Essay über das schlechte Gewissen Der Feind auf meinem Sofa

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Das schlechte Gewissen ist die kleine Schwester der Schuld. Es kann an unserem Selbstbild nagen. Haben wir nicht bewusst, gerecht und nachhaltig gehandelt, setzt es sich zu uns – und setzt uns zu. Manchmal ist das auch gut so.

Das schlechte Gewissen nimmt neben uns Platz – die Absolution können nur wir selbst uns erteilen. Foto: ryanking999/AdobeStock Montage: Schlösser 6 Bilder
Das schlechte Gewissen nimmt neben uns Platz – die Absolution können nur wir selbst uns erteilen. Foto: ryanking999/AdobeStock Montage: Schlösser

Stuttgart - Wie anfangen? Vielleicht gleich mit einem Geständnis. Nicht einem von großer Schuld, aber doch immerhin mit dem Bekenntnis, ein schlechtes Gewissen zu haben. Denn eigentlich hätte dieser Text schon viel früher geschrieben sein sollen. Dass dies nicht geschehen ist, führt mitten ins Thema. Es geht um ein Gefühl, das natürlich rein subjektiver Natur ist. Doch bei der Mehrzahl der Menschen ist es immer präsent. Es ist die Grundmelodie ihres Lebens, die sie, wohl in ganz unterschiedlicher Lautstärke, so doch stets hören. Die Rede ist vom schlechten Gewissen: Von ihm kann jeder Zeitgenosse seine eigene Geschichte erzählen. Und dennoch gleichen diese Geschichten einander auf wundersame Weise.

Als Kind ist die Welt noch in Ordnung und unbelastet. Das ändert sich dramatisch im Laufe des Erwachsenwerdens. Für manche mündete das im „Drama einer Generation“, wie die Berliner Psychologin und Therapeutin Alexandra Rohe glaubt: Sie spricht von der Babyboomer-Generation, den in 1960er-Jahren Geborenen. Die heute Um-die-50-Jährigen können ein Lied von diesem Gefühl des Unbehagens und Ungenügens mit dem eigenen Tun singen. Erst haben vor allem deren Vertreterinnen sich selbst vorgeworfen, Rabenmütter zu sein, weil sie Elternschaft und Berufstätigkeit zugleich lebten – wie noch wenige Generationen vor ihnen. Nun haben sie und ihre Brüder und Ehemänner ein schlechtes Gewissen, sich nicht genügend um die alten Eltern zu kümmern. Sie leben das Dilemma der Sandwichgeneration.

Natürlich möchte man bei den Guten sein

Der Psychologe Oskar Holzberg hat das kollektive Empfinden in ein anschauliches Bild gepackt. Das schlechte Gewissen sei wie die Stadt New York, sagt er. Es schlafe nie. Das schlechte Gewissen teilt die Welt für den, der von ihm geplagt wird, in Gut und Böse. In das, was man tut, und das, was man zu lassen hat. Und natürlich möchte man bei den Guten sein und möglichst auch noch bei denen, die alles erledigen, was sie sich auf der eigenen inneren, überlangen To-do-Liste notiert haben.

Aber was nagt da eigentlich beständig an unserem Selbstbild? Das schlechte Gewissen ist die kleine wuselige Schwester der großen bleiernen Schuld. Letztere ist die weltliche Verwandte der religiösen Sünde. Schuld und Sünde können vergeben oder juristisch abgetragen werden. Zumindest ist so die allgemeine Meinung. Man kann Buße tun, zur Beichte gehen oder eine Strafe akzeptieren. Das schlechte Gewissen steht nicht im großen historischen Schuldkontext, es resultiert auch nicht etwa aus der deutschen Geschichte. Es ist viel banaler. Es regt sich bei der Mülltrennung, wenn man die dreckige Ketchupflasche zum Restmüll gibt, nicht ausspült statt sie in den Glascontainer zu werfen – bitte richtige Glastönung beachten! Es meldet sich am späten Abend nach dem Essen am Kühlschrank zu Wort und bezweifelt, dass der Mitternachts-Snack wirklich sein muss. Es fragt beim Schokoladencreme-Kauf, ob wir uns nicht geschworen hatten, nur palmölfreie Produkte zu konsumieren. Beim Erwerb von Dielen für die Terrasse stellt es die Frage, ob das Holz auch wirklich von einer zertifizierten Plantage stammt. Es schaut uns, wenn wir von der Arbeit heimkommen, durch die Augen von Hund und Katze an und fragt: Hast du mich nicht ein paar Stunden zu lange allein gelassen? Und wenn wir mit dem Auto die kurze Strecke zum Bäcker fahren, brüllt es uns laut ins Ohr: Muss das denn sein?