Essen für Bedürftige in Stuttgart Nächstenliebe, die durch den Magen geht

Von Isabelle Zeiher 

Frank Zander macht’s in Berlin. Nun gibt es ein Gänseessen für Bedürftige auch in Stuttgart. Am Samstag luden der Start-Up-Unternehmer Marcus Klein und seine Helfer 500 Menschen in die Alte Reithalle.

Gans, Knödel und Rotkohl – mit diesem Festtagsessen erfreut eine private Initiative Bedürftige. Foto: Lichtgut/Julian Rettig
Gans, Knödel und Rotkohl – mit diesem Festtagsessen erfreut eine private Initiative Bedürftige. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Stuttgart - Der Musiker Frank Zander macht’s seit Jahren in Berlin: ein Gänse­essen für bedürftige Mitbürger. Nun gibt es eine solche Veranstaltung auch in Stuttgart. Am vergangenen Samstag lud der Start-up-Unternehmer Marcus Klein zum ersten Mal zu einem traditionellen Gänseessen in die Alte Reithalle. 500 Bedürftige ließen sich Braten, Rotkohl und Knödel in noblem Ambiente schmecken.

200 Gänse und 1000 Knödel

Vor den Türen der Alten Reithalle beim Maritim-Hotel ist eine lange Schlange. Die Türen gehen auf – und ein paar Dutzend Leute strömen in den Saal mit den Kronleuchtern. Es riecht nach Weihnachten, dabei ist es erst Ende Oktober. Kinder, Frauen und Männer setzen sich um die liebevoll gedeckten Tische. Was aussieht wie ein großes Familienfest, ist eine private Initiative für Bedürftige. Marcus Klein lädt zum Gänseessen ein – eine Premiere in Stuttgart. Er stellt sich auf einen Stuhl, begrüßt die Anwesenden und eröffnet das Büfett. 200 Gänse, 50 Kilo Rotkohl und 1000 Knödel warten nur darauf, von den 500 Gästen gegessen zu werden.

Die meisten Besucher sind zum ersten Mal so schick essen. Normalerweise sind sie froh, überhaupt genug zu essen zu haben. Im Alltag gehören Restaurantbesuche zu den Tagträumen, nicht zur Realität. „Die Leute, die zu uns kommen, haben finanzielle Probleme oder sind gesundheitlich angeschlagen. Meist sind es ältere Personen, die von der Altersarmut betroffen sind“, sagt Klein. Zu ihnen gehört ein 65-jähriger Rentner. Der ehemalige Maurer sammelt täglich Flaschen, um sich ein warmes Mittagessen leisten zu können. „Ich habe noch nie Gans gegessen. Dabei schmeckt es so köstlich“, sagt er.

Karin fühlt sich „wertgeschätzt“

Auch bei Karin reicht die Rente vorne und hinten nicht. Die letzte Gans hat die 76-Jährige auf ihrer Kommunionsfeier gegessen. Das Essen hier sei ihr Highlight des Jahres: „Ich fühle mich wertgeschätzt und kann meine ganzen Sorgen für einen Moment vergessen“, sagt sie. Genau das ist das Ziel, welches sich Klein gesetzt hat. „Alle sollen sich hier wohlfühlen und am Ende sagen: Das war eine tolle Veranstaltung“, sagt er. Sein Vorbild ist das Berliner Weihnachtsgansessen, das der Musiker Frank Zander jährlich veranstaltet. Neben seiner Arbeit als Start-up-Unternehmer organisiert Klein zudem alle zwei Monate den „Heißen Kessel“, eine Suppenküche für Bedürftige, bei der auch Kleider und Schuhe ausgegeben werden. „Stuttgart war immer für mich da. Jetzt bin ich es für Stuttgart“, sagt Klein. Finanziert werden die Veranstaltungen durch Spenden und Sponsoren. Die positiven Reaktionen treiben seine Helfer und ihn an. Sie könnten auch Geld spenden, aber das sei nicht das Gleiche: „Hier packe ich selbst an, unterhalte mich mit den Leuten und sehe dabei direkt, wie es bei ihnen ankommt.“

Diese Mühe würdigen seine Gäste. Am Ende der Veranstaltung stellt sich Michaela auf einen Stuhl und animiert die Besucher zu einem lauten Klatschkonzert als Dank. Klein ist zufrieden. „Nach so einem Event weiß man wieder, worauf es wirklich im Leben ankommt“, sagt er.

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