Das Draufsicht Festival wächst und mausert sich, zieht hunderte Fans auf die Karlshöhe, hat jetzt sogar eine zweite Bühne - bleibt aber doch hübsch übersichtlich.
So verrückt muss man erst einmal sein, ausgerechnet hier ein Openair-Festival hochzuziehen! Der Gedanke springt einen auch bei der dritten Auflage wieder an. Schon beim Anblick der Bühne, deren Unterbau da rechterhand an den Abhang des Blaustrümpflerweges geschraubt ist. Beim Blick auf den Hang aufwärts aber, da muss beim Team Tomorrow die Vorstellungskraft gezündet haben, dass sich aus diesem grünen Segment eine Arena-Fläche machen lässt, wie Stuttgart keine zweite hat.
Und von deren Beschallung die Leute bis hoch in die oberste Ebene des Biergartens profitieren können. Schließlich ist der Hang, an dem sich gut lagern lässt, buckelig genug, dass auch die Picknickdecken zwischendrin stabil bleiben. Die Mauer am Saum, der Rand des Querwegs oben, ein Mäuerchen da, ein paar Treppenstufen dort, lauter Sitzgelegenheiten in einem von Reben gesäumten und von alten Bäumen beschirmten Fleckchen Erde. Idylle pur fast mitten in der Großstadt – und ganz am Anfang von ganz oben, beim Blick auf das Wimmelbild der Stadt da unten, die geniale Idee, dem Ding hier den perfekten Namen zu geben: Draufsicht-Festival.
Auch die Oma macht einen Abstecher
Mehr Atmosphäre für eine „Naturbühne“ am Kesselrand geht nicht. Das Tolle dran: In dieser XXL-Kulisse mit der einmaligen Mixtur aus Natur und Urbanität atmet der ganze Event diese Atmosphäre aus Weite, Lockerheit und Lässigkeit. Küsschen, Umarmungen, Hallos allerorten, Paare, Grüppchen, Solis, Freunde und Freundinnen feiern die Gelegenheit, hier zusammenzukommen. Wie das „Mädels-Trio“, das den „chilligen Nachmittag“ genießt und jubiliert: „Unsere Stadt hat ein weiteres tolles Festival!“ Für junge Leute vor allem, manche aber kommen auch mit Kind und Kegel. Kathi etwa: „Es ist so schön! Nicht so überlaufen, nicht so laut wie anderswo. Man kann die Kinder springen lassen. Eine tolle alternative Sache guttut.“ Sogar Oma Anne macht einen Abstecher, freut sich, dass ihr Enkel zu den jungen Leuten gehört, „die so etwas auf die Beine stellen“.
Und das Programm dieses Umsonst und Draußen-Festivals profitiert sehr davon, dass das Team Tomorrow e.V. sich nun mit dem Kreativ-Pool des Trabantenkollektivs zusammengetan hat. Das zeitigt zwei weitere Spielflächen auf den Nebenplateaus. Eine Kreativwerkstatt unter der Laube links, wo Kollektiv-Mitglied Anna sich über die zwei Dutzend Leute freut, die hochkonzentriert an Collagen arbeiten. „Chaos mit Konzept“ ist da schon durch, auch der Breakdance-Workshop. Und rechts, mit Draufblick auf S-West, am Pallas-Athene-Brunnen, die kleine Bühne mit alle den Tanzenden davor für DJ-, Songwriter- und Techno-Auftritte. Und plötzlich diese Oase aufmerksamer Ruhe, wenn „Der Kleine Prinz“ im großen Kreis laut vorgelesen wird.
Das Fazit: „Besser geht es nicht“
Bereicherung, die auch für Bewegung sorgt, bevor es wieder ins Zentrum, wo auch am zweiten Tag sechs Acts in je eigener Manier für zündende Abwechslung sorgen. „Sex im Dunkeln“ etwa, die Studis-Combo, die ihren „Progressiv Post-Punk“ mit Verve hinfetzt. Und was für eine wilde Show liefert dann DJ Scusi ab! Der Mann rockt den Hügel und sorgt für heißen Pogo vor der Bühne. Der Mann gibt alles und gönnt sich schließlich mit der Lady im rückenfreien Bustier die mindestens zweitlängste Umarmung des Tages. Da stockt manchen mal kurz der Atem, bevor nochmals heller Jubel ausbricht.
Hochstimmung also schon vor dem finalen Act mit „Tabula Rasa b2b“, für den sich das Areal weiter füllt. Da bringt Erika vom Orga-Team die beiden Draufsicht-Tage schon mal auf den Punkt: „Super gelaufen, keine Probleme. Die Leute haben getanzt und Spaß gehabt. Besser geht es nicht.“