Esslingen Die Stadt sucht die Hürden zur Kultur

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Warum gehen die einen Bürger ins Theater und dieanderen nicht? Eine Agentur soll das herausfinden.

Warum gehen sozial schwache Menschen nicht ins Theater ?  Die Agentur Kulturgold soll das herausfinden. Foto: Ines Rudel/Ines Rudel
Warum gehen sozial schwache Menschen nicht ins Theater ? Die Agentur Kulturgold soll das herausfinden. Foto: Ines Rudel/Ines Rudel

Esslingen - Die Menschen am Rande der Gesellschaft als „bildungsferne Schichten“ zu bezeichnen, ist ein böses, ein stigmatisierendes Diktum. Aber egal, wie man sie nennt, dass es diese Schichten gibt, ist eine Realität, eine Realität, die das Kulturamt der Stadt Esslingen allerdings nicht länger hinnehmen will. Schon mit dem Kulturpass versucht das Amt, sozial schwachen Bürgern den Besuch der städtischen Bildungseinrichtungen zu ermöglichen – mit mäßigem Erfolg. Die jetzt begonnene sogenannte Teilhabestrategie soll deshalb herausfinden helfen, warum trotz kostenloser Eintrittskarten nicht mehr Bürger ins Kino, in die Galerie der Stadt oder ins Theater kommen.

Es nicht nur ums Geld

„Wir haben festgestellt, dass die finanzielle Hürde nur eine von ganz vielen Hürden ist bei der Teilhabe am kulturellen Leben der Stadt“, sagt Jonas Pirzer vom Kulturamt. Diese Hürden will die Stadt nun mithilfe der Stuttgarter Agentur Kulturgold identifizieren. Bereits im Oktober wird Kulturgold 15 Esslinger Experten zum Thema kulturelle Bildung und Teilhabe befragen. Anschließend kommen Kultur-, Bildungs- und Sozialeinrichtungen an die Reihe. Die Ergebnisse der Umfragen werden in einem Zwischenbericht bis Anfang des kommenden Jahres gesammelt, danach werden vier bis sechs Gruppengespräche mit Menschen geführt, die wenig mit Kultur zu tun haben.

Dabei liegt der Fokus nicht ausschließlich auf Menschen am Rande der Gesellschaft, es geht auch um Manager, die noch nie ein Theater von innen gesehen haben. Anschließend gibt es im Frühsommer einen Abschlussworkshop, und im Herbst wird es die ersten Handlungsempfehlungen für den Gemeinderat und die Kultureinrichtungen geben.

Zwei Kulturmanagerinnen mischen mit

Die Stuttgarter Agentur Kulturgold wird hauptsächlich von Yvonne Pröbstle und Céline Kruska geführt, beide sind Kulturmanagerinnen. In der Region haben sie sich bereits mit verschiedenen Projekten einen Namen gemacht. In Heilbronn beispielsweise haben sie die Kulturkonzeption im Hinblick auf Teilhabe umgestellt, um damit dem Gemeinderat klare Richtlinien zu geben, welche Institutionen in der Stadt besonders gefördert werden sollten.

In Ludwigsburg sollte die Agentur herausfinden, warum Menschen den Weg in die Konzerte und Lesungen der Ludwigsburger Schlossfestspiele nicht beschreiten. Bei dieser sogenannten Nichtbesucher-Befragung wertete die Agentur Befragungen unter den Gästen des Esslinger Podium Festivals und des Theaterhauses Stuttgart aus. „Mit diesen Erkenntnissen hatten die Schlossfestspiele natürlich die Möglichkeit, ihr Programm und ihre Werbung dementsprechend zu ändern“, berichtet Christine Krause, die Sprecherin der Schlossfestspiele. Als die Museumslandschaft in Böblingen neu ausgerichtet werden sollte, war Kulturgold erneut aktiv. Die Agentur habe schwerpunktmäßig besondere Besuchergruppen untersucht, wie zum Beispiel Jugendliche und Migranten, sagt Céline Kruska von Kulturgold, um herauszufinden, wie man die Museen gestalten müsse, damit sich auch jene Besuchergruppen wiederfänden.

Dass Esslingen an einer Teilhabestrategie arbeitet, ist zumindest im Landkreis einzigartig, obwohl manche Städte zumindest ähnliche Angebote haben wie Esslingen. Die Stadt Nürtingen etwa hat nach Auskunft ihres Pressesprechers Clint Metzger denn auch einen Familienpass eingeführt, der Kindern und Jugendlichen den Besuch von städtischen Angeboten in den Bereichen Bildung, Freizeit und Sport zu ermöglichen.

Für Jugendliche ist auch der Esslinger Kulturrucksack gedacht, der mit pädagogischen Mitteln zur Kultur führen soll. Der Kulturpass hingegen wird vom Sozialamt verteilt und geht an Esslinger, die nicht mehr als 1050 Euro Einkommen im Monat haben. Dennoch geht das Sozialamt davon aus, dass es noch viel mehr Bürger gibt, die darauf einen Anspruch haben. Von diesen 2000 Empfängern nutzen den Pass tatsächlich etwa 200 Menschen. Und das ist dem Kulturamt einfach zu wenig.