Essbare Blumen im Trend Blütenteppich auf dem Teller

Verzehrbereiter Blütenmix Foto: Imago/Chromorange

Was will uns die Küche eigentlich sagen, wenn sie Blumen sprechen lässt?, fragt Jan Sellner angesichts des Trends zu Blüten im Essen. Eine Glosse.

Stadtleben/Stadtkultur: Jan Sellner (jse)

Leichtigkeit in schweren Zeiten – wo kommt sie her? Ein Tipp: Sie fällt nicht vom Himmel. Sie kommt von unten. Sie wächst aus der Erde. Um was es sich handelt? Der amerikanische Dichter Ralph Waldo Emerson kennt des Rätsels Lösung: Blumen! „Sie sind das Lächeln der Erde.“ Wenn uns also, von wo auch immer, Ungemach blüht, dann werden wir uns seiner Worte erinnern – und ein Lächeln aufsetzen. So oder so empfiehlt es sich, mehr Blumen ins beschwerte Leben einzuflechten. Ein schöner Anlass, wieder auf den Wochenmarkt zu gehen oder in die Natur. Oder zum Essen!

 

Denn auch dort lächeln uns Blumen an. Nicht nur aus Blumenvasen und -gestecken, wie es in stilvollen Restaurants üblich ist, sondern auch unmittelbar vom Teller. Seit Längerem ist es in der Gastronomie Mode, Speisen mit Blumen zu garnieren; vorzugsweise mit Lavendel, Gänseblümchen, Kornblumen und Indianernesseln. Wer sich beispielsweise einen Salat bestellt, darf sich vielfach darauf freuen, dass ihn daraus ein Vergissmeinnicht anblinzelt oder ein Löwenmäulchen aromatisch in den Gaumen zwickt. Wer Lust auf Rührei verspürt, weiß, dass ihm dieses mit Blütenreis gereicht wird. Und dass sich aus der Tiefe des Eintopfs eine Ringelblume emporschraubt, ist fast schon selbstverständlich.

Was Blühendes zum Knabbern: Snack-Sträußchen mit Sahnesauce

Interessant, wie wir Menschen ticken: Über das Haar in der Suppe oder das Mückchen im Salat können wir uns echauffieren, entdecken wir hingegen eine Taglilie im Dessert, finden wir’s deliziös. Das muss am Blumen-Lächeln liegen! Verzaubert diskutieren Blumen-Gourmets in Internetforen Fragen wie: „Kann man Hornveilchen essen?“ (Antwort: Ja) „Und Flieder?“ (Antwort: ja, aber nur den Gemeinen). Oder wollen wissen: „Wie viele Gänseblümchen darf man am Tag verzehren?“

Die einen schwärmen von kandierten Rosenblüten. Andere schnalzen beim Gedanken an frittierte Veilchen mit der Zunge. Wieder andere preisen Ofenknollen mit Dahlienblüten an und empfehlen zur Abwechslung Jemenitischen Waldwiesenaufstrich (kein Witz!) oder etwas Blühendes zum Knabbern: Snack-Sträußchen mit Sahnesauce (auch kein Witz!). Apropos: Wie wär’s aus aktuellem Anlass – dem Gastspiel der französischen Fußballfans und Feinschmecker in der Stadt – mit einem Blüten-Crêpe aus Veilchen, Gänseblümchen und roten Stiefmütterchen? Bleu, Blanc, Rouge! Bon Appetit!

Finger weg vom Fingerhut!

Längst ist der Weg ins Gartencenter für manche so etwas, wie der Gang ins Feinkostgeschäft. Wobei Kenner warnen, nach dem Kauf neuer Pflanzen mit dem Blütenkonsum 14 Tage zu warten, bis mögliche Reste von Pflanzenschutzmitteln abgebaut sind. Noch besser seien Bio-Blüten. Überhaupt: Nicht alles, was einen aus dem Blumenbeet anlächelt, ist genießbar. Einige Blumen sind sogar giftig. So gilt etwa: Finger weg vom Fingerhut! Blühenden Unsinn sollte man ebenfalls meiden.

Zur Wahrheit gehört auch: Der Blütenteppich auf dem Teller ist nicht jedermanns Geschmack. Wenn die Küche Blumen sprechen lässt, kann man sich schon mal fragen, was sie einem auf dem Mittagstisch oder beim Abendessen eigentlich zu sagen haben? Immer wieder sieht man Gäste ratlos auf blühende Schnitzel und ergrünendes Risotto blicken. Ein Beispiel aus dieser Woche: eine Miniaturblumenwiese auf dem ansonsten tadellosen Käsekuchen im Café in der Württembergischen Landesbibliothek. Dann doch lieber geistige Genüsse, serviert vom Bistro Goethe: „Blumen sind die schönen Worte und Hieroglyphen der Natur, mit denen sie uns andeutet, wie lieb sie uns hat.“ Schmeckt köstlich und hinterlässt keine Blütenreste zwischen den Zähnen.

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