Esslingen „Das ist mir wichtig“: Berührende Begegnung zweier Nachbarn
Wolfram Kindl aus Esslingen ist 91 Jahre alt. Wenn er zu einer Bushaltestelle möchte, muss er einen großen Umweg und dutzende Stufen bezwingen. Wären da nicht seine Nachbarn.
Wolfram Kindl aus Esslingen ist 91 Jahre alt. Wenn er zu einer Bushaltestelle möchte, muss er einen großen Umweg und dutzende Stufen bezwingen. Wären da nicht seine Nachbarn.
Es gibt sie. Die schönen Geschichten. Ohne Krieg, Missgunst, Drama. Im Nachrichtenalltag gehen sie manchmal verloren, umso besser ist es, wenn aufmerksame Leserinnen und Leser unserer Zeitung an eben jene schönen Begebenheiten erinnern - oft passieren sie nämlich vor der eigenen Haustüre.
So etwa vor dem Zuhause von Wolfram Kindl aus Esslingen. Drei Stockwerke, dutzende Stufen, ein großer Bogen: Wenn der 91Jährige von seiner Haustüre aus zur nächstgelegenen Bushaltestelle möchte, ist das ein Kraftakt. „Ich habe das Haus 1975 gekauft, da war ich natürlich noch jünger als jetzt. Die Treppen haben mir damals nicht viel ausgemacht“, erklärt Kindl. Jetzt beansprucht ihn die Strecke sehr, immerhin geht es erst zahlreiche Stufen hinunter, dann eine längere Steigung nach oben, gefolgt von einer Treppe und einer weiteren Steigung.
Trotzdem will der Senior in die Stadt kommen, Auto fährt er wegen seines hohen Alters kaum noch, erst recht nicht nachts. Die Lösung lag lange Zeit nahe - zumindest grundsätzlich und räumlich: Zwischen seinem Haus und der Bushaltestelle gibt es ein bebautes Grundstück. Ein Tor verbindet das Gelände des 91-Jährigen mit dem des Nachbarn. Die angrenzenden Bewohner ließen es zuschweißen, sie wollten Wolfram Kindl kein Wegerecht einräumen, erzählt er. Dann zogen sie aus. Neue Nachbarn zogen ein: Brigitte und Hans-Peter Baisch.
„Wir haben uns kennengelernt und waren uns direkt sympathisch“, erinnert sich Brigitte Baisch an die ersten Begegnungen mit Kindl. „Uns war klar, dass es unmöglich für ihn ist, den ganzen Weg zur Bushaltestelle zu gehen.“ Eine Lösung musste her. Auf eigene Kosten befreite Familie Baisch das zugewachsene Tor und befestigte den hinführenden Weg ordentlich - ohne Hubbel, mit leichter Steigung und mit wenigen Stufen. Jetzt ist der Weg zur Haltestelle frei und sicher zugänglich. „Mir ist es wichtig, dass man mit der Nachbarschaft ein schönes Verhältnis hat“, sagt Brigitte Baisch.
Wolfram Kindl freut sich sichtlich über die Mühe, die sich Hans-Peter Baisch bei den Arbeiten gegeben hat: „Das Tolle ist ja, dass er extra für mich einen Weg durch seinen Garten bauen lassen hat. Und nicht nur, dass er das Tor aufgemacht hat.“ Tore öffnen statt schließen, gemeinsame Wege bauen. Es ist eine schöne Metapher, die zeigt: Gutes tun, freundlich sein - das kann trotz einer erdrückend wirkenden Weltlage jeder einzelne vor Ort.