Essay Bin ich schön?

Makellose Haut gilt als wichtiges Attraktivitätsmerkmal. Foto: dpa
Makellose Haut gilt als wichtiges Attraktivitätsmerkmal. Foto: dpa

Aussehen und Lebensglück hängen unmittelbar zusammen. Das jedenfalls behaupten Attraktivitätsforscher. Doch hinter dem Wunsch nach ewig jugendlicher Schönheit steckt noch mehr, wie Simone Höhn beobachtet hat.  

Leben: Simone Höhn (sdr)
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Stuttgart - Margarete Mitscherlich, die im Juni verstorbene Psychoanalytikerin, brachte es auf den Punkt: „Jeder von uns könnte doch wissen, dass wir ein zufälliges Stück Natur sind, das irgendwann endet. Stattdessen nehmen wir es wichtig, wenn wir eine Falte bekommen, und versuchen mit allen Mitteln, sie zu verstecken. Die Menschen sind unglaublich lächerlich – inklusive man selber.“ Und die Menschen, um im Tenor von Mitscherlich zu bleiben, scheinen immer lächerlicher zu werden.

Der Schönheitsmarkt boomt, der Gang zum plastisch-ästhetischen Chirurgen ist längst kein Tabu mehr. Die Schönheitsindustrie erwirtschaftet laut Ulrich Renz, dem Autor des Buchs „Schönheit – eine Wissenschaft für sich“, weltweit schätzungsweise 180 Milliarden Dollar Jahresumsatz. Ihre Wachstumsrate übertrifft somit die der übrigen Wirtschaftszweige um das Doppelte. Der schreibende Arm der Schönheitsindustrie, die Beauty-&-Lifestyle-Presse, die all die Produkte erst unters Volk bringt, besteht laut Renz’ Recherchen allein in Deutschland aus knapp hundert Titeln mit einer jährlichen Gesamtauflage von 150 Millionen. Eine Forsa-Umfrage belegt: jeder sechste Deutsche kann sich vorstellen, sich für kosmetische Veränderungen unters Messer zu legen.

Nicht nur Stars und Sternchen lassen sich „was machen“

Nicht mehr nur die Schönen und Reichen gönnen sich ein optisches „Tuning“, sondern auch Menschen, deren Status nicht vom Aussehen abhängt. „Unter meinen Patienten sind die wenigsten Stars und Sternchen“, sagt Annette Kotzur, Fachärztin für plastisch-ästhetische Chirurgie an der Sophienklinik in Stuttgart. „Zu mir kommen Menschen aus sämtlichen gesellschaftlichen Schichten.“ Kotzur hat sich 2003 niedergelassen, davor arbeitete sie im Marienhospital in Stuttgart. „Die Zahl der sogenannten Schönheitschirurgen hat in den vergangenen dreißig Jahren extrem zugenommen“, beobachtet sie.

Nach dem Heilkundegesetz darf jeder approbierte Arzt das Skalpell, die Spritze oder die Saugkanüle ansetzen. „Schönheitschirurg“ darf sich demnach jeder Arzt, egal welcher◘Fachrichtung, nennen.◘Spezialisierte Ärzte für ästhetische Eingriffe tragen dagegen die Bezeichnung◘„Facharzt für plastische und ästhetische Chirurgie“, denn sie haben – wie Annette Kotzur – eine sechsjährige Zusatzausbildung absolviert.

Dazu gehört die operative Versorgung von Verbrennungsopfern genauso wie die von Patienten mit Fehlbildungen. Auch Begriffe wie zum Beispiel „kosmetische Chirurgie“ sind nicht reglementiert. „Das ist ein Problem, mit dem ich hin und wieder konfrontiert werde“, sagt Kotzur. Nämlich dann, wenn Patienten zu ihr kommen, die ihre Knubbel und Verklumpungen loswerden wollen. „Es kommt leider vor, dass mit unerlaubten Stoffen wie flüssigem Silikon oder winzigen Plastikkügelchen gearbeitet wird.“




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