel: Gehaltsverhandlungen.

Frauen neigen dazu, relativierende Wörter wie „eigentlich“ zu benutzen.

Genau das sollten Frauen sich und ihren Töchtern abgewöhnen! Sie eröffnen dem Gegenüber die Möglichkeit einzuhaken. Da sollten Mütter als gutes Vorbild vorangehen. Kinder lernen durchs Vorbildsein: Wie kann die Mutter für ihre Meinung einstehen? Deshalb ist es so wichtig, den Kindern vorzuleben, was einem selbst wichtig ist.

Aber wie soll man Vorbild sein, wenn man selbst gewisse Dinge nicht gelernt hat, zum Beispiel Grenzen zu zu zeigen?

Das ist ein Lernprozess. Mütter müssen erkennen, dass viele ihrer Verhaltensweisen Muster sind, die andere auch haben und die man in der frühen Kindheit erlernt hat. Es geht darum, sich mit sich selbst zu beschäftigen, um diese Muster zu erkennen. So kann man den Töchtern zeigen, wie man sich um die eigenen Bedürfnisse kümmert.

Wieso ist Grenzen zu setzen so wichtig?

Nur wenn ich Grenzen ziehe, kann ich das schützen, was ich mir wünsche. Wer keine Grenzen zieht, beachtet seine eigenen Bedürfnisse nicht.

Womit wir wieder bei den aufopfernden, erschöpften Müttern wären.

Wichtig ist, dass Frauen sich klar machen, dass sie die Grenzen ziehen, damit ihre Lebensenergie ausreicht. Menschen, die das können, haben wiederum mehr Energie und können auch mehr geben. Davon profitiert auch die Familie.


Grenzen zu ziehen, heißt ja, auch unbequem sein, das ist gar nicht so einfach.

Natürlich gilt es auch beim Grenzenziehen, das richtige Maß zu finden. Hierbei hilft es, wenn wir uns Prioritäten setzen. Was ist uns wichtig und nicht verhandelbar? Was ist verhandelbar? Für sich einstehen heißt nicht, dass man immer zu allem nein sagen muss. Viel wichtiger ist es, bei den wirklich wichtigen Dingen standhaft zu bleiben. Und ja nicht in die Falle zu tappen, dass man sich ständig fragt, wie man bei den anderen ankommt.

Ein großes Thema bei Mädchen ist dennoch das eigene Aussehen.

Das Aussehen ist für viele Frauen und Mädchen immer noch eine wichtige Priorität, durch Social Media weiter befeuert. Hier vermitteln Mütter am meisten durchs Vorbild, indem sie zu ihrem Äußeren stehen und das ihren Töchtern selbstbewusst vorleben. Wichtig ist es, das Aussehen nicht in den Mittelpunkt zu stellen und immer wieder den Fokus auf die inneren Werte zu legen.

Also Mädchen gar nicht mehr fürs Äußere loben?

Man darf Mädchen für ihr Äußeres loben, das zu vermeiden, wäre weltfremd. Aber es ist hilfreich fürs Selbstbewusstsein und die Selbstakzeptanz, wenn die Komplimente Mädchen nicht in die kleinmachende Ecke schieben, also in das Süße, Angepasste. Besser ist es, das Eigenständige zu loben.

Also nicht: „Du siehst so süß in dem Kleid aus“, sondern lieber: „Cool, wie du das Blümchenkleid mit bunten Leggings kombinierst.“

Genau, mit Begriffen arbeiten, die nicht in das Süße gehen. Der Begriff süß impliziert, dass Mädchen lieb, nett, süß sein und allen gefallen sollten. Einen coolen Style als cool zu bewerten, das stärkt und macht Mädchen Mut, ihren eigenen Stil zu entwickeln und eben nicht allen gefallen zu müssen.

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