Essen in der Antike – eine Ausstellung in Rom Das Ketchup der Kaiser

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Wie das antike Rom es schaffte, mehr als eine Million Einwohner satt zu kriegen, zeigt die Ausstellung „Nutrire l’impero“ in der Ara Pacis, dem Grabmal des Augustus: Wenn das Getreide mal fehlte, flogen auch Steine.

Ein  Straßenhändler, der Hühnchen und Brote verkauft  – Relief aus der römischen Hafen-Vorstadt Ostia, 3. Jahrhundert nach Christus   Foto: Katalog
Ein Straßenhändler, der Hühnchen und Brote verkauft – Relief aus der römischen Hafen-Vorstadt Ostia, 3. Jahrhundert nach Christus   Foto: Katalog

Stuttgart - Nichts als Scherben. Dreißig Meter hoch der Hügel, zwei Fußballfelder weit seine Grundfläche. Antiker Verpackungsmüll, nie entsorgt, aber akkurat zerschlagen und sauber aufgeschichtet. Der Monte Testaccio in Rom besteht aus lauter ehemaligen Amphoren, per Schiff angeliefert aus dem Süden Spaniens und Afrikas Norden. Olivenöl enthielten sie einst, das Grundnahrungsmittel der Römer neben Getreide und Wein. Und sie sind – zusammen mit den grandiosen Aquädukten, den verfallenden Hafenanlagen in Porto und dem Monumentalgrab eines Großbäckers namens Eurysaces – die letzten sichtbaren Zeugnisse einer gigantischen historischen Aufgabe: Mindestens eine Million Menschen ballten sich im Rom der Kaiserzeit.   Sie alle brauchten zu essen, zu trinken. Und sie forderten es ein, immer am Rand einer Revolte.

Aber wie hat Rom, die bis zur industriellen Revolution größte Stadt der Welt, seine Bewohner satt bekommen? Das zeigt jetzt die opulente, aber nicht überfrachtete Ausstellung „Nutrire l’impero – Das Reich ernähren“. Eingerichtet ist sie unter der „Ara Pacis“, dem Grabmal des Augustus, und das passt thematisch ganz gut. Der berühmte Kaiser, der dort seine Friedenspolitik propagandistisch verherrlicht, tut dies unter anderem durch die Darstellung einer prallen Mutter Erde mit einem von Früchten überquellenden Füllhorn.

Tag für Tag verschlang Rom damals tausend Tonnen Getreide; Tag für Tag flossen 430 Hektoliter Öl in die   Küchen (und in die Schönheitssalons) sowie 500 000 Liter Wein in die Kehlen des durstigen Volks. Praktisch alles davon kam übers Meer; der Landtransport, so haben Wissenschaftler errechnet, wäre dreißig Mal so teuer gewesen. Es konkurrierten in globalisiertem Wettbewerb die Kornkammern Siziliens, der Provinz Africa (heute Algerien, Tunesien, Libyen) und – am potentesten – der kaiserlichen Ländereien in Ägypten.

Die Moden des Geschmacks

Aus den Stempeln auf den Amphoren-Scherben lesen Archäologen auch den Wandel der Geschmäcker im Lauf der Zeit: Beim Olivenöl war mal Andalusien „in“, mal Nordafrika; diverse griechische Inseln wechselten sich beim Wein   ab mit Spanien und Südfrankreich. Und beim „Garum“, jener sündteuren, aber – laut dem Historiker Plinius – „nur nach Verwesung stinkenden” Fischsoße, welche die Römer über ihre Speisen kippten wie unsereiner den Ketchup, da bekamen Gourmets sogar Lieferungen von der heute portugiesischen Atlantikküste.

Die Auslagerung der Massenproduktion in ferne Weltteile bedeutete für die italischen Provinzen zwischen Toskana und Vesuv, dass ihr nicht minder fruchtbarer Ackerboden frei wurde für die Erzeugung höherwertiger Produkte. Frischgemüse, Salat und Obst oder noch verderblichere Waren wie Fisch waren folglich nur etwas für reiche Leute; der Senator Varro berichtet, ein paar Meilen vor Rom habe seine Tante mit einer einzigen Voliere zur Zucht von Drosseln mehr Vermögen gemacht als viele Großgrundbesitzer. Auch italienischen Wein musste man sich als Römer erst mal leisten können – am billigsten war nur der, welcher in allernächster Nähe wuchs. Er hatte aber auch den miesesten Ruf: der Wein vom Vatikanhügel.

Gestartet waren die Römer als Vegetarier, die sich hauptsächlich von „puls” ernährten, einem Getreidebrei aus gekochtem Emmer. Backfähigen Weizen entdeckten sie erst später, und als der Volkstribun Gaius Gracchus 123 vor Christus auf die Idee kam, dieses Korn kostenlos an die Plebs zu verteilen, war ein System der Sozialfürsorge geschaffen, hinter das selbst die Kaiser bis zum Reichsende nicht mehr zurückkonnten. 35 Kilo Weizen erhielten römische Freie jeden Monat aus kaiserlichen Händen; auf maximal 200 000 legte Augustus die Zahl der Empfangsberechtigten fest – wobei das nicht automatisch „Arme“ waren, sondern durch Los bestimmte, freie männliche Bürger, die ihre Aufnahme in die „plebs frumentaria“ als eine Art Adelstitel empfanden. Später gab’s auch Öl kostenlos, dann Wein zu politisch niedrig gehaltenen Preisen und – unter Kaiser Antoninus, nach 270 – sogar Schweinefleisch umsonst.

Fehlt das Getreide, fliegen die Steine

Zu den auch in politischer Hinsicht delikatesten Spitzenämtern, die ein Kaiser verleihen konnte und musste, zählte nicht umsonst der „praefectus annonae“, der für die Gesamtlogistik, die ununterbrochene Versorgung der Stadt zuständig war. Die Stimmung unter den Bürgern war empfindlicher als heute jedes Börsenbarometer: Schöpften die staatlich Versorgten auch nur den geringsten Verdacht, ein Getreideschiff könnte ausgeblieben sein, flogen auch mal Steine gegen den Kaiser persönlich, oder es wurde das Haus des Stadtpräfekten abgebrannt.

Die Ausstellung widmet sich natürlich auch der römischen „Cena“, dem Gelage unter Freunden mit seiner vielfältigen Speisenfolge „ab ovo usque ad mala“: vom Ei als Vorspeise bis zum Obst,   den Äpfeln, am Schluss. Unterbelichtet bleibt nur die Frage, wie man es in der Praxis mit jenem Edikt – angeblich – des Stadtgründers Romulus hielt, dem zufolge den Frauen der Wein bei Todesstrafe verboten war. Sexuelle Konnotationen spielten da hinein; der Wein raubt ja bekanntlich die Sinne und damit womöglich auch die Treue des Weibs zu ihrem Ehegespons, andererseits erleichtert er das tägliche Leben, wie Seneca, der Philosoph und Lehrer Neros, festhielt – und die Arbeit der Polizei: Manchem schweigsamen Verdächtigen wurde damals Wein eingeflößt, um seine Zunge zu lockern. Welche Qualität dabei verwendet wurde, und ob man deshalb von „Folter“ reden müsste, steht nicht in den Quellen.

Umso verdienstvoller, dass die Ausstellungsmacher das alte Rom dem neuen in einer ganz speziellen Art gleichsetzen. Tagsüber ernährte man sich unter Caesar, Augustus & Co. genauso wie heute: per Fast Food auf den Straßen, und die seinerzeit beliebten Teigfladen sehen der heutigen, fetttriefenden Pizza zum Verwechseln ähnlich. Allerdings boten so manche Straßenkneipen damals einen weiteren, heute an den Stadtrand verdrängten Schnell-Service, denn die Frauen an den Theken, die waren nicht nur zum Kochen da. „Es braucht wenig“, schrieb der Dichter Martial damals, „einen Imbiss-Stand aufzumachen. Eine Theke für warme Kichererbsen vorne und im Hinterzimmer   eine für die Venus.“

Bis zum 15. November
in der Ara Pacis in der Stadtmitte Roms, täglich von 9 bis 21 Uhr.