Wider den Glücksterror Ein Hoch auf die Melancholie
Alle suchen das Glück – wesentlich leichter zu finden ist das Unglück. Kein Grund, gleich zu verzweifeln. Positiv zu denken mag sympathisch sein, doch manchmal hilft das Gegenteil.
Alle suchen das Glück – wesentlich leichter zu finden ist das Unglück. Kein Grund, gleich zu verzweifeln. Positiv zu denken mag sympathisch sein, doch manchmal hilft das Gegenteil.
Keine guten Zeiten, sich den Kopf über Glück zu zerbrechen. Sieht man der Wahrheit ins Auge, könnte man erstarren, als hätte man in das Antlitz der Medusa geblickt. Vielleicht kleistern sich gerade deshalb so viele Leute überall fest: Verklebung statt Versteinerung vor Schreck angesichts der düsteren Aussichten von Krieg, Klimawandel und grausamen fossilen Männern, deren Schlägertrupps die Zukunft ganzer Nationen und Länder niederknüppeln.
Je höher sich die Glücksratgeber von Alltagsphilosophen und Zufriedenheitstrainern auf den Schreibtischen stapeln, desto unausweichlicher scheint der Lauf der Dinge Sigmund Freuds unbehagliche Einsicht zu bestätigen: Die Absicht, dass der Mensch glücklich sei, ist im Plan der Schöpfung nicht enthalten.
Trotzdem gehört zur Ideologie ewigen Wachstums auch die der steten Mehrung unseres Wohlbefindens. Und wie so oft ziehen noch so gut gemeinte Ideologien eine Schneise der Verwüstung hinter sich her. In diesem Fall nicht nur durch die klimatisch erschöpfte Welt, sondern auch durch unser Gemüt.
Wir sind von Glücksimperativen umstellt, deren Befolgung soziale Netzwerke streng kontrollieren. Vermutlich würde allein die Löschung der ein gelungenes Leben zertifizierenden Selfie-Galerien die Einhaltung eines 1,5-Grad-Ziels in greifbare Nähe rücken.
Halten wir also einmal inne, stützen unseren Kopf auf die geballte Faust und denken nach. Na, und wie sehen wir dabei aus? Vielleicht ein wenig wie der flügellahme Engel auf jener Ikone der Schwermut, Dürers Kupferstich „Melencolia I“ aus dem Jahr 1514? Oder wie Walther von der Vogelweide, der „saz uf eime steine“ und verzweifelte an, von heute aus betrachtet, eher harmlosen Dingen: dass weltliche Güter und Ehre mit Gottes Gnade nicht unter einen Hut zu bringen sind – so sehr man auch den Ellenbogen auf die Beine setzt und dabei Kinn und Wange in die Hand schmiegt. Oder gleichen wir gar dem Denker des Bildhauers Auguste Rodin, der in ebendieser Pose sein Modell, einen Halbwelthelden und Berufsboxer, zur Galionsfigur der Nachdenklichkeit verklärt hat?
Kein Zweifel: Länger als die wild entschlossenen Matadoren positiven Denkens mit ihrer Maxime, sich auch dann noch gut zu fühlen, wenn nichts im Leben dafürspricht, hat sich der Grübler einen Reim auf die Ungereimtheiten des Weltlaufs zu machen versucht.
Vergeblich, natürlich. Die antike Humoralpathologie, nach der die Verteilung der Säfte im Körper das menschliche Temperament bestimmt, hat den Melancholiker gegenüber seinen cholerischen oder phlegmatischen Artgenossen geadelt. Im elisabethanischen Theater des 16. Jahrhunderts war sein Leiden derart en vogue, dass sich der englische Bühnenautor Ben Jonson in einer seiner Komödien darüber mokierte. „Habt ihr einen Stuhl, auf dem ich trübsinnig sein kann?“, fragt einer der zeitgemäßen Schwermutjunkies jedes Mal, wenn er einen neuen Raum betritt.
Melancholie ist mehr als bloße Traurigkeit. Ihr wurde eine besondere Geistestiefe zugesprochen. „Warum sind alle großen Philosophen, Staatsmänner, Dichter oder Künstler melancholisch?“, will bereits im 2. Jahrhundert vor Christus ein Pseudo-Aristoteles wissen.
Die italienischen Neuplatoniker speisen die Lehre von der schwarzen Galle, die dem Melancholiker das Gemüt verdunkelt, seinem Verstand jedoch Flügel verleiht, in den Kreislauf des Renaissancemenschen ein. Auch der Schriftsteller Mark Twain hielt Jahrhunderte später ein heiteres Naturell nicht eben für ein Zeichen großer Geistesgaben.
„Die positive Kraft negativen Denkens“ heißt ein Buch der amerikanischen Psychologin Julie K. Norem, in dem sie den Beweis führt, dass Pessimismus bei ängstlichen Menschen die Leistungsfähigkeit erhöht und Menschen mit sediertem Selbstwertgefühl die aufmerksameren und einfühlsameren Gesprächspartner sind. Glückliche Leute neigen zu Vorurteilen, ergab eine Untersuchung: je glücklicher die Probanden, umso größer ihre Neigung, jemanden eines Verbrechens zu verdächtigen, nur weil er einer Minderheit angehört.
Und sind es nicht totalitäre Regime, die das Unglücklichsein stigmatisieren und stattdessen fahnenschwingende Wonneproppen wo immer möglich ins Bild rücken, die strahlend ihr Einverständnis mit dem großen Ganzen zur Schau stellen? „Viel Glück“, hat der russische Diktator Putin seinen Soldaten im Oktober bei einem Besuch an der Front gewünscht und einen aufmunternden Schuss in den Himmel gefeuert. Der Melancholiker ist für Autoritäten ein schwieriges Gegenüber. Seine Weitsicht macht ihn gefährlich, sein Drang zur Einsamkeit ungreifbar: „Er duldet keine verworfene Unterthänigkeit und atmet Freiheit in einem edlen Busen“, würdigt Immanuel Kant den melancholischen Charakter.
Schließlich: Welche Wonnen liegen in der Traurigkeit! Von Theodor W. Adorno existieren herzzerreißende Zeilen über das Weinen zu Schuberts Musik: „Wir weinen, ohne zu wissen, warum; weil wir so noch nicht sind, wie jene Musik es verspricht.“ Die Nymphe Echo der antiken Mythologie ist da schon einen Schritt weiter. Zu werden wie Musik, reiner Klang, hat sie ein unglückliches Lebensgeschick bestimmt. Weil der vor glücklichem Selbstwertgefühl nur so strotzende Narziss ihre Liebe nicht erwiderte, zog sie sich ins Dunkel von Wäldern und Felsen zurück, magerte ab, bis nur noch ihre Stimme übrig blieb. Seitdem spendet die Vorläuferin heutiger Anorektikerinnen einsam Klagenden Trost.
Der Satz „Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es wieder heraus“ gilt bei dem Barockdichter Sigmund von Birken für den Unglücklichen in charakteristischer Brechung. In seinem Gedicht „Lob des Unglücks“ klagt ein Unglücklicher in einer „wilden Wüstenei“ sein Leid, das Echo antwortet: „Was wächst für Trost aus Unmut? (Echo:) Mut. / Was Freude bringt Unlust? (Echo:) Lust.“ Der einsame Schmerzensmann zieht daraus den Schluss: „Wann ich leide das Leiden gern / bringt es mir Freuden-Kost.“
Doch das ist eben nur die halbe Wahrheit. Und verglichen mit den Wüsteneien, mit denen sich die „Letzte Generation“ außerhalb ihrer Echokammern konfrontiert sieht, klingt sie viel zu optimistisch. Immerhin, der kurze Blick in die Mentalitätsgeschichte der Traurigkeit zeigt: Auch bei früheren Generationen war die Stimmung eher gedeckt. Genug gegrübelt. Zeit, aufzustehen, und sei es nur, um sich an eine rettende Idee zu heften. Sein eigenes Glücksverlangen hintanzustellen – vielleicht ist das die beste Voraussetzung, doch so etwas wie Glück zu finden.