Essay über Disruption Im Rausch der Geschwindigkeit

Von Eva Wolfangel 

Leben wir wirklich in einer Zeit, in der Technologien sich schneller entwickeln als je zuvor? Forscher bezweifeln das. Die Beschleunigung ist lediglich eine gefühlte – aber hinter dem Gefühl verbirgt sich ein ernstes Problem.

Die große Geschwindigkeit ist oft nur gefühlt – und nicht real. Foto: Melpomene/ Adobe Stock
Die große Geschwindigkeit ist oft nur gefühlt – und nicht real. Foto: Melpomene/ Adobe Stock

Stuttgart - „Es geht ja alles so schnell“ hört man allerorten, ganz schnell ist man vom Fenster weg. Schau nur, wie es Kodak ergangen ist. Der Umbruch zur digitalen Fotografie hat den Filmhersteller komplett aus dem Markt gedrängt. Schau nur, wie Apples iPhone die Wertschöpfung verändert hat. Das Wort Disruption – das die Verdrängung bestehender Technologien, Produkte oder Dienstleistungen durch neue Innovationen beschreibt – wurde 2011 noch fünf Mal in deutschen Medien erwähnt, 2015 bereits 205 mal, hat das Medienforschungsinstitut Prime Research im Auftrag der FAZ herausgefunden. „Kann Disruption auch in großen Unternehmen gelingen?“, fragt das Handelsblatt, und Herausgeber Gabor Steingart stellt auf einer Diskussionsveranstaltung klar: „Die Gegenwart wird nicht bleiben, sie wird untergehen.“ Der Spiegel widmete dem Thema „was der rasante digitale Fortschritt dem Menschen abverlangt“ eine ganze Titelgeschichte. Diese Revolution, so die Botschaft, kann das Leben umkrempeln und Unternehmen hinwegfegen.

Doch stimmt die Behauptung überhaupt? Bei Vorträgen zum Thema Disruption fallen zwei Umstände seltsamerweise kaum jemandem auf. Erstens: wie alt die Beispiele sind. Die digitale Fotografie wurde 2003 zum Massenphänomen, das erste iPhone kam 2007 auf den Markt. Wenn sich alles so furchtbar beschleunigt, sollte es dann nicht Beispiele geben, die weniger als zehn Jahre alt sind? Zweitens: dass der Umsturz selten über Nacht kam. Schon 1992 stellten alle namhaften Hersteller Digitalkameras auf der Photokina vor. Amazon gibt es seit 1994, aber erst weit über ein Jahrzehnt später entwickelte es sich zur wirklichen Bedrohung für den Einzelhandel. Google existiert seit 1997, macht seit 2001 Gewinn mit Werbung – und seitdem wissen Verlage, dass wichtige Teile ihres Geschäftsmodells angegriffen werden. Trotzdem gibt es diese Verlage auch im Jahr 2017 noch. Zweifel sind daher angebracht, ob wir wirklich in einer Zeit rasanter technologischer Entwicklungen leben. Belege für die These sind jedenfalls kaum zu finden.

Der Computer brauchte 17 Jahre, um sich zu verbreiten

Beginnen wir mit der Wirtschaft. Wie lange dauert es, bis sich Innovationen durchsetzen? Ökonomen dient die Zeit als Maßstab, die es braucht, bis 50 Prozent aller Haushalte mit einer neuen Technologie ausgestattet sind: so können sie unterschiedliche Technologien und deren Tempo miteinander vergleichen. Wenn wir wirklich in der schnellsten Zeit leben, müssten sich die aktuellen Innovationen schneller durchsetzen als die in früheren Zeiten. Aber: Fehlanzeige, wie David Moschella zeigt. Der wissenschaftliche Leiter des „Leading Edge Forum“, einem IT-Forschungs- und Beratungsunternehmen, hat diese Zahlen für die USA erhoben. „Sowohl das Radio, als auch der Fernseher erreichten diese 50-Prozent-Grenze schneller als der Computer oder das Mobiltelefon“, so Moschella. 1939 wurde der Fernseher erstmals verkauft, schon neun Jahre später war er in jedem zweiten US-Haushalt zu finden. Das Radio verbreitete sich gar in acht Jahren (1922 bis 1930). Das Mobiltelefon hingegen brauchte 15 Jahre (1980 bis 1995), der Computer gar 17 Jahre (1976 bis 1993).

Für Deutschland ist es zwar schwieriger, vergleichbare Zahlen zu finden. Aber jene, die es gibt, legen einen vergleichbaren Schluss nahe: Das Statistische Bundesamt führt seit 1962 eine Einkommens- und Verbrauchsstichprobe, in der auch die Ausstattung deutscher Haushalte mit Unterhaltungselektronik verzeichnet ist. Sie wird etwa alle fünf Jahre aktualisiert. Demnach gab es 1963 in 34 Prozent der Haushalte einen Fernseher, 1969 schon 73 Prozent. Und erst 1998 hatten 39 Prozent der Haushalte einen Personalcomputer. 2008 waren es dann 75 Prozent. Während der Fernseher den Sprung von rund einem Drittel aller Haushalte auf rund drei Viertel in sechs Jahren vollzog, dauerte das beim Computer mehr als zehn Jahre. So gesehen hat sich die Geschwindigkeit, in der Technologie sich verbreitet, sogar verringert.

Lässt sich die angebliche so schnelle Entwicklung wenigstens an vermehrten Pleiten oder Übernahmen von Unternehmen messen? Beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung DIW stößt diese Frage auf Verwunderung. Sowohl Gründungsraten als auch Insolvenzen von Unternehmen seien tendenziell rückläufig. „Alle Indikatoren zum Strukturwandel weisen auf eine normale Situation hin“, sagt Wirtschaftsprofessor Martin Gornig.