Essay übers Ausmisten Dinge haben einen Mitteilungsdrang

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Alles hat seine Zeit – auch beim Ausmisten. Menschen entrümpeln ihre Wohnung und damit auch ihr Leben vor allem in Umbruchsituationen. Ein Umzug ist dabei noch die harmloseste Variante. Meistens geschieht es nach dem Tod eines nahen Angehörigen. Viele aus der Babyboomergeneration stehen in diesen Jahren nach dem Tod der Eltern vor vollen Kellern, Kleider- und Geschirrschränken – und ihren Kindheitserinnerungen. Das zeigt, wie komplex das Problem des Wegwerfens oder Bewahrens eigentlich ist. Und immer drängt dabei die Zeit, weil das Haus oder die Wohnung schnell leer sein soll. 10 000 Gegenstände soll jeder Bundesbürger im Durchschnitt besitzen. Es weg werfen zu wollen, bedeutet immer auch, in Vergangenes abzutauchen, sich damit auseinander setzen zu müssen. 10000 Mal. „Ich bin eher der Wegwerftyp“, sagt eine Freundin. Warum? Damit da Platz ist für Neues, sagt sie, ohne Nachdenken zu müssen. Die Glückliche.

Die amerikanische Schriftstellerin Joan Didion beschreibt in ihrem eindrucksvollen Buch „Das Jahr magischen Denkens“ den Abschied von ihrem plötzlich verstorbenen Mann. Bis auf ein markantes Sweatshirt und ein T-Shirt gibt sie ein knappes Vierteljahr nach seinem Tod mit langsam wachsendem Mut seine Kleidung an kirchliche Einrichtungen. Im letzten Durchgang stößt sie auf ein Paar Schuhe: „Ich konnte seine restlichen Schuhe nicht weggeben. Ich stand dort eine Weile, bevor ich begriff, warum: Er würde seine Schuhe brauchen, wenn er zurückkam.“ Didion erkennt das Irreale dieses Gedankens, verweigert sich der Botschaft der Schuhe jedoch nicht – und beendet die Entrümpelungsaktion. Dinge haben ein mitleidsloses Vermögen, auszuharren. Sie haben Mitteilungsdrang, Rhythmus und Melodie. Manchmal jedenfalls und auch nur für manche.

Unser Verhältnis zu den Dingen ist ambivalent

Es gibt Menschen, die schreiben in jedes Buch, das sie sich ins Regal stellen, wann sie es gekauft haben oder wer es ihnen geschenkt hat. Ihr Bücherregal zeichnet die Lesebiografie ihres Lebens, von der sie sich nicht trennen können. Ist das schrullig? Man muss nicht zwangsläufig Messie sein, um zu wissen, dass es schwer ist, sich von Dingen zu trennen. Die Gegenstände, die uns umgeben, weil wir sie uns einmal in unser Leben geholt haben, sind nicht einfach nur in Form gebrachte Materie. Es geht hier weder um unter der Küchenbank gehortete Pfandflaschen, für die nur der Fernsehfinanzberater Peter Zwegat eine einleuchtende Verwendung hat. Noch geht es um die Zeitungsstapel der letzten zwei Jahre, deren Inhalte man irgendwann lesen wollte. Um Flaschen und Druckwerk aus unserem Leben zu entfernen, braucht es nur wenig Energie. Kündigt man jedoch öffentlich in einem der sozialen Netzwerke an, nun seine Bücher sukzessive zu entsorgen, hagelt es Ermahnungen, das doch bitte sein zu lassen. Aber sie aufnehmen und ihnen ein bisschen Platz im eigenen Regal zu gewähren, mag dann doch niemand. Es ist ein Kreuz mit den Dingen, unser Verhältnis zu ihnen ist sehr ambivalent.

„Ich werfe gerade ganz viel weg“, sagt Jule (40). Sie hat sich frisch getrennt. Aufräumen heißt für sie, wieder Klarheit in ihr Leben zu bringen. „Leere tut gut“, sagt sie. Ihr Leben sei so schön übersichtlich geworden, sie fühle sich freier. Der Säuberungsaktion zum Opfer gefallen sind alte Weihnachtskarten, Briefe und auch der Ordner mit der Verfassungsbeschwerde, die sie einmal eingereicht hat, ebenso wie die Klamotten, die nur noch im Schrank hingen. Auch defekte Möbel wandern in den Sperrmüll. Bücher kommen weg, aber nicht in die Tonne, sondern auf den Flohmarkt. Tempi passati. „Diese Dingen sprechen nicht mehr. Sie sind stumm“, sagt Jule.

Andere erzählen weiter ihre Geschichten, erinnern an Menschen. Der kleine Spielzeughund etwa, den Jule als Kind hinter sich her gezogen hat. „Den werfe ich natürlich nicht weg. Auch wenn den im Moment niemand benutzt. An dem hängt Kindheit. Der spricht.“ Das tut eigentlich auch das Plakat, das an ein über 20 Jahre zurückliegendes Marla-Glen-Konzert in Tübingen erinnert. Aber genauso lang hing es eben auch an keiner Wand. Mehrere Tage liegt es in der Altpapiertonne. Immer mal wieder ist Jule kurz davor, es zurückzuholen in ihr Leben. „Als die Müllabfuhr dann endlich da war, war das ein gutes Gefühl.“ Abschiednehmen ist nicht immer so leicht, wie man sich das wünscht. Jule erzählt nachdenklich von Freunden, die vorschnell und unüberlegt auch den Füller des Vaters entsorgt hatten. Als sie ihn vermissten, mussten sie ihn teuer vom Entrümpler zurückkaufen. Das ist wohl das Prinzip von Flohmärkten. Sie sind Jahrmärkte verlorenen Lebenserinnerungen.