Essay zu Olympia Sportler aller Länder: Empört Euch!

Proben die Sportler den Aufstand? Ein bearbeitetes Gemälde der französischen Revoltion. Foto: Ruckaberle

Olympia wird missbraucht von Despoten, lächerlich gemacht von korrupten Funktionären und in den Dreck gezogen von Systemdopern in aller Welt. Es ist Zeit für einen Aufstand der Aufrechten – für eine Revolution der Athleten gegen die Zerstörung einer großartigen Idee.

Chef vom Dienst: Tobias Schall (tos)

Stuttgart - Es gibt zig Gründe, warum Olympia schon lange den Bach runtergegangen sein müsste: Doping, Korruption, Instrumentalisierung. Der Olympismus? Der pädagogische Überbau der Spiele interessiert in der Praxis keinen. Die Charta, das Grundgesetz der Spiele? Liest sich nett. „Von den Werten, vom Olympismus ist nichts mehr übrig. Er ist nur ein Feigenblatt, das vorgeschoben wird. Es geht um den Sieg, um Geld, sonst nichts“, sagt der hoch angesehene Antidopingkämpfer und Pädagoge Hansjörg Kofink aus Rottenburg.

 

Der Status quo: Olympia wird missbraucht von Despoten, lächerlich gemacht von korrupten Funktionären und in den Dreck gezogen von Systemdopern in aller Welt. Und was passiert? Nichts. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) bejubelt Rekordverträge für TV-Rechte, die Reichweiten werden größer und größer. Das Geschäft boomt. Wie überall.

Der Fußball-Weltverband Fifa kann attestiert bekommen, in Teilen zur organisierten Kriminalität zu gehören. Was passiert? Nichts. Das Image? Die Sponsoren? Der nächste Geldgeber wartet schon, falls einer die Nerven verliert. Staaten wie Russland dopen den Sport in die Lächerlichkeit. Egal. In Pyeongchang sind sie kaum verhüllt dabei. European Games beim Diktator um die Ecke in Weißrussland? Ein Problem? I wo. 2019 geht’s los in Minsk. Diktator Alexander Lukaschenko freut sich schon auf Europas Stars. Mit den Sportlern kann man es ja machen. Die gehen überall hin, wo ihre Sportverbände sie hinschicken. Ob Diaspora, Diktatur oder Doping-Hochburg.

Damit muss endlich Schluss sein!

Ohne Athleten kein Olympia. Ohne Olympia keine Milliarden-Einnahmen.

Zu bedeutsam ist der Sport mit dem Aushängeschild Olympia als Kulturgut, zu wertvoll für die Gesellschaft ist die Ethik des Sports mit seinem Ideal des Fair Play. Es ist Zeit für einen Aufstand der Aufrechten – für eine Revolution der mündigen Athleten gegen die Zerstörung einer großartigen Idee und für die universellen Werte des Sports und der olympischen Welt. Die Idee hinter Olympia ist viel zu gut, um sie denen zu überlassen, die sie missbrauchen.

Funktionäre mögen glauben, dass der Spitzensport ein Perpetuum mobile ist. Dass es immer weitergeht. Muss es nicht.

Die Sportler haben Macht. Ohne Athleten kein Olympia. Ohne Olympia keine Milliarden-Einnahmen. Sie sind der Treibstoff der Bewegung. Ohne sie bewegt sich nichts.

Aber dazu müssen sie aufbegehren, sich wehren, für ihre Interessen einstehen. Sich nicht wegducken, sondern aufstehen und das Wort ergreifen. „Wenn wir Sportler begreifen würden, wie weitgehend wir den Sport verändern können, wäre der Sport schon heute ein anderer“, sagt die Kanadierin Beckie Scott, Athletenvertreterin in der Welt-Antidopingagentur Wada.

Am 16. Dezember saßen Laura Dahlmeier und Johannes Rydzek im Kurhaus in Baden-Baden. Sie waren gerade als Deutschlands Sportler des Jahres ausgezeichnet worden. Das macht die Biathletin und den Kombinierer zu den inoffiziellen Klassensprechern des deutschen Spitzensports. Laura Dahlmeier und Johannes Rydzek sind ausgesprochen nett, sie gelten als absolut integer und sind angenehme Personen. Man kann mit ihnen über Gott und die Welt und das Bergsteigen plaudern.

Als sie nun aber gefragt wurden, was sie zu dem russischen Staatsdoping und der Entscheidung des IOC, das Land nicht komplett von den Winterspielen auszuschließen, sagen, kam wenig. Johannes Rydzek gab zu Protokoll, dass seine Disziplin ja zum Glück nicht betroffen sei und er sich auf den Sport konzentrieren würde. Er habe aber auch kaum Einblick und könne deswegen wenig dazu sagen, ob die Entscheidung jetzt richtig oder falsch sei. Man müsse halt mit der Entscheidung leben. Dahlmeier nickte und ergänzte: „Ich hoffe, dass die richtigen Leute die richtigen Konsequenzen ziehen. Arg viel mehr bleibt uns Sportlern nicht zu sagen.“ Ist das so?

Skistar Felix Neureuther spricht Klartext

So oder so ähnlich äußern sich die meisten Athleten, wenn es um Themen jenseits des sportlichen Wettkampfs geht. Zum Beispiel um Menschenrechte oder um Doping oder um olympischen Gigantismus oder um Korruption. Man wolle sich auf den Sport konzentrieren. Das ist nachvollziehbar, schließlich ist das ihr Job. Aber reicht das wirklich? Skistar Felix Neureuther hat der „Süddeutschen Zeitung“ ein bemerkenswertes Interview gegeben. Er opponierte gegen das IOC, warnte davor, dass die olympischen Werte in Schutt und Asche verschwinden würden, wenn es so weitergeht, und er forderte seine Kollegen zu mehr Teilhabe auf. „Es ist schade, dass man immer wieder von Sportlern hört: Ich muss mich auf den Wettkampf konzentrieren, den Rest blende ich aus. Wir fordern ja immer, dass wir öfter an Entscheidungen beteiligt werden wollen. Aber wenn keiner den Mund aufmacht – wie sollen dann Dinge in unserem Sinne geregelt werden?“

Es gibt kein Richtig oder Falsch in dieser Frage, weil es natürlich jedem selbst überlassen ist, sich zu solchen Sachverhalten zu äußern oder eben nicht. Und andere zu etwas aufzufordern, zu Kritik oder gar einem Boykott, wenn die Werte des Sports mit Füßen getreten werden, schreibt sich leicht. Es kostet einen selber nichts, aber den Sportler vielleicht viel.

Aber eines steht auch fest: Pierre de Coubertin, der Gründer der Olympischen Spiele der Neuzeit, hatte etwas anderes im Sinne als Schweigen. Er hatte das Ideal einer sportlichen Elite vor Augen. Edle Athleten, die sich nach den Prinzipien der Ritterlichkeit im Wettstreit messen. Geprägt vom Geist des Fair Play, von Respekt und Achtung des Gegenübers – eine Gemeinschaft, die diese Prinzipien gegen das Böse verteidigt. Es ist das Bild des mündigen Athleten, eines Sportlers, der mehr als nur seinen Wettkampf im Sinn hat. Der an etwas Größeres glaubt, an die universellen Werte hinter der Idee – und bereit ist, dafür zu kämpfen. Und wann waren diese Werte gefährdeter als heute?

Spitzensport ist ein gesellschaftlich relevanter Bereich, in dem zu viel geschwiegen wird von jenen, deren ureigenstes Interesse es doch sein sollte, die Stimme gegen Missstände zu erheben: die Athleten, auf deren Rücken das alles tobt.

Erleben wir den Beginn eines neuen Zeitalters?

Medien können weiter kritisch berichten und werden das auch tun, aber sie werden das System nicht grundlegend verändern. Zuschauer können ihren Unmut zum Ausdruck bringen, wenden sie sich aber nicht in Massen ab, erzeugen sie keinen Druck. Die olympischen Sportler – die absolute Mehrheit unter den Athleten, von denen nur ein Bruchteil Reichtümer verdient – sind die wahre Macht gegen die hausgemachten Missstände, gegen die Ausbeutung mittels absurder, überquellender Terminpläne, den Missbrauch ihrer Veranstaltungen zur Bereicherung.

Olympia ist der Höhepunkt eines Sportlerlebens. Offiziell sind die Spiele für die Athleten gemacht. In Wahrheit ist es ein Festival der Sponsoren, der Funktionäre, der TV-Anstalten und der hohen Politik. Der Athlet hat zu funktionieren und zu unterhalten. Er ist nichts weiter als eine Ressource, die Olympia anfordert. Magdalena Neuner, Deutschlands Biathlon-Legende, hat mal erzählt, wie prägend für sie die Spiele waren: „Olympia 2010 war für mich eine große Enttäuschung.“ Sie habe verklärte Vorstellungen gehabt. „Dass wir Sportler im Vordergrund stehen, dass ein besonderer olympischer Spirit herrscht – aber wir wurden nur herumgeschubst.“

Es tut sich etwas, so scheint es. Noch ist es nur ein Hintergrundrauschen, aber es wird lauter. Hierzulande etwa hat sich der Verein „Athleten Deutschland“ gegründet, der mehr Mitspracherecht fordert. „Wir glauben, dass die Stimme der Athleten eigenständig formuliert sein sollte. Und dass wir mit einer eigenen Organisation die Möglichkeit haben, die Stimme der Athleten unabhängig zu formulieren“, sagt Max Hartung, Athletensprecher im Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB). Und Silke Kassner, ebenfalls Athletensprecherin, forderte in der „Rheinischen Post“: „Als Athletenvertreter – gerade in der westlichen Welt – müssen wir das Herz in die Hand nehmen und überlegen, wie wir uns die Zukunft des Sportes vorstellen. Hier geht es um eine wichtige, zukunftweisende Entwicklung für eines der größten Kulturgüter.“ Neureuther fordert: „Die Athleten müssen sich noch mehr zusammenschließen, protestieren und mündige Vertreter haben, die etwas verändern können.“

Erleben wir den Beginn eines neuen Zeitalters? Einer Aufschrei-Debatte im Sport? „In weiten Teilen der Welt und unter den meisten Sportlern hat das IOC an Ansehen verloren“, sagt das IOC-Mitglied Richard Pound, einer der letzten großen Kämpfer für Werte.

Athleten aller Länder: Empört Euch!

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